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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl im Festgottesdienst anlässlich der Vertreterversammlung des Gustav-Adolf-Werkes am 14. Sonntag nach Trinitatis, 21. September 2014 im Dom zu Meißen

Liebe Gemeinde,

im vergangenen Jahr gab es in der sächsischen Landessynode einen beiläufigen Meinungsaustausch zu der Frage, ob auch Bischöfe lernfähig sind. Ja, habe ich gesagt, es ist sogar so, dass man im Bischofsamt besonders viel und intensiv lernt. Ich jedenfalls habe erst in den letzten Jahren einen halbwegs zutreffenden Eindruck von der Größe, Weite und Vielgestaltigkeit des Lebens in den Kirchen der Reformation bekommen. Denn die sächsische Landeskirche pflegt Partnerschaften mit anderen Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes; noch im Februar haben wir in Moskau einen Partnerschaftsvertrag mit der Lutherischen Kirche im europäischen Russland unterzeichnet, nachdem es schon lange Jahre auf der Gemeindeebene eine vertrauensvolle Zusammenarbeit hinüber und herüber gibt. So habe ich es als Privileg meines Amtes verstanden, dass ich einige Besuchsreisen unternehmen durfte. Ich war jeweils sehr bewegt von den Eindrücken, wie stark das Verbindend-Gemeinsame doch bei allen Unterschieden ist. Tatsächlich sind die Umstände, unter denen „des Glaubens Genossen“ in fernen Ländern und auf anderen Kontinenten leben, von den unseren deutlich unterschieden. In Papua-Neuguinea etwa hat man den Eindruck, in einer ganz anderen Welt – und vielleicht auch in einer ganz anderen Zeit – zu sein. Kaum etwas ist so, wie es uns vertraut ist und doch stellt sich nach einiger Zeit der Eindruck ein, dass es eine starke Verbindung gibt. Über all die zivilisatorischen und kulturellen Unterschiede hinweg fühlte ich mich durch den gemeinsamen Glauben lutherischen Bekenntnisses, die Gestalt der Gottesdienste und die vertrauten Melodien der evangelischen Lieder mit den fernen Brüdern und Schwestern, denen ich begegnete, verbunden. Umgekehrt haben sie mich aufgenommen, als gehörte ich zur Familie. Etwa so, wie ein Verwandter, den man nach langer Zeit wiedersieht. Und so soll es auch sein, denn der Apostel Paulus sagt: „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied“.

Liebe Gemeinde, wir gehören nicht nur unserer Kirchgemeinde an, und auch nicht nur unserer Landeskirche, sondern der einen Kirche Christi, die die Welt umspannt. Das kann man aus den ökumenischen Begegnungen lernen; und das Bild von dem einen Leib und den vielen Glieder bringt es auf den Punkt. Der Apostel hatte die christliche Gemeinde in Korinth gegründet, einer antiken Großstadt mit einer ausgesprochen multireligiösen und multikulturellen Bevölkerung, eine Handelsmetropole. Und die Christengemeinde war dementsprechend bunt gemischt, Griechen, Römer, Juden und Orientalen lebten in ihr zusammen. Das war nicht ohne Konflikte, und der Brief spricht von seiner Sorge, ob und wie es gelingen kann, die Einheit zu bewahren. Denn es gab zahlreiche auseinanderstrebende Kräfte. Das begann schon mit den sozialen Verhältnissen: Die meisten Gemeindeglieder waren arm, „kleine Leute“ in ungesicherten Lebensverhältnissen, einige aber durchaus wohlhabend und gebildet. Darum schreibt er den Brief, erinnert die Korinther daran, dass die Einheit der Kirche und die Gleichheit der Christen in Christus begründet sind. Dass die Gemeinschaft in der Kirche immer schon gegeben ist und ihr vorausgeht, denn sie hat ihren Grund in dem Bekenntnis zu dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Und in der tätigen Nächstenliebe, die daraus folgt. Das verdeutlicht Paulus in immer neuen Anläufen, darum gebraucht er das Bild von dem Leib und den Gliedern, dazu singt er den Korinthern das Hohelied der Liebe. Das Zusammensein der vielen Verschiedenen in der einen Kirche Christi ist sein Thema. „Ihr seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.“ Nicht die Christen bilden den Leib Christi, sondern Christus selbst ist es; Er stiftet die Einheit der Kirche. Und ausdrucksstark wählt Paulus als Bild dafür den Organismus, der nur als Ganzes gedacht werden kann, für den kein Glied verzichtbar ist. Weil die christliche Gemeinde von Christus selbst zu einem Leib zusammengefügt wird, kann und soll es keine Parteiungen geben, die sich gegenseitig bekämpfen. Denn das Wohlergehen des Ganzen hängt ab von dem Einzelnen: „Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit“, schreibt der Apostel (26), jeder Organismus ist ja auf alle seine Organe angewiesen; die Haut ist nicht weniger wichtig als das Herz und die Erkrankung der Lunge gefährdet den Körper nicht weniger als eine der Leber. So ist es auch mit dem Leib Christi – es ist nicht so, dass ein Glied höherwertiger wäre als die anderen. Alle Christen haben ihre je eigenen Gaben und dementsprechend Aufgaben, die für die Gemeinde wichtig sind. Darum zählt der Apostel die einzelnen Ämter auf und stellt die rhetorische Frage, ob etwa alle dieselben Gaben hätten? Nein, so ist es nicht und kann es nicht sein, vielmehr sollen alle je ihre Gaben in Liebe gebrauchen.

