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Predigt des Stellvertretenden Ratsvorsitzenden Landesbischof Jochen Bohl im Festgottesdienst anlässlich 60 Jahre Diakonie Katastrophenhilfe am 17. September 2014 in der Zionskirche Berlin

„Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."
(Matthäus 25, 31 – 40)

 

Liebe Gemeinde,

ja, das ist ein klares und gar nicht misszuverstehendes Wort. In den Fremden, den Kranken, Gefangenen, Notleidenden, die uns begegnen, steht Christus selbst vor uns. Er, der uns vor Gott vertritt, begegnet uns in Niedrigkeit, in menschlichem Leid erkennen wir Christus, dem wir vertrauen, auf den wir im Leben und Sterben hoffen. Damit ist uns ein Maßstab gegeben, der uns anleitet, wie wir uns in dieser Welt verhalten sollen, von Jesus selbst wieder und wieder ganz unmissverständlich benannt: Es ist der Einsatz für den Nächsten, der Hilfe und Unterstützung benötigt; und danach, sagt Jesus, werden wir dann in der Ewigkeit gefragt werden. Am konkreten Handeln für Menschen in Not erweist sich der christliche Glaube. Martin Luther sagte: Die Tat legt das Wort recht aus – und das meint, dass es den christlichen Glauben nicht gibt ohne die Werke der Barmherzigkeit. Das ist fundamental, geradezu „alternativlos“ und gottlob ist es ein Kennzeichen unserer Kirche, dass sie diakonisch ist und den Menschen dient. Wir verstehen Diakonie nicht so, als käme sie sozusagen „on top“ zu dem gottesdienstlichen Leben hinzu, so nicht. Sondern sehen sie als eine Lebensäußerung an, die mit dem Kirche-sein untrennbar verbunden ist. Wir können nicht anders, als diakonisch zu sein und das ist das Erste was heute zu sagen ist, da wir auf 60 Jahre zurücksehen eines spezialisierten Arbeitsbereiches innerhalb des „dienenden Werkes“, denn das ist ja die deutsche Übersetzung für Diakonie.

Von der Arbeit der Diakonie Katastrophenhilfe wusste ich so viel oder wenig wie viele andere Christenmenschen in unserem reichen, wohlgeordneten Land, dessen Segnungen nicht zuletzt die gemäßigten klimatischen Bedingungen sind – dass die Diakonie Katastrophenhilfe in fernen Ländern des globalen Südens tätig ist, die mit politischer Instabilität und extremen Klimaverhältnissen geschlagen sind; und dass diese Arbeit Unterstützung verdient, nicht zuletzt finanzielle.

Diese eher blasse Sichtweise änderte sich im Sommer des Jahres 2002. Ich war Direktor der Diakonie Sachsen und erinnere mich noch gut daran, wie ich einer im strömenden Regen angereisten Besuchergruppe versicherte, dass man in Dresden gelernt habe, mit der Elbe zu leben und eine weitsichtige Politik ausreichend Überflutungsflächen angelegt habe. Der Regen hörte nicht auf, die sächsischen Flüsse traten über die Ufer und langsam dämmerte uns, dass sich eine Katastrophe abspielte. Ich reiste an die Mulde, nach Grimma und stand in den Ruinen einer Stadt, an deren Aufblühen ich mich oft gefreut hatte, zuletzt einige wenige Tage zuvor; und sah die Not verzweifelter Menschen, die fassungslos durch die Trümmer ihrer Häuser irrten. Langsam nur waren wir in der Lage, uns der Frage zu stellen, welchen Dienst die Kirche denn in dieser Situation den Opfern tun könne und solle.

Die Jahrhundertflut war ein schockierendes Erlebnis, außerhalb des Vorstellungsvermögens, 21 Menschen fielen ihr zum Opfer. Später erst wurde klar, dass es Vergleichbares schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegeben hatte. Über die Massen bewegend, ermutigend und wohltuend war dann die enorme Unterstützung. Von überall her kamen Menschen, die helfen, arbeiten, anfassen wollten, das war eine weitere, eine Flut der Hilfsbereitschaft. Sie ließ vielerorts eine zuversichtliche, manchmal geradezu fröhlich gestimmte Gemeinschaft entstehen, ein herzliches Eins-sein unter Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen hatten und trotzdem nah beieinander waren, Helfende und Geschädigte. Zugleich baute sich eine dritte, die Flut der Spenden auf, Kontoauszüge gingen ein mit 574 Seiten für einen Tag…

Was sollten wir zuerst tun, was konnten wir überhaupt tun? Gottlob kamen wir schnell auf die Idee, in Stuttgart anzurufen (oder war es gar so, dass ein Anruf der Diakonie Katastrophenhilfe einging?) und auf die Fachkompetenz von Menschen zu vertrauen, die Erfahrung im Umgang mit Katastrophen haben. Hannelore Hensle und Stefan Schröer kamen, bauten eine Struktur für die Arbeit auf und es entstand ein Netz der Hilfe, zum Segen der Opfer und auch unserer Kirche, deren Tat das Wort recht auslegte. In dieser glaubensarmen Zeit ist es bestimmt so, dass die „Kirche der Tat“ eine ganz besonders große Bedeutung für das Zeugnis der ganzen Kirche hat, denn es kann nicht missverstanden werden.

