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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl am 12. Sonntag nach Trinitatis, 7. September 2014 in der St. Thomaskirche Leipzig

Predigttext: 1. Korinther 3, 9 – 15


Liebe Gemeinde,

„Herr Bischof, Sie haben es auch nicht leicht“, sagte mir neulich ein entfernter Bekannter; und wenn man so angeredet wird, sich aber gar nicht so fühlt, fragt man nach – „Wie kommen Sie denn darauf?“ habe ich geantwortet und hörte eine längliche Klage über die Vielstimmigkeit des kirchlichen Lebens. Wie die einen so denken, andere aber ganz anders; wie man mit guten Argumenten nach Veränderungen ruft,  aber auf einen Beharrungswillen trifft, der sich auf den in der Vergangenheit empfangenen Segen stützt; wie ein und dieselben Bibelstellen herangezogen werden, um ganz und gar gegensätzliche Sichtweisen zu begründen. Dass es nicht leicht sei, unter solchen Bedingungen beieinander zu bleiben in der Kirche. Ja, da ist wohl etwas Wahres dran.

Neu ist das allerdings nicht. Denn so war es schon für den Apostel Paulus, und davon handelt der heutige Predigttext. Paulus hatte die christliche Gemeinde in Korinth gegründet, einer antiken Großstadt mit einer ausgesprochen multireligiösen und multikulturellen Bevölkerung, eine Handelsmetropole. Sie war dementsprechend bunt gemischt, Griechen, Römer, Juden und Orientalen lebten in ihr zusammen. Das war nicht ohne Konflikte, nicht leicht eben; und der Brief des Apostels spricht von den Schwierigkeiten, beieinander zu bleiben und von seiner Sorge, ob und wie es gelingen kann, die Einheit zu bewahren. Denn es gab zahlreiche auseinanderstrebende Kräfte, das begann schon mit den sozialen Verhältnissen: Die meisten Gemeindeglieder waren arm, „kleine Leute“ in ungesicherten Lebensverhältnissen, einige aber durchaus wohlhabend und gebildet. Zudem gingen die Ansichten auseinander, was den christlichen Glauben und seine Bedeutung für das Leben betrifft: Manche waren enthusiastisch-begeistert, meinten in schwärmerischem Überschwang, keine Gebote mehr beachten zu müssen, denn sie seien ja erlöst von der Macht der Sünde; es käme also nicht mehr auf Tun und Lassen an. Anderen bedeutete der Kreuzestod Jesu wenig bis nichts – es gab verschiedene Gruppen, die jeweils für sich das rechte Verständnis des neuen Glaubens beanspruchten. Paulus macht sich Sorgen angesichts der Unduldsamkeit, mit der die Streitigkeiten ausgetragen werden. Darum schreibt er den Brief, erinnert die Korinther daran, dass die Einheit der Kirche in Christus begründet ist. Dass die Gemeinschaft in der Kirche immer schon gegeben ist und ihr sozusagen vorausgeht, denn sie hat ihren Grund in dem Bekenntnis zu dem Gekreuzigten und Auferstandenen und in der tätigen Nächstenliebe, die daraus folgt. Das verdeutlicht Paulus in immer neuen Anläufen, darum gebraucht er das Bild von dem Leib und den Gliedern, dazu singt er das Hohelied der Liebe. Das Zusammenbleiben der vielen Verschiedenen in der einen Kirche Christi ist sein Thema. Es ist wieder aktuell heute, bei uns – es war niemals leicht mit der Einheit. Im Predigttext spricht Paulus sehr persönlich von seinem Beitrag.

„Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.
Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird's klarmachen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.“


Liebe Gemeinde,

das ist persönlich gefärbt und persönlich gemeint, als Paulus seine Briefe schrieb, standen ihm bestimmte Menschen vor Augen, man kannte sich. Auch hier spricht er von sich – was er in Korinth getan hat, welche Bedeutung sein Handeln hat für die Gemeinde und wie er auf seinen persönlichen Beitrag sieht: Ein Mitarbeiter Gottes ist er, der an der Ausbreitung des Gottesreichs beteiligt ist, das mit Jesus gekommen ist. Einer, der der Sache Christi dient. Das ist schlicht, uneitel, lässt die Person hinter den Auftrag zurücktreten und meint konkret: Er hat in Korinth von dem gesprochen, was er selbst erlebt hatte mit Jesus Christus, seine Predigt war der Anfang, durch Gottes Gnade fanden Menschen zum Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen – das ist die Grundlage, auf der die christliche Gemeinde steht. Vergleichbar einem Bauwerk, das auf seinem Fundament ruht. Paulus hat getan, was Kirche baut, die Basis gelegt, auf der sich das Leben der Gemeinde entwickelt, das Evangelium zu den Menschen kommt – und wie er das getan hat, das war (um ein Unwort zu gebrauchen) alternativlos: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“
 
