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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl im Zentralen Gedenkgottesdienst der Evangelischen Kirche in Deutschland anlässlich 25 Jahre Mauerfall, gleichzeitig Eröffnungsgottesdienst der EKD-Synode am 9. November 2014 in der Kreuzkirche zu Dresden

Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.


(1. Thessalonicher 5, 4 – 6)


Liebe Gemeinde,

der 9. November war einer der großen Tage in jenem Herbst der „friedlichen Revolution“. In diesem Begriff liegt etwas Staunenswertes. Denn aus Erfahrung verbinden sich mit der Bezeichnung Revolution nicht nur der Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern auch Gewalttat und Blutvergießen – diese blieben aber aus. Das Friedliche kam von dem Ruf „Keine Gewalt“, der kürzest möglichen Zusammenfassung der Bergpredigt Jesu, und es schwang darin etwas mit von dem Glauben, der Berge versetzen kann; aber auch ein beschwörender Unterton angesichts höchst realer und begründeter Ängste. Denn es war ja noch in den ersten Oktobertagen vielfach zu Übergriffen und massiven Gewaltanwendungen der „Bewaffneten Organe“ gekommen.-

In den Jahren, die dem Herbst `89 vorangingen, wurden die umstürzenden Ereignisse unter dem Dach der Kirche vorbereitet. Die Kirchen waren die einzigen Institutionen in der Gesellschaft der DDR, die sich dem Druck des diktatorischen Staates zu widersetzen und trotz aller Pressionen ihr Eigenleben nach ihrem Selbstverständnis zu gestalten wussten. Die Texte der Ökumenischen Versammlungen in Dresden und Magdeburg zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gewannen eine Tiefenwirkung; sie halfen vielen Christinnen und Christen, in zehrenden Konflikten mit staatlichem Unrecht zu bestehen. In den Monaten dann, die dem Fall der Mauer vorausgingen, in einer Situation, in der das gesellschaftliche Leben erstarrt war, der Machtwille der Partei erschöpft und niemand sonst dem Protest hätte Raum und Stimme geben können, standen die Türen der Kirchen offen, und auch die kleinsten Friedensgebete in den vielen Dorfkirchen entfalteten ihre Wirkung.

Liebe Gemeinde, … ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.
„Kinder des Lichts“, was für eine Zuschreibung … große Worte, wie erhebend, sich so angeredet wissen zu dürfen. Nicht etwa Lichtgestalten, die dem Irdisch-Verworrenen enthoben wären, denen das Schwere von vornherein leicht ist, das nicht. Das Christenleben wird gelebt in dieser Welt, in der Hell und Dunkel ineinander übergehen. Aber doch „Kinder des Tages“, wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. Das ist gut zu hören – wenn es nicht Schwärmerei ist, sondern es Gründe gibt, so von Menschen zu reden. Von der Hoffnung der Christenheit spricht Paulus zu der Gemeinde in Thessaloniki und davon, was sie im Leben bewirkt. Es war die Frühzeit des Glaubens an den Auferstandenen, die Gläubigen hofften auf das Kommen des Gottesreiches und die Frage, wann der Herr wiederkommt, spielte eine große Rolle. Einen Termin gibt es nicht, schreibt ihnen der Apostel – unerwartet, plötzlich wird es sein, man kennt nicht den Tag und nicht die Stunde. Aber darum braucht Ihr Euch nicht zu sorgen, denn Ihr seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Es ist doch hell um euch, die Sicht ist klar; vertraut dem Herrn, hofft auf Christus!

Für die Zeit, bis er kommt, sagt der Apostel, seid wachsam und nüchtern. Das ist die Haltung der „Kinder des Tages“, in der sie den kommenden Tag seiner Herrlichkeit erwarten; sie leben schon hier in seiner Sphäre, die Zeit und Ewigkeit umfasst – sie leben, wozu sie berufen sind!

Ja, „Kinder des Lichts“ werden wir genannt und dafür gibt es nur einen Grund: Die Hoffnung, zu der wir berufen sind. Nicht etwa besondere Fähigkeiten, die andere nicht hätten, nicht das Privileg auf ein gutes oder gelingendes Leben, das anderen versagt bliebe. Auch nicht politische Einsichten, die anderen verschlossen wären. Sondern die Hoffnung auf den Auferstandenen macht uns zu „Kindern des Tages“, und zu Freigesprochenen.

Vor 25 Jahren taten zahlreiche unerschrockene Christenmenschen mutig und mit Gottvertrauen das Gerechte. Sie waren wachsam und nüchtern geblieben, die Hoffnung hatte sie stark gemacht und unter Bedrückung getragen. Es war eine friedliche und auch eine protestantische Revolution, denn zu einem guten Teil wurde sie von evangelischen Christinnen und Christen gemacht. In aller Demut dürfen wir sagen, dass das Jahr ‘89 eine angefochtene Kirche sah, die doch ihrem Herrn treu geblieben war.

Liebe Gemeinde, „wachen und nüchtern sein“, das ist der ganzen Kirche gesagt, und gilt, bis der Herr kommt. Auch in dieser Zeit der Freiheit, die vor 25 Jahren begann. Das Ende der Geschichte, wie damals manche meinten, war es nicht, auch nicht der Beginn des „Ewigen Friedens“, so sind die Menschen nicht. Da sind die furchtbaren Verbrechen des „Islamischen Staates“ in Syrien und Irak, der nicht endende Konflikt im Heiligen Land, der nahe Krieg in der Ostukraine, die politische Krise der EU; da ist die Frage, wie wir den Flüchtlingen, die zu uns kommen, helfen und mitmenschlich handeln können. Unter den Bedingungen der Globalisierung ist es nicht länger möglich, sich zurückzulehnen und distanziert zuzuschauen, was anderswo geschieht. Schon gar nicht für die Deutschen, die überall präsent sind und Einfluss nehmen noch auf das ferne Leben, wirtschaftlich, kulturell, technologisch. Es gibt keine Nische, in die Deutschland sich zurückziehen könnte, auf dessen Möglichkeiten viele erwartungsvoll sehen. Längst ist unser Wohl und Ergehen untrennbar verknüpft mit dem der anderen in der Einen Welt. Und das ist keine Zumutung, sondern die Perspektive des Glaubens – die Erde ist des Herrn (Psalm 24, 1).

Was an uns liegt, die wir als „Kinder des Lichts“ angeredet werden – wir hoffen und sehen auf Christus, der uns entgegenkommt. Wachsam und nüchtern sollen wir in der Zeit stehen; also vergessen wir an diesem Tag den November 38 nicht und was ihm folgte, also sehen wir demütig auf unsere Geschichte, weichen ihr nicht aus. Erst die Hoffnung lässt den Blick klar werden für die Gerechtigkeit, die ein Volk erhöht (Sprüche 14, 34) – auch das gilt, bis der Herr kommt.

Amen.

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