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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl am 19. Sonntag nach Trinitatis, 26. Oktober 2014, zum neunten Kirchweihfest der Frauenkirche Dresden

Predigttext: Exodus 2. Mose 34, 4-10

 

Liebe Gemeinde,

in diesem Herbst erinnern wir uns an die Ereignisse der friedlichen Revolution vor 25 Jahren, und darin spielt der kalte Dezemberabend kurz vor Weihnachten eine große Rolle, als Bundeskanzler Kohl an der Ruine zu den Dresdnern sprach; es war der Tag, an dem die Deutsche Einheit greifbar wurde. Wer in diesen Tagen auf dem Dresdner Neumarkt steht, wird sich kaum noch vorstellen, wie der Ort 1989 aussah, die Fotos und Filmaufnahmen aus jener Zeit wirken wie Dokumente aus einer anderen Welt. Als dann der Wiederaufbau mit dem „Ruf aus Dresden“ begann, waren vier und ein halbes Jahrzehnt vergangen, in denen die Kirche als Ruine gelegen hatte. Heute ist wieder der Gedenktag der Kirchweihe, vor neun Jahren haben wir die wiedererstandene Frauenkirche geweiht; für alle, die dabei sein konnten war es ein unvergessliches Erlebnis. Seitdem hat die Stadt an dieser Stelle ihr historisches Gesicht zurückgewonnen, das ist ein Grund zur Dankbarkeit und mir persönlich geht es so, dass ich mich jedes Mal freue, wenn ich auf die Frauenkirche zugehe und das Leben auf dem Platz sehe. Es ist so, dass sich eine Wunde geschlossen hat, die der Krieg geschlagen hatte, Gott sei Dank. Brücken der Versöhnung wurden gebaut, und der Impuls dazu kam aus Coventry, von der dortigen Kathedrale, die von deutschen Bombern am Beginn des Krieges zerstört worden war. Bridges of reconciliation have been built, and the impetus came from Coventry Cathedral, which had been destroyed by German bombers at the beginning of the war. Englische Christen brachten das Nagelkreuz, das auf dem versehrten Altar steht als Zeichen der Gemeinschaft unter ehemaligen Kriegsgegnern: Weltweit verbindet es Menschen miteinander im Geist der Versöhnung. Die Frauenkirche ist heute ein Ort tief empfundener Dankbarkeit, des Friedens.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag leitet uns an, über das Vergangene nachzudenken und was es für die Gegenwart bedeutet.

„Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand. Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an. Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied! Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein. Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.“

Dieser Abschnitt gehört in die Erzählung von den 10 Geboten, die Gott den Menschen zur Orientierung und zur Unterscheidung von Gut und Böse gibt; es ist der Endpunkt eines dramatischen Ringens zwischen Gott und Mose. Kurz zuvor hatte sich der Abfall des Gottesvolkes zugetragen; als Mose lange, für das Empfinden der Leute allzu lange auf dem Berg Sinai geblieben war, wo er die beiden Gesetzestafeln empfangen hatte, machte man sich einen Gott, der nicht fern und ungesehen, sondern nah und sichtbar sein sollte – das Goldene Kalb. Enttäuscht, wutentbrannt hatte Mose die heiligen Tafeln zerbrochen, es war ein Tiefpunkt erreicht, Götzendienst, Frevel, Sünde. Und doch nicht das Ende. Denn es folgt ein Neuanfang, wiederum werden die 10 Gebote in Stein gehauen und Gott akzeptiert die Reue des Volkes, spricht: „Siehe, ich will einen Bund schließen: und das ganze Volk … soll des HERRN Werk sehen“. Bis heute gründet sich Israel auf diese Zusage. Die Christenheit stimmt in diesen Glauben ein und bezeugt, dass die Erwählung des Gottesvolks, aus dem Jesus von Nazareth gekommen ist, unverändert fortbesteht. Gott gibt sich in dem neuerlichen Bundesschluss zu erkennen, zeigt sich als der, der er ist. Mose spricht es aus, gibt der Erkenntnis Worte: „HERR Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde…“

So ist Gott – geduldig, barmherzig und von großer Güte. Gnädig ist der Herr; der das Leben geschenkt hat, der kann und will es auch segnen. Gott will die Möglichkeit des Neuanfangs und vergibt die Schuld, die Menschen auf sich laden, wenn sie gegen seinen Willen handeln und die Gebote brechen. Ein menschenfreundlicher Gott, und Jesus hat uns gelehrt, Ihn „Vater“ zu nennen und auf Ihn zu vertrauen in allem. So wie Kinder gar nicht anders können als zu vertrauen, dass die Eltern sie bewahren vor dem Bösen und ihnen zu Hilfe kommen in Not, sie verstehen und in Liebe annehmen, was auch immer geschieht, so dürfen wir auf Gott sehen, der es gut mit uns meint und es gut mit uns macht; wir dürfen ihn „Vater“ nennen. Gott ist den Gläubigen nicht fern, kein blasser, ungreifbarer Gedanke, sondern kommt uns nahe, wird erkannt in seinem Sohn Jesus Christus, seinen Worten und Taten. Es ist gut, ein Segen ist es, Gott zu kennen und seine Gebote. Jeder Gottesdienst, den die Kirche Christi feiert, lobt seinen Namen und verkündigt die Botschaft von der Liebe, mit der Gott auf die Menschen sieht. Ja, in diesen Lobgesang stimmen wir ein und wollen uns dem Vater anvertrauen.