Liebe Gemeinde, Jesus selbst bringt es auf den Punkt – was wir den Schwachen, den Mitmenschen in Not tun, das tun wir ihm. Das ist nicht schwer zu verstehen, sondern einfach, elementar – Glauben muss nicht kompliziert sein! Wir können einander helfen, das ist wahr und gilt für jeden und jede, wo und wann auch immer. Es gibt Nöte, die davon kommen, dass Menschen einander im Weg stehen, dass sie sich absichtsvoll Schaden zufügen, sich gar nach dem Leben trachten. Darum verzerren zahllose Schrecknisse das Bild der guten Schöpfung Gottes. Während die einen ein leichtes Leben voller Annehmlichkeiten führen, die sie weder erarbeitet noch verdient haben, verbringen andere ihre Tage in Armut und elementarer Not, ohne Aussicht auf Besserung, ausgeschlossen von Bildung, Medizin, sogar von dem Zugang zu sauberem Wasser. Ganze Weltgegenden wissen nichts von den Gütern, die uns das Leben leicht werden lassen, viel zu viele haben keinen Anteil daran. Explosionsartig wachsender Reichtum steht unvermittelt neben ungestilltem Hunger, nie gekannter Luxus neben finsterer Hoffnungslosigkeit. Mit letzter Kraft erreichen elende Flüchtlinge die weißen Strände der Sonnenhungrigen. Schreiende Gegensätze; und angesichts der menschengemachten Katastrophen erschrecken wir, wie sehr die Wirklichkeit des Menschenlebens dem Willen Gottes, der es uns geschenkt hat, entgegensteht. In diesen Tagen überzieht der brutale Terror des „Islamischen Staats“ Syrien und den Irak, Ausdruck des Bösen, zu dem Menschen fähig sind.

Dann gibt es andere Nöte, die über die Menschen kommen als ein Verhängnis und sie unterschiedslos treffen, Trockenheit und Dürre, eisige Kälte und Wassermassen, tödliche Epidemien wie jetzt in Westafrika, was können wir nur tun … das Menschenleben ist in einem elementaren Sinn zu allen Zeiten bedroht und das ist eine Einsicht, der man immer nur eine Zeitlang ausweichen kann. Aber – ob das Hochwasser von starkem Regen kommt, oder von der Sprengung eines Staudamms im Krieg, in jedem Fall sind die Opfer darauf angewiesen, dass sie nicht allein bleiben in ihrer Not, dass sie Hilfe empfangen und zu einer Hoffnung finden, die es möglich macht, die Kräfte zu sammeln und neu anzufangen. Davon spricht Jesus im Gleichnis vom Weltgericht. Es begründet die Hoffnung, dass die Welt verändert werden kann, durch liebevolle Zuwendung zu dem Mitmenschen in seiner Not und durch die Bereitschaft, einander die Lasten des Lebens zu tragen.

Liebe Gemeinde, wir bezeugen, dass Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, alle, die an ihn glauben, zur Verantwortung für diese Welt befreit. So dass sie in Liebe dem Nächsten zu dienen bereit sind. Christus selbst hat den Seinen das Ziel genannt: dass wir in seiner Nachfolge zum Salz der Erde, zum Licht der Welt werden. Der Kirche ist das Zeugnis von dem Reich Gottes anvertraut, das mit Jesus Christus in dieser Welt angebrochen ist. Es geht ihr darum, dass es wächst, sich ausbreitet und der Wille Gottes für diese Welt offenbar wird. Das ist ihr Auftrag, und wenn sie Christus in Wort und Tat Gott bezeugt, wird sie der Welt zum Licht und der Erde zum Salz. Ja, es braucht ein Salz, ein Licht, das die Wirklichkeit durchdringend verändert, es braucht eine Kirche, die das Wort Gottes verkündigt in der Öffentlichkeit des Lebens, die im Alltag den Armen und Notleidenden an die Seite tritt und nach ihren Möglichkeiten das Leiden wendet und Hoffnung ermöglicht. Das ist unsere Sache, das ist unsere Mission – mit unserem Leben, in Wort und Tat wollen wir die großen Taten Gottes bezeugen, wir wollen die Schwachen stützen und diakonisch, dienend leben, wir sind ja befreit zu einem Leben in versöhnter Gemeinschaft. So verändert die Kirche die Welt, so ist sie Salz der Erde und Licht der Welt.

Dafür setzt die Evangelische Kirche in Deutschland mit der „Diakonie Katastrophenhilfe“ ein Zeichen. Ungezählten Menschen ist sie zum Segen geworden, dass sie Hilfe bekamen, die ihre eigenen Kräfte stärkte; und die Möglichkeit, die Not zu wenden; nicht verlassen, sondern von Liebe umfasst zu sein. In menschlichen Extremsituationen wird vieles klar, was sonst unter einem Schleier des Nichtwissens liegt, so ging es damals auch mir; als die Elbe und ihre Nebenflüsse das Land überschwemmten. Wie gut, wenn die Kirche helfen kann, und vorbereitet ist: Es braucht die Orientierung an Christus, ein „brennendes Herz“ für den Mitmenschen in seiner Not; dann einen nüchternen Blick auf das Nötige und das Mögliche, und zuletzt die Verbindung von Tatkraft mit Erfahrung. Dankbar sehen wir zurück auf die sechs Jahrzehnte der Diakonie Katastrophenhilfe, dankbar sind wir allen, die ihre Kräfte eingebracht haben und dankbar sehen wir auf den Dienst, den sie in diesen Tagen an den Vertriebenen im Nord-Irak tut – und hören unseren Herrn sagen: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Amen.

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