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Predigt von Landesbischof Bohl im Rundfunkgottesdienst anlässlich des 300-jährigen Bestehens der Silbermann-Orgel am 15. Sonntag nach Trinitatis, 28. September 2014 im Dom St. Marien Freiberg

„Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. …Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“

(Genesis 2, 4 b – 9.15)


Liebe Gemeinde,

eine Menschheitserzählung, bekannt wie kaum eine andere, über Jahrtausende hinweg weitergegeben von einer Generation an die nachfolgende, noch und noch bedacht, hin- und hergewendet, geglaubt, befragt, geleugnet, bewundert. Wie es am Anfang gewesen ist, bevor die Zeit und die Menschen waren. Am Anfang von allem, dem Beginn des Lebens auf Erden. Die Schöpfungsgeschichte und die Bilder, in denen sie redet, sind uns vertraut, sprachmächtige Worte, die seit je gehört wurden. Diese Erzählung hat Bestand, und es ist erstaunlich, dass sie nicht an Würde oder Zauber, an deutender Kraft verliert, wie man meinen könnte angesichts der Ausweitung des Wissens über die Entstehung der Sterne und der Sonnensysteme. Sondern in der Perspektive des Glaubens mit der Zunahme der Erkenntnis gar noch gewinnt. Denn besser als jemals zuvor andere Geschlechter wissen wir in der Moderne um die unendliche und eisige Weite des Alls, um die lebensfeindliche Beschaffenheit der näheren Gestirne. Kaum zu fassen – wie eine Oase darin der Blaue Planet, der Pflanzen, Tieren und Menschen dieses Leben ermöglicht; welch ein Wunder, dass alle Voraussetzungen gegeben sind, die gebraucht werden, damit es gelingen kann. Das Staunen wird größer in dem Maße, in dem die Einsicht in die Komplexität der Zusammenhänge steigt; das Wunder der Schöpfung bleibt denen, die das Staunen nicht verlernt haben. Am Anfang war kein Zufall, es war Schöpfung.
Es waren, lesen wir, paradiesische Zustände, „die nebelige Frühe“ lag „wie ein Versprechen“ (C. Lehnert) über dem Land, die Worte der Bibel atmen die zuversichtliche Gewissheit, dass Leben sein wird, die Fülle des Lebens. Einen Garten legt der Schöpfer an und vor unserem Auge entstehen Bilder vom Wachsen und Jäten und Pflegen und Ernten und Vergehen und neuem Wachstum.

Ja, der Vater im Himmel sorgt für Euch, haben wir im Evangelium gehört, er lässt es gut werden, wie er die Welt gut geschaffen hat, so können wir ihm vertrauen – sorget nicht, sagt Christus den Seinen. Alles, was es zum Leben braucht ist den Menschen geschenkt, und das meinen wir, wenn wir uns Gotteskinder nennen. Mit unseren Fähigkeiten und Begabungen sind wir Teil des Ganzen, können und sollen bebauen und bewahren, was uns anvertraut ist: die gute Schöpfung Gottes. Der Boden ist bereitet für euch; es kann gut, Euer Bemühen kann zum Segen werden für die Menschen und dem Schöpfer zur Freude.

Liebe Gemeinde, diese großartige, unvergängliche Erzählung des Glaubens von dem Ort und dem Auftrag des Menschen in der Schöpfung hören wir in einer besonderen Situation. In diesem Gottesdienst erinnern wir uns daran, dass vor 300 Jahren ein großes Werk fertiggestellt war und die Gemeinde zum ersten Mal die Orgel Gottfried Silbermanns hörte. Wie mag das gewesen sein, was haben sie empfunden… Bis heute rührt ihr Klang die Herzen und Sinne an, von überall her kommen Menschen, um ihn erleben zu können. Es kam etwas Neues in das sächsische Land, nie zuvor Gehörtes, das Bestand hatte über Jahrhunderte. Wir sehen auf ein Menschenwerk und was für eins. Bis heute ist es Anlass für Fragen und die Suche nach Antworten, Gegenstand der Forschung und ebenso staunender Bewunderung. Nicht viel, aber doch einiges ist von Gottfried Silbermann aus Kleinbobritzsch bekannt. Er hatte früh Interesse gefunden am Orgelbau, im Ausland gelernt, etwas von der Welt gesehen – und wurde ein Handwerker mit einer Vorstellung von seinem Tun, welche Gestalt sein Werk annehmen soll, wozu es bestimmt ist und was es bewirken kann. Etwas Genialisches war um ihn; zudem konnte er organisieren, seine Mitarbeiter anleiten, „motivieren“ würde man heute sagen, sie jeweils mit den Aufgaben betrauen, die ihren Begabungen entsprachen. Man wird in ihm wohl einen sehen können, der zu seiner Berufung gefunden hatte und hingebungsvoll für sie lebte. Sein Werk weist über ihn und die Spanne seines Lebens weit hinaus, hat Beständigkeit die Zeiten hindurch gewonnen. Das ist selten, staunenswert und wird kaum je einem Menschen zuteil. Wie sehen wir auf ein solches Leben? Was sagt es über uns, die wir unter anderen Bedingungen und Vorzeichen leben?

