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Predigt von Landesbsichof Jochen Bohl zum Festgottesdienst anlässlich des 200. Gründungsjubiläums der Sächsischen Haupt-Bibelgesellschaft, 14. September 2014, Kreuzkirche Dresden

1. Johannes 4, 7-12


7Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. 8Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. 9Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.
10Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.
11Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.
12Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.


Liebe Gemeinde,

im Sommer sind wir mit den Fahrrädern an der Elbe unterwegs gewesen, haben uns an der harmonischen Landschaft gefreut, es waren unbeschwerte Tage. Nicht weit hinter Riesa, in der kleinen Stadt Strehla kann man eine Sehenswürdigkeit bestaunen. In der Kirche, die schon von weitem zu sehen ist, gibt es eine Kanzel, die 1565 aus dem reichlich vorhandenen Ton geschaffen wurde. Der Treppenaufgang zur Kanzel wie auch der Kanzelkorb sind mit gebrannten und bemalten Tontafeln verkleidet. Sie sind als Halbreliefs ausgeformt und zeigen biblische Geschichten von der Erschaffung der Welt und der Abrahamsgeschichte über die Kreuzigung und Auferstehung Jesu und die Bekehrung des Saulus bis hin zum Jüngsten Gericht. Unterschrieben sind die Tafeln mit einem Bibelvers in deutscher, überschrieben mit einem in lateinischer Sprache. Die tönerne Kanzel ist eine Bilderbibel. Für die Strehlaer Gemeindeglieder der Reformationszeit, die entweder nicht lesen oder sich keine eigene Bibel leisten konnten, war es die einzige Möglichkeit, sich selbstständig mit der Heiligen Schrift zu befassen.

Dem heutigen Betrachter gibt die Kanzel einen Eindruck davon, wie groß in früheren Zeiten in unserem Land der Hunger nach der Heiligen Schrift war. So groß, dass diese Bilderbibel in Auftrag gegeben wurde, ein großes, anspruchsvolles und teures Werk für eine kleine Gemeinde. Eines der zentralen Anliegen der lutherischen Reformation war es, allen Gläubigen einen eigenen Zugang zur Bibel zu ermöglichen, und solange das nicht möglich war, wusste man sich mit der Bildsprache zu behelfen, Luther war kein Bilderstürmer. Viele unserer Kirchen geben einen Eindruck davon – die großen Stadtkirchen wie St. Annen in Annaberg, in Pirna St. Marien oder eben auch in vielen Dörfern und Kleinstädten. Es war eine andere Zeit, heute gibt es den Hunger nach dem biblischen Wort nicht mehr in diesem Maße. Das hat Gründe; seit langem schon haben sich viele Menschen abgewendet von der Kirche und damit auch von der Bibel, die der Schatz der Kirche ist, den sie bewahrt. In diesen Tagen ist die Bibel für die allermeisten nicht das „Buch der Bücher“, sondern eines unter unübersehbar vielen in der medialen Flut, die uns tagtäglich überspült.

In anderen Weltgegenden aber sieht es anders aus, und man kann nur staunen, wie beispielsweise in Afrika die Christinnen und Christen dankbar sind für eine Ausgabe der Bibel in ihrer eigenen Sprache. Wir sind mit der Lutherischen Kirche in Tansania partnerschaftlich verbunden und wissen, wie sehr sich dort die Menschen danach sehnen, eine Bibel zur Hand nehmen und darin lesen zu können. Sie tun es, weil sie die Bedeutung des Wortes Gottes für ihr Leben erfahren haben. Es ist eine ganz anderes Leben in Afrika, eine andere Kultur – aber wo auch immer die Kirche Jesu Christi den barmherzigen Gott bezeugt, sie kann nicht sein ohne die Bibel in den Händen der Gläubigen. Allein die Schrift gibt uns Zugang zu dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Sola Scriptura.

Am Beginn des 19. Jahrhunderts war es das Anliegen der Bibelgesellschaften, dieser Einsicht und der Sehnsucht nach dem Wort zu entsprechen, das war die Ursache für ihre Gründungen. 1804 machte die British & Foreign Bible Society den Anfang; nur zehn Jahre später gründete sich hier in Dresden auf Anregung des schottischen Geistlichen Pinkerton die Sächsische Bibel-Gesellschaft. Ihr Anliegen war es, in der damaligen Situation zur Besinnung auf das Evangelium zu rufen – und das kann in einer reformatorischen Perspektive nicht ohne das Studium der Schrift gedacht werden. Es war die Zeit der Aufklärung, in der sich führende Köpfe kritisch mit dem Gottesgedanken auseinandersetzten; es war auch eine politisch wie wirtschaftlich nach den napoleonischen Kriegen schwierige Situation, im Jahr zuvor hatte das entsetzliche Morden der Völkerschlacht bei Leipzig die Menschen verstört. Eine bewegte Zeit, weitere große Umbrüche kündigten sich an; für die Kirche kam es darauf an, einen Beitrag zur Orientierung in verworrener Zeit zu leisten und das heißt: Christus zu verkündigen und dafür auch neue Wege zu gehen. Die Zeit sah, wie der Rückblick zeigt, vielfältige Aufbrüche – einige Jahre später entstanden die Missionsgesellschaften (bei uns die Leipziger Mission) und die heutige Diakonie (bei uns das Dresdner Diakonissenhaus). Die Umstände der Zeit waren Anstöße zur Besinnung auf das für Zeugnis und Dienst der Kirche Notwendige, und dabei ist die Reihenfolge bezeichnend – zuerst die Bibelgesellschaft, dann die äußere und die innere Mission. Denen, die vor 200 Jahren die Sächsische Bibel-Gesellschaft gründeten, ging es um das Geistliche, um eine Wiederentdeckung der spirituellen Grundlagen des Lebens; um das, was in unserem Predigttext die „Liebe“ genannt wird. Es war ein großes, an-spruchsvolles und bis heute wirksames Werk.

