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Landeskirche

Beitrag von Landesbischof Jochen Bohl zum Thema Schriftverständnis - ideaSpektrum 17/2013

Artikel "Wie ist die Bibel heute zu verstehen?"

 

 

Die Anrede Gottes

I

Vor einigen Jahren sah mein Sohn mich am Schreibtisch, fragte, was ich denn mache – Predigt über das Gleichnis vom Senfkorn – und wie ich denn voran käme – langsam, zögerlich – und meinte, so schwer könne das ja wohl nicht sein, ich müsste es doch inzwischen verstanden haben, nachdem ich mich mein ganzes Leben mit der Bibel beschäftige. Ich musste kurz schlucken; vermutlich werden ja nicht wenige ähnlich denken.

Aber so ist es nicht, im Gegenteil – je länger ich mit der Heiligen Schrift lebe, desto größer wird das Staunen darüber, dass sie mir immer wieder überraschende Impulse gibt, dass ich nicht mit ihr fertig werde. Wie oft habe ich einige ihrer Texte bedacht und ausgelegt, den Auszug aus Ägypten, die Seligpreisungen und die Gleichnisse – und entdecke immer noch Unerwartetes darin. Unzählige Predigten werden landauf, landab und Sonntag für Sonntag über ein und denselben Text gehalten – und jede von ihnen trägt ein eigenes Profil. Es mutet an wie ein Wunder: Die Bibel erschöpft sich nicht, nicht in meinem Leben und auch nicht im Leben der Kirche.

Woran das liegt?

In der Heiligen Schrift begegnet uns das Gotteswort, die Frohe Botschaft, mit der Gott uns anredet und den Zugang zu der göttlichen Wahrheit öffnet, die menschliche Verstehensmöglichkeiten übersteigt, höher ist als alle Vernunft. Die Menschen sind fehlbar, irrtumsverhaftet und das entdecken wir nicht zuletzt in der Begegnung mit der Heiligen Schrift und der Wahrheit, von der sie kündet und der wir nicht gerecht werden. Darum verbraucht die Bibel sich nicht.

Es wäre schlimm, wenn wir den Respekt vor der Schrift verlieren würden, ihre Heiligkeit uns verloren ginge. Es soll immer ein Moment der Fremdheit bleiben, das aus dem Wissen kommt, dem Gotteswort zu begegnen, das in meiner Erfahrungswelt nicht aufgeht, sondern mir gegenübersteht. Jeden Text, auch die vertrauten wie das Gleichnis vom Senfkorn lesen wir so, als versuchten wir, ein noch nicht entdecktes Geheimnis zu ergründen. Dann werden wir hoffen dürfen, neue Entdeckungen zu machen, von denen wir bereichert werden und wachsen „in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus“ (2. Petrus 3, 18).

Allerdings – es bleiben auch Texte, die dauerhaft fremd anmuten und denen wir uns nicht zu nähern vermögen. Vieles in der Offenbarung ist mir bis heute unvertraut und abständig. Diese Fremdheit der Bibel empfinden wir als etwas Störendes; und das gilt vielleicht umso mehr, wenn wir uns in ihr beheimatet fühlen. Störungen aber sind niemals willkommen, darum haben wir gewisse „Techniken“ entwickelt im Umgang mit ihnen. Drei von ihnen will ich benennen, die eine ständige Gefahr für das geistliche Leben sind.

Zuerst und besonders nahe liegend: Man wertet die biblischen Aussagen ab, indem man sie für überholt erklärt. Die empirischen Naturwissenschaften sind eine relativ junge „Erfindung“, von der die Bibel noch nichts weiß – aber sie prägen unser Leben am Anfang des 21. Jahrhunderts. Allerdings findet sich die besondere wissenschaftliche Denkbewegung, nämlich wissen zu wollen, wie die Welt beschaffen ist und wie ihre vielfältigen Erscheinungen zusammenhängen und das Menschenleben bedingen, sehr wohl in der Bibel und ist mit dem Glauben an Gott verbunden. Es gibt keine Erkenntnisverbote in ihr (sieht man davon ab, dass wir uns kein Bildnis Gottes machen sollen) und das ist ein Grund, dass die Wissenschaften in der jüdisch-christlichen Tradition zu dieser Höhe entwickelt wurden; und begründet auch unsere Überzeugung, dass es keinen Gegensatz gibt zwischen Glauben und Wissen. Karl Barth hat einmal gesagt, dass ein Gott, der den Weltbildern der Menschen entsprechen würde, nicht der Gott der Bibel wäre. Und das sehen nicht nur Theologen so, sondern auch gläubige Physiker, Biologen und Mathematiker.

