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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl im ökumenischen Gottesdienst aus Anlass der konstituierenden Sitzung des 6. Sächsischen Landtags am 29. September 2014 in der Dreikönigskirche Dresden

„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“

1. Petrus 5, 7 (Wochenspruch)

 

Liebe Gemeinde,

der Petrusbrief wendet sich an eine Gemeinde, in der viele Menschen in großen Nöten sind: Die ersten Christen sind Anfeindungen, Leiden, Bestrafungen ausgesetzt; als sie den Glauben an Christus annahmen, wurden sie zu Fremden im eigenen Land. Es ist eine lange Zeit vergangen seit diese Worte geschrieben wurden; und unser Leben unterscheidet sich sehr von dem der ersten Christen. Aber in vielem ist es nicht anders, als es immer war – ein Menschenleben ohne Nöte und Bedrohungen gibt es nicht. In unserem reichen und wohlgeordneten Land, nach 70 Jahren des Friedens und 25 Jahre nach der Revolution, die eine friedliche war, neigen viele dazu, diese elementare Einsicht zu verdrängen. Oder sollte ich sagen: neigten?

Denn ich täusche mich wohl nicht, wenn ich sage, dass in diesen Tagen besonders viele krisenhafte Zuspitzungen die Welt erschüttern und damit vermeintliche Sicherheiten. In Afrika die Ebola-Epidemie, im Nahen Osten der grauenvolle Terror des „Islamischen Staats“ und die Vertreibung der Christen aus Mossul nach 1600 Jahren, der nochmals zugespitzte 100.jährige Krieg um das Heilige Land, im Osten Europas der Krieg um den Donbass. Auch in unserem Land beunruhigende Entwicklungen: die Zukunft der Europäischen Union, das Desinteresse so vieler an den Wahlen – aber es kann doch keine Demokratie ohne Demos geben. Die Frage, wie wir menschlich mit den Flüchtlingen umgehen können; oder wie es angesichts der demographischen Entwicklung gelingen kann, das Humanum in der Altenpflege zu bewahren; oder angesichts steigender Ansprüche zu wirtschaften mit absehbar weniger Geld … Man kann sich wohl Sorgen machen über den Lauf der Welt, von den privaten ganz abgesehen, die ihr eigenes Gewicht haben…

Da ist es gut, dass wir auf die Worte der Heiligen Schrift hören können in der Hoffnung, Orientierung und Hilfe zu empfangen. „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

Ob das reicht? Und alles gut wird? Das wohl nicht; und so ist es auch nicht gemeint.

Der Petrusbrief will die Gemeinde trösten; und dabei klingen die Worte Christi an, der den Jüngern in der Bergpredigt gesagt hat „Sorget nicht!“ und seine Mahnung mit ausdrucksstarken Bildern unterlegt hatte – wer ihm vertraut, soll sehen auf die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Feld, die nicht sorgen und doch durch Gottes Güte leben. Der Vater im Himmel sorgt für Euch, er lässt es gut werden, wie er die Welt gut geschaffen hat, so können wir ihm vertrauen – sorget nicht, sagt Christus den Seinen. Alles, was es zum Leben braucht ist den Seinen geschenkt, und das meinen wir, wenn wir uns Gotteskinder nennen und uns sagen lassen:

„Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“

Das mag sich zwar anhören wie ein wohlfeiler, ahnungsloser Ratschlag – ist aber erfahrungsgesättigt durch die Lebensgeschichte der Apostel, der ersten Christenheit, der ungezählten Christenmenschen, die, wie auch immer die Zeiten waren, lebten im Vertrauen auf Christus, der sagt: „Sorget nicht!“

Vor 25 Jahren war es nicht so, als hätte irgendjemand wissen können, dass es friedlich bleiben würde. Viele der Handelnden hatten weniger Sorge als Angst in den letzten September, ersten Oktobertagen, wie mir gerade in der letzten Woche in Leipzig ein älterer Amtsbruder sagte. Aber sie hatten auch das Wort Jesu, „Sorget nicht!“, und vertrauten darauf. Das war keine Vertröstung, sondern ein Trost, der Kräfte freisetzte, von denen eine unwiderstehliche Bewegung ausging. Christus, der an das Kreuz ging, hat selbst durchlitten, was Menschen ängstigt. Und ermutigt uns, in Sorgen und Ängsten auf ihn zu vertrauen.

Heute beginnt der 6. Sächsische Landtag mit seiner Arbeit. In der Politik kommt es, wie Max Weber treffend gesagt hat, mit Augenmaß und Vernunft das Notwendige und dem Frieden Dienliche zu tun. Das ist nicht einfach, man muss wählen unter fraglichen Optionen, es gibt ungeklärte Risiken und oft sind die Folgen nicht absehbar, da ist das Angewiesensein auf andere, die anderes wollen…

Da ist es gut, hilfreich-tröstend, zu hören: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ Gelöst sind die Probleme damit nicht. Aber es steigt die Aussicht, darin zu bestehen und das Richtige zu tun.

Liebe Gemeinde, dankbar dürfen wir sagen, dass wir heute in unserem Land in einer Zeit der Freiheit leben und in Freiheit uns den Herausforderungen zuwenden können. Wir wollen unserem Gott danken, dass Er für uns sorgt und uns nicht sorgen um das, was kommen mag. Sondern sehen auf das Reich Gottes, das kommen wird, und jetzt schon wächst unter uns; und tun, was uns aufgetragen ist zum Besten des Landes und der Menschen.
Amen.

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