Die Gründungsväter waren im Glauben an Jesus Christus gebunden, und weil sie zu diesem Glauben rufen wollten, fanden sie sich zusammen. Der Satz „Gott ist die Liebe“ war für sie erfahrungsgesättigt, mit Leben gefüllt, sie wussten sich von Gott geliebt und verstanden ihre Taufe als das Zeichen der empfangenen göttlichen Liebe. Sie vertrauten auf Christus, dessen Leben und Sterben für sie ein Zeichen der Zuwendung Gottes zu dieser Welt und zu den Menschen war. An seinem Opfer am Kreuz lasen sie ab, wie unermesslich groß die Liebe des Vaters zu uns Menschen ist. Mit den Augen des Glaubens erkannten sie ungezählte Zeichen der Liebe und des Segens Gottes in ihrem Leben. „Gott ist die Liebe“ – das war für sie eine gelebte Realität in der Nachfolge des Herrn Jesus Christus. Im Mittelpunkt standen die Verbreitung des Wortes Gottes und die reformatorische Überzeugung, dass es für alle Menschen grundlegend wichtig ist, die Heilige Schrift selbständig und frei lesen zu können. Der Glaube kommt aus der Begegnung mit Gottes Wort, wie es uns in der Bibel gegeben ist – und darum die Verbreitung der Bibel und darum die Sächsische Bibel-Gesellschaft.

„Ihr Lieben, hat uns Gott geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben.“ Die Gründungsväter wollten die erfahrene Liebe an andere Menschen weiter geben, und in der Hinwendung zur Schrift sahen sie nicht zuletzt „eine Quelle der jetzigen und künftigen Wohlfahrt“, wie man damals sagte. Sie vertrauten darauf, dass Menschen, die sich von Gott geliebt wissen, im Glauben Halt und Orientierung finden, so dass ihr Leben gelingt – und das ist bis heute auch unsere Überzeugung.
Liebe Gemeinde,

wir finden als Christenmenschen in der Heiligen Schrift das Wort, das uns unbedingt angeht – das Wort Gottes, das das Wort von seiner Liebe ist und befreit zur Nächstenliebe. Es weiterzugeben, ist ein Akt der Liebe und auch in unserer Zeit eine Herausforderung angesichts des gesellschaftlichen Wandels, nicht zuletzt der Digitalisierung. Es ist gut, dass wir auf unseren Computern und Telefonen auch die elektronischen Ausgaben der Lutherbibel lesen können, der Losungen und der täglichen Bibellese und dass der Rat der EKD 2017, im Jahr des Reformationsjubiläums EKD eine Revision der Lutherbibel herausgeben wird. Denn unverändert muss es unser Anliegen sein, den Menschen deutlich zu machen, welchen Wert die Heilige Schrift für ein Leben hat: Gibt uns Gottes Wort doch Hoffnung in schwierigen Zeiten; Mut, uns den Herausforderungen des Lebens zu stellen; Freiheit, unser Leben verantwortlich zu gestalten. Und es bindet uns an unsere Mitmenschen in einer Weise, dass unser und ihr Leben gelingt.

Die Sächsische Hauptbibelgesellschaft stellt sich diesen aktuellen Herausforderungen und dafür sind wir dankbar. Gerade die Erlebnisausstellung im Bibelhaus am „Blauen Wunder“ vermittelt den Menschen unserer Zeit Wesentliches über die Bibel, indem sie Impulse der Bibel mit aktuellen Themen verknüpft und die kulturelle Bedeutung der Bibel für das Zusammenleben in unserem Land verdeutlicht. So kann sie auch diejenigen interessieren, die mit unserer Kirche sonst wenig zu tun haben.

Liebe Gemeinde,

die Bibel zu verbreiten, das Evangelium zu verkündigen, ist Ausdruck der Liebe. Ein Christenmensch wird die erfahrene Liebe nicht für sich behalten, sondern von seinem Vertrauen auf Gott sprechen. Und das in Liebe zu den Menschen. So können Kinder, Jugendliche und Konfirmanden entdecken, was die Bibel für ihr Leben bedeutet, welchen Schatz sie darstellt. Sie brauchen ja Menschen, die ihnen mit Liebe begegnen, sie verstehen, wenn die Aufmerksamkeit erlahmt, Unaufmerksamkeit nicht mit Desinteresse verwechseln und ihnen einen Zugang zu dem „Buch der Bücher“ eröffnen. Erwachsene wiederum, die ihrer kulturellen Wurzeln beraubt sind und zögerlich-tastend ihre Fragen stellen, brauchen Gesprächspartner, die ihnen mit einfühlsamem Verständnis begegnen. Wer die Bibel anderen nahe bringen möchte, wird die Menschen lieben, so wie sie sind.

Wir sind für den Dienst der Sächsischen Hauptbibelgesellschaft dankbar. Sie folgt Christus, der in der Heiligen Schrift zu finden ist. Mit der ganzen Kirche bezeugt sie Gottes Liebe zu seiner Schöpfung.

Amen.

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