Der Unglaube aber macht die (jeweils geltenden) Maßstäbe des Verstehens zur Grundlage des Urteilens. Das hat zu tun mit den wundersamen Erzählungen der Bibel von außerordentlichen Ereignissen, die sich den Gegebenheiten der irdischen Kontingenz entziehen. Für das Gelingen des Auszugs aus Ägypten und die wundersame Querung des Roten Meeres macht es wenig Sinn, eine rationale Erklärung zu suchen, wie auch nicht für die Stillung des Sturms auf dem galiläischen Meer oder die Heilung des Gelähmten oder die Erscheinung des Paulus vor Damaskus; oder gar die Auferstehung des Herrn. Die historisch-kritische Erforschung der Schrift ist notwendig, weil sie uns helfen kann zur vertieften Erkenntnis der Wahrheit; aber sie sollte sich stets der Gefahr bewusst sein, die Göttlichkeit Gottes nicht gelten lassen zu wollen. Der Glaube fragt nicht danach, was Gott unmöglich sei, sondern freut sich an dem Unwahrscheinlichen, was er mir Gutes wirkt. Darum darf die Historizität einer biblischen Geschichte nicht zum Gradmesser ihrer Wahrheit gemacht werden.

Eine zweite Gefahr des Umgangs mit der Schrift liegt darin, die jeweils geltenden Moralvorstellungen in der Bibel bestätigt finden zu wollen, dem Zeitgeist zu folgen. Das ist ein weites Feld, im Streit um die Homosexualität wird dieser Vorwurf erhoben, bezeichnenderweise von beiden Seiten. Beispiele dafür gibt es – leider – mehr als genug. Man denke nur an die Haltung der Landeskirchen zu den demokratischen Bewegungen im 19. und 20 Jahrhundert, die bekämpft wurden, weil man eine monarchische Ordnung unmittelbar aus der Schrift und dem Bekenntnis ableiten zu müssen meinte. Oder an die patriarchalischen Ordnungsvorstellungen, die gegen die Befreiung der Frauen beschworen wurden; in der irrigen Meinung, so eine göttliche Ordnung des Geschlechterverhältnisses verteidigen zu müssen. Oder zu der Frage des Krieges. Man kann sich nur schaudernd abwenden, wenn man nachliest, was im Jahr des 400. Reformationsjubiläums, dem Kriegsjahr 1917 gepredigt wurde, wie Durchhaltewillen und Opferbereitschaft religiös überhöht wurden. „Krieg soll nach Gottes willen nicht sein“ bezeugen wir und entsprechen damit dem Christuszeugnis – wenn es auch einzelne Weisungen an das Gottesvolk gibt, in den Krieg zu ziehen (z. B. 1. Sam.15, 3). Bonhoeffer hat einmal gesagt, dass der Heilige Geist der rechte Zeitgeist ist.

Und drittens: Man kann die Bibel auch ihrer Fremdheit – und damit ihrer Wirkung – berauben, indem man sie zu einem Denkmal macht, das gleichermaßen unberührt bleibt von dem Leben der Menschen zu seinen Füßen. Die Meinung, dass die Bibel Wort für Wort durch den Heiligen Geist diktiert worden sei, ist in meiner Sicht ein solcher Versuch, sich der Fremdheit der Schrift erwehren zu wollen – indem man jedes ihrer Worte für unantastbar erklärt, offenkundige Widersprüche leugnet und Zeitbedingtem dauernde Gültigkeit zuspricht. Aber die unvermeidliche Folge ist, dass so das Gotteswort entwertet wird, und das soll nicht sein. Denn das bloße Fürwahrhalten biblischer Sätze steht dem Glauben entgegen, der anderes und größeres ist, nämlich ein festes Vertrauen auf Gott. Der Geist will vom Buchstaben unterschieden sein. Die Bibel will von lebendigen Menschen gelesen und zum Maßstab ihres Fragens und Antwortens werden. Ein Steinbruch toter Steine darf sie uns nicht werden, denn dann steht sie uns nicht mehr gegenüber und verschließt den Zugang zum Gotteswort. Paulus sagt, dass der Buchstabe tötet, aber nur der Geist lebendig macht (2. Kor. 3, 6). Darum sehen wir es so, dass die zeitbedingten Sichtweisen in der Bibel ihre Offenbarungsqualität nicht beeinträchtigen.

II

Wer die Bibel liest, findet in ihr das Zeugnis der großen Taten Gottes und hört das Gotteswort, Frohe Botschaft, Evangelium. Der Heilige Geist macht, dass die Leser der Bibel in ihrem Innersten bewegt werden; sie ist das Gotteswort. Menschenwort ist sie selbstverständlich auch. Die Autoren der biblischen Bücher haben aufgeschrieben, was sie selbst mit Gott erlebten, oder was ihnen von anderen berichtet wurde. Sie bezeugen in ihrer Sprache und vor dem Hintergrund ihrer Wirklichkeit die Offenbarung Gottes. Darum gibt es Aussagen der Bibel, die zeitgebunden sind, den Wissensstand ihrer Entstehungszeit widerspiegeln und nichts wissen von den Erkenntnisfortschritten, die uns geschenkt wurden; Menschenwort. Zu diesen Aussagen gehört, um ein Beispiel zu geben, der Vers 3. Mose 20, 13, der in der Auseinandersetzung um die Homosexualität herangezogen wird. Niemand wird diese Forderung umsetzen wollen. Es ist eben ein Wort aus vergangener Zeit.