Die Grundlage schaffen, das war seins. Durch Gottes Gnade lebt die Gemeinde in Korinth. Und jetzt gilt: „Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut“. Andere als Paulus sollen und werden ihren Beitrag leisten, im Reich Gottes gibt es keine Ein-Mann-Herrschaft; spirituellen Absolutismus kennt und will der Apostel nicht. Gott hat Freude an der Vielfalt der Gaben in seiner Kirche, so verschieden wie die Menschen sind, sollen und werden sie ihren Beitrag leisten zum Bau des Gottesreiches. Sie alle sind durch die Taufe dazu berufen, Christus zu bekennen, mit Wort und Tat. Es gibt keine Gleichschaltung der Köpfe, in der Kirche sind die Gaben willkommen, jeder und jede wird gebraucht je an seinem und ihrem Platz. Wie Paulus das Fundament legte, so wirken auch die anderen mit an dem Bau. Aber wie? Was ist mein Beitrag, mein „Gewerk“? Der Apostel sagt: überlege dir, wie du mitwirken, wie Du der Kirche dienen kannst, wie und womit Du baust – Paulus benutzt ein sprachmächtiges Bild: „wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh…“, so sagt das für sich genommen noch nicht viel. Wertvolle Materialien können, müssen aber nicht geeignet sein und das gilt ebenso für die minderwertigen, leicht entzündlichen Baustoffe. Darauf kommt es also nicht zuerst an, nicht auf das im Licht der Öffentlichkeit stehende „Gold, Silber, Edelsteine“, auch nicht auf das Verborgene oder Geringe, „Holz, Heu, Stroh“. Sondern auf etwas noch anderes, das in der Tiefe des Zusammenlebens in der Kirche bedeutsam ist. „Der Tag des Gerichts wird's klarmachen“.  Dein Handeln soll der Kirche helfen, ihren Auftrag zu erfüllen, der Ausbreitung des Gottesreiches dienen – und dazu ist es notwendig, dass Du nicht nur auf Dich selbst siehst, sondern in einem lebendigen Austausch mit den anderen Christenmenschen stehst, Dich selbst verstehst als ein Teil der Gemeinschaft, ein Glied am Leib Christi. Denn man ist schnell in die Irre gegangen oder hat das eigene Interesse in den Vordergrund gerückt … aber ohne die Bindung an die Gemeinschaft in der Kirche, das gemeinsame Bemühen kann es nicht gut werden im Reich Gottes. Ob es gut war, was wir taten und ließen zeigt sich erst später. Wenn wir vor Gott stehen „wird das Werk eines jeden offenbar werden“. Dann wird sich herausstellen, ob es Bestand hat, was wir getan haben, ob es ein ihm wohlgefälliger Beitrag war. Oder ob es verworfen wird. „Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden“.

Das nun ist ein neuer Ton, der sich nicht gut anhört. sondern nach Leistungsprinzip klingt; sogar nach einer besonders unbarmherzigen Variante. Man könnte Paulus so verstehen, als wolle er Angst und Schrecken verbreiten, als könnte man nicht anders als furchtsam auf das Kommende sehen. Aber so ist es nicht gemeint, gottlob geht der Satz noch weiter: „er selbst aber wird gerettet werden, … wie durchs Feuer hindurch“. Es ist ganz anders gemeint, tröstend: was auch immer von Deinem Bemühen bleibt, ob Dein Beitrag zu Leben und Zeugnis der Kirche Bestand hat oder nicht – Gott bleibt Dir treu, der gnädige Gott sieht Deinen Beitrag liebevoll an und ist Dir barmherzig. Das sagt Paulus auch sich selbst, er hat ja nur eins getan – auf dem Grund begonnen, der schon gelegt ist, Christus. So ist seine Selbstbeschränkung ein Lehrstück vom Umgang mit der eigenen Bedeutung, zur besseren Einordnung unseres Tun und Lassens: wir bleiben angewiesen auf die Gnade. Sie ist uns zugesagt und wer sie im Glauben dankbar annimmt, wird sich in der Hand Gottes geborgen wissen. Vor Gott bestehen wir nicht wegen unserer Lebensführung, nicht um unserer guten Werke willen und auch nicht wegen unseres Beitrags zum Leben der Kirche. Sondern der Glaube ist der Maßstab, der angelegt werden wird, das gelebte Vertrauen auf Gott zählt.

Liebe Gemeinde, das Gottvertrauen verändert unseren Umgang mit der Verschiedenheit. Einer Meinung werden wir nicht sein, nicht zu der Frage des Friedenszeugnisses in Zeiten des islamistischen Terrors, wohl auch nicht in der Debatte um den Impuls des Bundespräsidenten zu den Aufgaben der Bundeswehr; nicht in der Auslegung der Bibelstellen, die davon handeln. Oder des lutherischen Bekenntnisses. Und dennoch ist es möglich beieinander zu sein und zu bleiben, denn die Vielfalt ist versöhnt, solange wir darin übereinstimmen dass „Einen andern Grund … niemand legen (kann) als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“. Darauf wollen wir uns gegenseitig behaften, also im Gespräch bleiben, Gottesdienst feiern und uns der Führung des Heiligen Geistes anvertrauen. Persönlich gesprochen – ich bin ein Mitarbeiter am Gottesreich, Ihr seid es ebenso. Gemeinsam loben und danken wir dem Herrn, gemeinsam bezeugen wir ihn in dem Wissen, dass wir auf die Gemeinschaft in der Kirche angewiesen sind. Dass in den Streitfragen das Recht bei der Sichtweise der anderen liegen kann. Dass uns etwas verbindet, was wir nicht selbst gemacht haben, sondern uns schon von allem Anfang an verbindet: das Heil in Christus. So kann es gelingen, dass die Vielfalt in der Kirche uns nicht trennt, sondern sich im Gotteslob vereint. Das nennt man dann die evangelische Freiheit. Dazu helfe uns Gott.

Amen.

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