Liebe Gemeinde, „bebauen und bewahren“ sollen und dürfen die Menschen die Schöpfung, lesen wir auf den ersten Seiten der Bibel, das ist ihr Auftrag, ihre Berufung. Ja, wir werden gebraucht mit unseren Fähigkeiten und Begabungen, wir sollen und dürfen sie einsetzen, damit das Zusammenleben der Menschen gelingt. Das Leben kann gestaltet werden und will gestaltet sein, die Schöpfung ist auf das Mitwirken der Menschen angelegt. Darum ist es nicht einerlei, was wir tun, es hat seine Bedeutung, wie wir leben, was wir tun und lassen. Gott hat uns einen Ort gegeben, den wir bewahren sollen in seiner Schönheit und Fülle, und diesem Auftrag werden wir gerecht, indem wir ihn bebauen. Mit unseren Gaben loben wir den Namen Gottes und dienen den Mitmenschen. Davon wusste der große Orgelbauer etwas, das zeichnete ihn aus. Seine Möglichkeiten und Begabungen kannte er und auch die Verpflichtung, sie nicht für sich zu behalten, sondern einen, seinen Beitrag zu leisten zu dem Leben der Stadt und der Gemeinde. Sein Werk war bestimmt für den Gottesdienst der Freiberger Domgemeinde, die Versammlung der Gläubigen hatte er bei seiner Arbeit im Blick. Bis heute erfreut sie der „silberne“ Klang der Orgel, begleitet ihren Gesang und bewegt die Herzen, öffnet sie für die Anrede Gottes in seinem Wort – die Nähe Gottes finden wir gottlob mit allen unseren Sinnen. Zu seinem Lob und zu seiner Ehre erklingt die Orgel und dazu wurde sie gebaut. Seit 300 Jahren gibt sie uns eine Ahnung von dem Beitrag der Menschen in der guten Schöpfung Gottes. Wie das gemeint ist, dass wir sie bebauen und bewahren sollen. Dass uns möglich ist, was wir anstreben und erhoffen…

Genialisches wie Gottfried Silbermann ist nur sehr wenigen gegeben – aber ausnahmslos jedem und jeder Begabungen, mit denen wir unseren Nächsten dienen und Gott loben können.
Liebe Gemeinde, die Schöpfungsgeschichte ist nicht beendet mit dem Auftrag, sie zu bewahren und zu bebauen; das Paradies war nicht von Dauer. Da waren die beiden Bäume, von denen einer jener war, mit dem das Unheil begann, der Erkenntnis des Guten und des Bösen, die Sünde ist in die Welt gekommen….Davon blieb auch das Werk des großen Orgelbauers nicht verschont. Nicht alles war unumstritten, was er tat; der große Thomaskantor in Leipzig sah manches anders. Das Leben des Orgelbauers war nicht ohne Mühsal und Kämpfe, die zu bestehen waren. Er war ein Mensch, mit großen Begabungen und wie jeder von uns auch mit Schwächen, verstrickt in Dunkelheiten, leidend unter dem Zustand der Welt. 19 seiner Werke fielen den Umständen zum Opfer, verbrannten, wurden im Krieg zerstört.
„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und des Menschen Kind, daß du sich seiner annimmst?“ (Psalm 8, 5) Die Antwort des Psalmsängers ist bezeichnend: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott.“
Das nun gilt jedem Menschen, nicht nur den genialischen. Gebe Gott, dass wir zu unserer Berufung finden.
Amen.

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