Alle geistlichen Erfahrungen sind an Menschen gebunden, der Bericht davon an die begrenzten Möglichkeiten der Sprache und zeitbedingter Gegebenheiten. Die biblischen Zeugen haben zu einer bestimmten Zeit gelebt, sie waren mit den Sichtweisen dieser Zeit auf die Phänomene der Natur vertraut, sie drückten sich in der Sprache aus, die zu je ihrer Zeit gesprochen wurde und es standen ihnen Leser vor Augen, deren Verstehensmöglichkeiten sie kannten. So unterschiedlich wie die Menschen, die sie verfasst haben, sind entsprechend auch die Texte der Heiligen Schrift; sie reden ja von Gotteserfahrungen höchst konkreter Personen, die vom Heiligen Geist dazu bewegt wurden, aufzuschreiben, „was (sie) wir gehört und gesehen“ haben (Apg. 4, 20). Es kann also gar nicht anders sein, als dass sie vielfältig sind. Der Gott der Bibel ist kein blasser Gedanke, sondern wendet sich den Menschen zu und kommt ihnen je in ihrer Personalität nahe. Also wird, wer wissen will, wer Jesus von Nazareth war, nicht nur eines, sondern alle vier Evangelien lesen und dankbar sein über die jeweiligen Akzentuierungen, die das Werk der Evangelisten kennzeichnen; gerade auch über die besondere Prägung des Johannesevangeliums. Von Kreuz und Auferstehung Christi redet die Schrift multiperspektivisch; und erst so erschließt sich die Fülle der Gnade.

Die Bibel ist Gotteswort und Menschenwort in einem; wir haben den Schatz nur in irdischen Gefäßen (2. Kor. 4, 7) – dieser Satz des Apostels Paulus, den er auf die „Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“ bezieht, gilt umfassend. Nirgends in der Heiligen Schrift kommt diese grundlegende Gegebenheit so zum Ausdruck wie im Prolog des Johannesevangeliums – dort aber wunderbarerweise in der positiven Fassung: „das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ (1, 14 a). Gott bindet sich an den Menschen Jesus von Nazareth, ganz und ohne jede Einschränkung des Mensch-Seins. Wie er sich gebunden hat an sein Volk, so bindet er sich an das Kind in der Krippe, an den leidenden Menschen am Kreuz; der sich opfert, ist Gott.


III

Für Martin Luther ist Christus die Mitte der Schrift. Der Mensch wird durch das Geschehen von Kreuz und Auferstehung gerecht gesprochen, von Gott angenommen – wenn er nur den Ruf zum Glauben annimmt. Von diesem Zentrum her sollen und dürfen wir die Aussagen der Bibel verstehen; in diesem Sinn interpretiert sie sich selbst. Bis dahin, dass die Schrift einzelne ihrer Aussagen gewissermaßen selbst kritisiert, und zwar an dem Maßstab „was Christum treibet“. Darum werden wir nicht alle ihre Teile für gleichbedeutend und gleichgewichtig halten, es gibt eine innere Ausrichtung auf Christus hin. Wir unterscheiden Gesetz und Evangelium und so konnte Luther den Jakobusbrief als eine „stroherne Epistel“ bezeichnen, weil er in ihm die zentrale Botschaft der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade eher verdunkelt sah. Ähnlich hat er den Hebräerbrief gelesen, und darum die Reihenfolge der neutestamentlichen Bücher verändert, so dass die beiden Schriften mit dem Judasbrief an das Ende zu stehen kamen.

Wir gehen mit den biblischen Texten so um, dass die fremden uns vertrauter werden; und übersehen in den vertrauten nicht das Fremde. Wir lassen uns durch die Bibel in Frage stellen und achten darauf, dass sie uns ein Gegenüber ist, das uns korrigiert. Wir hüten uns davor, sie begriffen haben zu wollen. Wir liefern uns nicht aus an den Zeitgeist; und wir setzen nicht das Wort Gottes mit den Buchstaben der Bibel in eins. Wir lesen sie nicht in dem Wunsch, in ihr unser Verständnis bestätigt zu finden, sondern stets aufs Neue in der Hoffnung, der lebendigen Stimme des Evangeliums zu begegnen. Und lassen darin nicht nach, denn sonst würden wir uns von der Kraftquelle abschneiden, aus der wir leben. Denn „allein die Heilige Schrift“ ist die Grundlage für das Leben eines Christenmenschen, in ihr hören wir die Anrede Gottes.

 

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