Predigt von Landesbischof Jochen Bohl am Sonntag Septuagesimae, 5. Februar 2012, im Berliner Dom
„So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“
Jeremia 9, 22 – 23
Liebe Gemeinde,
sich rühmen, das meint: stolz sein auf Leistungen, die gelungen sind; auch einverstanden sein mit sich selbst und die personalen Eigenschaften, die einem zur
Verfügung stehen, nicht verstecken. Sich rühmen, sagt Jeremia, soll man nicht. Aber es ist doch menschlich - wie sollte man denn mit sich ins Reine kommen, wenn man nicht um die eigenen Fähigkeiten, Begabungen, Verdienste wüsste? Wenn man nicht gute Erfahrungen mit der eigenen Person gemacht hätte? Jeder Mensch stellt sich irgendwann die Frage, was sind meine Stärken und Schwächen, was unterscheidet mich von anderen, was kann ich – wer bin ich?
Die Frage verlangt nach einer Antwort, und also sind wir darauf angewiesen, dass wir von den Mitmenschen wenigstens ab und zu einen Hinweis bekommen, dass sie schätzen, was wir tun, dass sie liebenswerte Anteile unserer Persönlichkeit entdeckt haben, dass sie unser Bemühen um die Gemeinschaft würdigen und dankbar für unser Handeln sind. Nicht ohne Grund gibt es eine Kultur der Anerkennung in Staat und Gesellschaft, in Betrieben und Vereinen und auch in der Kirche. Es ist gut, wenn Gelungenes gewürdigt und Danke gesagt wird für Engagement um das Zusammenleben. Bestätigt zu bekommen, dass man etwas kann, gebraucht wird, Achtung genießt – darin ist etwas Elementares, unbedingt Notwendiges. Wir können nicht auskommen ohne eine dankbare Zustimmung zu der Person, die wir geworden sind, zu dem, was wir können und zu unseren Gaben. Das bleibt wohl das Leben hindurch so.
Schon in der Erziehung hilft ein Lob mehr als der Tadel. Positive Verstärkung des Guten und Gelungenen bewirkt in den Kindern anderes und besseres als Kritik oder gar Missachtung, von Strafen ganz zu schweigen. Bildung ist nicht möglich ohne die Entdeckung, Begabungen in sich zu tragen und dass es Freude macht, sie zu entwickeln. Darum ist es so schön, das Heranwachsen der Kinder beobachten zu können, anzusehen, wie sie zur eigenen Persönlichkeit finden und zur Erkenntnis ihrer selbst. Wie ein Selbstwertgefühl wächst, das aus den Möglichkeiten kommt, die ihnen auf den Lebensweg mitgegeben sind. Ja, es ist gut, den Frieden gefunden zu haben, der darin liegt, dass man einverstanden ist mit sich.
Aber – damit ist nicht alles gesagt, längst nicht. Denn die Zustimmung zu mir selbst kann umschlagen in Hybris und Hochmut. Es kann sein, dass ein Mensch über der Betrachtung des eigenen Ich die Mitmenschen aus dem Auge verliert; es kann sein, dass aus dem notwendigen Selbstwertgefühl jene Selbstüberhebung wird, die Zerstörerisches in sich trägt. Sie missachtet das Recht der anderen und verfällt der Selbstgerechtigkeit. Es ist eine Versuchung – wem scheinbar alles leicht und ohne große Anstrengung gelingt, neigt dazu, den Beitrag der anderen zum Erfolg zu übersehen. Hochbegabt zu sein, kann zu einer schweren Hypothek, der schnelle Aufstieg zu einem Problem werden. Gelingen verleitet zur Hochmut, und der Volksmund weiß, dass sie vor dem Fall kommt. Dafür gibt es eine endlose Reihe von Beispielen aus allen Bereichen des Lebens.
Ein Aspekt der Finanzkrise, die uns nun schon seit Jahren beschäftigt, ist die Hybris mancher Akteure an den Finanzmärkten. Über der Bewunderung für die neuersonnenen Instrumente und die erstaunlichen Renditen, die sie erzeugten, haben manche jedes Maß verloren, sich als „masters of the universe“ (Herren der Welt) gesehen. Selbstherrlich meinten sie, Risiken beherrschen zu können, die andere für unvertretbar gehalten hatten. Der Schaden, der daraus erwachsen ist, war riesengroß; und mit Erbitterung mussten wir sehen, dass er von anderen, von vielen kleinen Leuten überall auf der Welt getragen wurde; dass die Staaten sich in nie gekannter Weise verschuldeten, um das Schlimmste zu verhindern.
Ähnlich ist es in der Politik, wo große Wahlsiege nicht selten den Keim des Scheiterns in sich tragen; aber das mögen die strahlenden Sieger, die sich ihres Erfolges rühmen, nicht sehen. In diesen Tagen wird die wirtschaftliche Stärke Deutschlands in Europa weithin bewundert; aber es wäre nicht weise, zu handeln, als solle am deutschen Wesen die EU genesen.
Liebe Gemeinde,
die Bibel weiß zu schätzen, was den Menschen möglich ist, was sie bewirken können mit den Gaben, die ihnen geschenkt sind. Von Weisheit, Stärke und Reichtum redet Jeremia und natürlich bestreitet er nicht, dass sie zu den Voraussetzungen für ein gutes Leben gehören.