Diesem Gedanken dient das Gustav-Adolf-Werk als Partner evangelischer Kirchen in Europa, Lateinamerika und Zentralasien. Es verbindet Christinnen und Christen unserer Konfession miteinander, es stiftet Gemeinschaft unter Schwestern und Brüdern, und die Begegnungen ermöglichen aufregende Lernerfahrungen – wie der Glaube an den Herrn der Kirche verbindet über trennende Grenzen der Sprache, der Kultur und Entfernungen hinweg. „Wir gehören zusammen“, das wird zu einer wirkmächtigen Erfahrung, von der die Verschiedenen gestärkt werden. Vor wenigen Wochen erst waren wir in Breslau zusammen bei den „Christlichen Begegnungstagen“ und es war im katholischen Polen für die wenigen Evangelischen eine Freude, die Glaubensgeschwister aus den Nachbarländern zu Gast zu haben. Es waren gesegnete Tage, und ich bin sicher, dass alle Beteiligten gestärkt in den Alltag ihres Glaubens zurückgekehrt sind. Gerade in unserer Zeit, die von der Globalisierung und dem Zusammenwachsen in der einen Welt bestimmt ist, wollen wir die Verbindungen unter den evangelischen Kirchen und Gemeinden stärken. Zuerst in Europa, dann über die Kontinente hinweg dürfen wir uns freuen an dem, was uns verbindet und das Selbstverständnis unserer Konfession, unverwechselbar unser Eigenes ist – wir wollen miteinander die evangelische Freiheit fröhlich und zuversichtlich bezeugen, denn aus ihr leben wir. Allein aus Gnade, nicht durch eigenes Verdienst dürfen wir als freie Menschen vor Gott stehen – das ist ein wunderbares Geschenk, das wir empfangen haben, und dieses Verständnis des Evangeliums verbindet uns in den Kirchen der Reformation. Es ist gut die Gemeinschaft mit den Schwestern und Brüdern zu stärken, mit denen wir im Bekenntnis verbunden sind, es ist gut um der Wahrheit willen, die frei macht. Die Arbeit des Gustav-Adolf-Werkes kann man als eine geistliche Form der Globalisierung sehen, und es zeichnet sie aus, dass wir unsere Augen und Ohren und Herzen für die Brüder und Schwestern an anderen Orten dieser Welt öffnen. Und einander die Lasten tragen, denn „so erfüllen wir das Gesetz Christi“. Dieses Wort aus dem Galaterbrief (6, 2) stand 1832 bei der Gründung des Gustav-Adolf-Werkes im Mittelpunkt, und bestimmt gottlob! bis heute seine Arbeit. In dem einen Leib Christi kann es uns Christenmenschen nicht gleichgültig lassen, wenn andernorts kleine Gemeinden mit den Aufgaben, die sich ihnen stellen, überfordert sind. Ein Beispiel: In Los Muermos in Chile hat die dortige Gemeinde ihre Kirche durch Brandstiftung verloren. Ein Wiederaufbau wäre ohne Hilfe wohl völlig undenkbar. Wir haben uns das als Landeskirche zu Herzen genommen und sammeln darum auf den Pfarrertagen, die in diesen Tagen stattfinden, die Kollekte für diesen Zweck. Paulus beendet seine Mahnung, die Lasten des anderen zu tragen, mit dem Hinweis, dass „allermeist des Glaubens Genossen“ aneinander gewiesen sind.

Liebe Gemeinde, in Korinth war es nicht einfach mit der Einheit; und das war es nie und ist es auch heute nicht. Gottlob haben wir in den letzten Jahrzehnten ein erneuertes Bewusstsein davon gewonnen, dass wir – an welchem Ort auch immer wir leben und welcher Konfession wir auch angehören – ein Teil der einen Kirche Christi sind. Man sagt zu Recht, dass wir im Zeitalter der Ökumene leben, und darum sehen wir respektvoll auf den Dienst und das Zeugnis der anderen. Ich werde nicht vergessen, dass wir hier im Meißner Dom vor acht Jahren aus Anlass des Benno-Jubiläums zum allerersten Mal eine ökumenische Andacht gehalten haben. Das war ein hoffnungsvolles Zeichen auf dem Weg zur Einheit der Christen und wir sind dankbar, dass und wie wir mit der römisch-katholischen Kirche verbunden sind. Es ist möglich, beieinander zu sein und zu bleiben, denn die Vielfalt ist versöhnt in dem Bekenntnis zu Christus, dem Herrn. „Ihr seid der Leib Christi und jeder von Euch ein Glied.“

Vielleicht kann man die Gemeinschaft im Gustav-Adolf-Werk als eine Vorausschau auf die Zukunft der Ökumene verstehen. Heute überwinden wir die Grenzen der Kontinente – so verschieden das Leben der Evangelischen in Tansania, in Südindien oder in der Ukraine auch von dem unseren ist, so ist das Trennende doch zurückgetreten und wir leben miteinander. Unsere Hoffnung ist, dass dann auch die Konfessionen in versöhnter Verschiedenheit beieinander sind und so Christus die Ehre geben.


Amen.

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