Liebe Gemeinde, damit ist das Entscheidende gesagt, aber noch nicht alles. Denn Mose spricht weiter, und auch die Fortsetzung des Lobgesangs gehört zu seiner Gotteserkenntnis: „aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!“ Es ist dem barmherzigen Gott nicht einerlei, was die Menschen tun. Er sieht nicht gleichgültig zu, wie wir leben. Ob wir die Gebote halten oder sie missachten oder gar verachten, das ist nicht beliebig, sondern macht einen Unterschied, und dabei geht es um die letzten Gegensätze: Gemeinschaft oder Trennung, Frieden oder Gewalttat, Leben – Tod. Die Gebote sind den Menschen gegeben, damit das Leben gelingen kann und dem Bösen gewehrt wird. Und es kann nicht gut werden, wenn sie gebrochen werden, darum heißt es: „ungestraft lässt er niemand“.

Gott straft, das ist ein schwerer Satz, der nicht leichtfertig überlesen werden darf; das ist eine Aussage, die den Glauben an den gnädigen Vater herausfordert, vielleicht gar das Vertrauen auf Ihn angreift – dem sich die Gläubigen aber nicht entziehen werden. Die Geschichte dieses Gotteshauses erzählt auch davon, wie das gemeint ist. Denn es gab die Nazi-Zeit, in der um die Frauenkirche ein Kampf geführt wurde, an dessen Ende die Deutschen Christen dafür sorgten, dass ihre Gegner aus der Bekennenden Kirche des Landes verwiesen wurden. Irrlehrer verdrehten das Evangelium und missbrauchten es zur Unterstützung des verbrecherischen Krieges Hitlerdeutschlands. Die Frauenkirche sollte ihr Zentrum werden, ihr „Dom“. Man machte sich einen Gott, wie man ihn brauchte. Etwas wie ein Goldenes Kalb. Als der Krieg nach Dresden zurückkehrte, die Frauenkirche im Feuersturm zusammenstürzte, traf er keinen unschuldigen Ort.

Die Erinnerung an den Krieg lehrt, dass Menschen aus der guten Schöpfung Gottes buchstäblich eine Hölle machen können, in der Gewalt und Gegengewalt, Vergeltung und Hass zu alles beherrschenden Mächten werden. Götzendienst, Frevel, Sünde, die Gebote Gottes missachtet: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, aber der Führerkult. „Du sollst nicht töten“, aber die Verherrlichung der Gewalt und die Entgrenzung des Krieges … bis heute erschrecken wir, welchen Preis es erforderte, Nazi-Deutschland niederzukämpfen. Es gab den Fluch der bösen Tat, die immer neu aus sich heraus Böses wirkt (wie Schiller sagt): „ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern…“

Nach dem Krieg dann gab es viele, die zutiefst erschrocken waren über das Geschehene. Sie verstanden die Kriegsjahre nicht als unerklärliches Verhängnis, sondern als Folge der Gottesferne. Und des Abfalls von dem Gotteswillen, der in den Geboten erkannt werden kann und in den Worten und Taten des Jesus von Nazareth. Sie vertrauten auf den gnädigen Gott, darum riefen sie zur Umkehr und gingen den Weg der Versöhnung, gottlob. Sie sahen auf Christus, den Gottessohn, der das Böse stellvertretend für uns trug. Am Kreuz litt er, wie Menschen nur leiden können, unter Gewalt und sinnlosem Hass. Der barmherzige Vater aber lässt dem Tod nicht das letzte Wort; Christus ist auferstanden. Im Glauben gewinnen wir daran Anteil, unser Heil und das Leben. Als Versöhnte mit Gott können wir Versöhnung über alle trennenden Grenzen hinweg leben, wahrhaftig Frieden stiften, und in diesem Geist geschah der Wiederaufbau der Frauenkirche. Er wäre nicht möglich gewesen ohne großzügige Gaben aus dem Vereinigten Königreich und den USA. Ehemalige Kriegsgegner sind miteinander verbunden durch das starke Band gelebter Versöhnung. Am Tag der Kirchweihe, vor neun Jahren, sagte mir eine betagte Dresdnerin, dass für sie nun erst der Krieg zu Ende gegangen sei.

Liebe Gemeinde, seit 69 Jahren leben wir im Frieden. Wiederum sind unruhige Zeiten angebrochen – da sind die furchtbaren Verbrechen des „Islamischen Staates“ in Syrien und im Irak, der nicht endende Konflikt im Heiligen Land, der nahe Krieg in der Ostukraine, die politische Krise der EU; auch die offenen Fragen, wie wir im Umgang mit den Flüchtlingen die Menschlichkeit bewahren können und wie geholfen werden kann gegen die tödliche Epidemie in Westafrika. Längst ist unser Wohl und Ergehen untrennbar verknüpft mit dem der anderen in der Einen Welt.

Selig sind die Friedfertigen, sagt Christus, auf den wir sehen, dem wir vertrauen, dem wir folgen. Das Leben in der Dresdner Frauenkirche will in allem dem Frieden dienen. Darum beten wir zu Gott, er ist „barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde…“ und bitten, dass er unsere Füße auf den Weg des Friedens richte (Lukas 1, 79). Dankbar für empfangenen Segen wollen wir das Gerechte tun; nicht aus Furcht, sondern aus Gottvertrauen.

Amen.

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