Ein Weiser… ein wenig gebrauchtes Wort in diesen Zeiten. Man hört es nur selten, dabei beschreibt es Eigenschaften, die doch gebraucht werden, Weisheit ist zeitlos. Verstehen können, was geschieht; sagen, was um der Wahrheit willen nicht verschwiegen werden darf; tun, was möglich ist, damit dem Bösen gewehrt und das Gute möglich wird – das sind Beschreibungen eines wissenden, lebenserfahrenen und hilfreichen Menschen. Es ist ein Geschenk, einem Weisen zu begegnen und es liegt ein Segen darin, zu dem Maß an Weisheit zu finden, das hilft, nicht in die Irre zu gehen.
Ein Starker… Stärken werden gebraucht, und es ist gut, dass es starke Menschen gibt. Was wäre es für ein Leben, wenn wir nicht darauf vertrauen könnten, dass unsere Kräfte uns helfen werden, in den Herausforderungen zu bestehen, vor die das Leben uns stellt. Es ist gut, Fähigkeiten in sich zu wissen und es ist ein Geschenk, stark zu sein, bestehen zu können. Und was für ein Segen ist es, wenn in einer Situation der Schwäche ein Starker zu Hilfe kommt.
Ein Reicher… der Wohlstand wird in der Bibel nicht gering geachtet. Gerade in den Schriften des Alten Testaments, zu einer Zeit, in der die Menschen ungleich gefährdeter lebten als wir heutigen, ist oft die Rede davon, wie gut es ist, zu besitzen und sich nicht um das Überleben sorgen zu müssen, sondern eine gewisse Sicherheit zu haben. Der Mangel war ja allgegenwärtig; aber wer vorsorgen konnte, musste sich nicht vor mageren Jahren, vor Missernten oder Heuschrecken fürchten.
Und doch – die Bibel warnt immer wieder vor den Gefahren des Reichtums. Denn das Streben danach kann maßlose Züge annehmen, es kann den Zusammenhalt der Gemeinschaft belasten und oft werfen die Propheten den Reichen vor, dass sie aus Gier und verantwortungslos auf Kosten der Armen wirtschaften. Daraus entstehen Konflikte, die zu Hass, Streit und Gewalttaten führen. Und darum sagt Jeremia, „ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums“.
Nein, die Überhöhung führt zu nichts Gutem, niemals. Weisheit, Stärke, Reichtum haben ihre Bedeutung für das Gelingen des Lebens – aber sie sollen nicht für sich allein stehen, warnt Jeremia. Wer sich seiner Weisheit rühmt, gibt bereits zu erkennen, wie flüchtig sie ist und dass sie stets aufs Neue bewährt sein will. Dem Starken, der sich auf seine Stärke verlässt, und darüber die anderen vergisst, wird es nicht erspart bleiben, der eigenen Schwäche zu begegnen – früher oder später.
Darum: „Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“ Die Gaben, die uns gegeben sind, sollen wir nicht eigensüchtig für uns gebrauchen, sondern zum Lobe Gottes und zur Erfüllung seines Willens.
Liebe Gemeinde,
Weisheit, Stärke und Wohlstand sind notwendig für das Gelingen des Menschenlebens; und gerade darum weist Jeremia ihnen den Platz zu, der ihnen zukommt. Wem sie gegeben sind, soll sie gebrauchen zum Besten der Gemeinschaft und mit ihnen den Mitmenschen dienen. Denn was uns gegeben ist, haben wir von Gott. Der Glaube weiß darum, dass wir Weisheit, Stärke und Wohlstand nicht empfangen haben, um uns über andere zu erheben, oder eigensüchtig für uns zu besitzen. Wer auf Gott vertraut, sieht sich selbst in einer unauflöslichen Beziehung zu den anderen Menschen, die in gleicher Weise seine Geschöpfe sind. Als Jesus gefragt wurde, was das höchste Gebot sei, hat er zuerst davon gesprochen, dass wir Gott lieben sollen „von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von all Deinen Kräften“. Dann hat er uns aufgegeben, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst (Mk.12) – für ein gutes Leben werden sowohl die Selbstliebe als auch die Nächstenliebe gebraucht.
In der Nachfolge Jesu sehen wir auf uns selbst in Demut vor Gott. Denn in dem Licht der Frohen Botschaft werden wir niemals nur die Weisheit sehen, zu der wir gefunden haben, sondern zugleich unsere Irrtümer und unsere Verblendung. Gott kennt nicht nur unsere Stärke, sondern auch die Schwäche, und der Apostel Paulus tröstet uns mit der geistlichen Wahrheit, dass Gottes Geist in den Schwachen lebendig ist. Auch werden wir uns nicht mit unseren Reichtümern beruhigen, sondern besitzen, als besäßen wir nicht.
Was wir auf Erden erreichen, wird immer flüchtig sein, auch missbraucht werden können – Gott aber ist der Herr, „der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden;“ und er hat seine Freude daran, dass wir seinem Willen folgen. Im Glauben finden wir zu der Einsicht, dass es zuerst um Gott geht. Folgen wir ihr, dann dürfen wir hoffen, dass es gut wird mit uns und wir lange leben auf Erden.
Amen.


