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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl am Buß- und Bettag, 19. November 2014 in der Kreuzkirche zu Dresden

„Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsres Gottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zu erscheinen vor mir - wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet? Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel! Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlung mag ich nicht! Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sind mir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!“
(Jesaja 1, 10 – 17)

Liebe Gemeinde,

Kritik ist notwendig, das weiß jeder – und doch hört sie niemand gern, empfindet sie schnell als verletzend. Darum sollten wir uns, wenn um der Wahrheit willen Unangenehmes angesprochen werden muss, wir aber doch beieinander bleiben wollen, immer die Frage stellen, wie das Kritikwürdige so gesagt werden kann, dass es gehört wird und aufbauend wirkt, so dass es besser werden kann. Das ist eine Regel, die ganz allgemein gilt, wo auch immer Menschen miteinander leben – der Prophet Jesaja hält sich hier nicht daran. Er kritisiert den  Gottesdienst und die Gläubigen in ungemilderter, schneidender Schärfe. Jesaja redet zu den Menschen in einer Weise, für die es kaum Parallelen gibt – nichts im Tempel ist so, wie Gott der Herr es will, „meine Seele ist Feind euren … Jahresfesten; sie sind mir eine Last“. Nichts Gutes, gar nichts, nur Böses, Verdorbenes, das beginnt schon mit der Anrede Israels als „Herren von Sodom“, als „das Volk von Gomorra“; berüchtigte Städtenamen, die von der Verderbtheit ihrer Bewohner in ferner Vergangenheit künden. Jesaja greift zur äußersten Schärfe, die nur denkbar ist, denn er will seinen Mitmenschen klar machen, dass ihre großartig inszenierten gottesdienstlichen Feiern, ihre dargebrachten Opfer, ihre Bekenntnisse und Gebete nicht ungeschehen machen können, dass sie im Alltag ständig und ohne Skrupel gegen den erklärten Willen Gottes verstoßen. Sie tun Unrecht, Bösem geben sie sich hin, darum haben ihre religiösen Feste keine Glaubwürdigkeit; Gott durchschaut das heuchlerische Nebeneinander von Frevel und Gottesdienst. Die Kritik Jesajas ist nicht aufbauend, sondern vernichtend. Was kann sie uns sagen, die wir in einer ganz anderen Zeit leben?

Wir lesen die Bibel in der Hoffnung, Gott näher zu kommen, seinen Willen zu erkennen für unser Christenleben, für unsere Zeit und für unsere Kirche. Wir beziehen die Texte der Vergangenheit auf die Gegenwart, damit wir mit unserem Leben Gott ehren und nicht in die Irre gehen. Wenn wir den zornigen Jesaja hören, werden wir also die Frage an uns heranlassen, wie Gott auf uns sieht, wie er unser kirchliches Leben beurteilt. Kann es sein, dass auch unser Gottesdienst unter der Kritik Gottes steht? Dass Er unseren Glauben als hohl und scheinheilig, heuchlerisch gar durchschaut? Dass auch wir zur Umkehr aufgefordert werden? Ist das alles auch uns gesagt?

Wir wissen, dass in unserer Kirche nicht alles Gold ist, was glänzt; und oft genug wünschen wir, dass etwas mehr Glanz wäre. Wer möchte sagen, dass in allen Gottesdiensten, die Sonntag für Sonntag, landauf, landab in der sächsischen Landeskirche gehalten werden, das Evangelium so gepredigt wird, dass die Herzen der Menschen sich öffnen können und die Herrlichkeit Gottes aufleuchtet…wer von uns hätte es noch nicht erlebt, dass wir trockene Krümel empfingen, als wir auf das Schwarzbrot des Glaubens hofften. Zu kritisieren gibt es genug. Aber nicht nur bei anderen – wer erinnert sich nicht, mit verstocktem Herzen der Anrede des Evangeliums ausgewichen zu sein und Gott auf Abstand gehalten zu haben; wer unter uns könnte sich angesichts des Anspruchs Gottes an unser Leben auf der sicheren Seite wähnen? Und welcher Pfarrer oder Bischof würde nicht das Gefühl des Ungenügens kennen…

Liebe Gemeinde, ja, wir vertrauen auf Gott; der Glaube stärkt und tröstet uns in gefahrvoller Welt. Es ist ein Geschenk, das wir empfangen aus Gnade, ohne eigenes Verdienst. Und zugleich wissen wir ja, dass der Glaube nicht ohne Früchte bleiben kann. Wer glaubt, ist an seinen Nächsten gewiesen und wird ihm zum Diener, zum Knecht, wie Martin Luther sagt. Ein Glaube, der selbstbezüglich um sich selbst kreist, dem nicht die Werke der Barmherzigkeit folgen, ist ein Glaube in der Krise, hohl und leer. Das sagt Jesaja und das sagt er auch uns.

Es gehört zum Leben in der Nachfolge Jesu Christi, dass wir uns infrage stellen lassen, dass wir unser Leben in dem Licht betrachten, das mit Christus in die Welt gekommen ist. Der Herr selbst geht uns voran, und darum betrachten wir das eigene Tun und Lassen kritisch, mit geschärftem Gewissen. So werden wir, in der Sprache der Bibel, erkennen, dass wir allzumal Sünder sind, dass wir uns selbst und unseren Mitmenschen immer wieder im Weg stehen, in dem Sinne, dass wir auf Kosten der Mitmenschen leben, dass wir uns selbst der Nächste sind, dass all unser Tun nicht genug ist, um dem Anspruch Gottes standhalten zu können. Christus ruft uns zur Buße, was ein anderes Wort für Umkehr ist.
 
Der Buß- und Bettag ist der Tag im Kirchenjahr, an dem wir uns in besonderer Weise dem Willen Gottes für unser Leben stellen, auf seinen Anspruch an uns hören. Er leitet mich an zu einem klaren, unverstellten und schonungslosen Blick auf mein Leben. Umkehr ist das Thema dieses Tages. Es ist ein hochaktuelles Thema gerade jetzt, da man den Eindruck haben kann, die Welt sei aus den Fugen geraten.

Da sind die furchtbaren Verbrechen des „Islamischen Staates“ in Syrien und Irak, der nicht endende Konflikt im Heiligen Land, der nahe Krieg in der Ostukraine, die politische Krise der EU; man könnte verzweifeln. Alles das ist ja nicht fern, sondern betrifft das Zusammenleben in der Einen Welt, geht auch uns an. Was soll man tun, um dem Bösen zu wehren unter dem Unschuldige leiden? Ist es richtig, dass jetzt Waffen in den Irak geliefert werden? Ist es überhaupt richtig, dass in Deutschland Waffen hergestellt und in alle Welt verkauft werden? Wie können wir helfen gegen die Epidemie in Westafrika? Wie können wir im Umgang mit den Flüchtlingen, die zu uns kommen, die Menschlichkeit bewahren? Wer als Christ oder Christin so fragt, stellt nicht nur Fragen an die Politik, sondern auch an sich selbst. Also: Was kann ich tun, um den Fremden unter uns ein Nächster zu werden, was ist mein Beitrag zum Frieden, wo bin ich gefordert als Mitmensch?

Liebe Gemeinde, die Kritik des Propheten Jesaja am Gottesdienst ist vernichtend; aber ganz am Ende des Abschnitts hören wir ihn sagen, was der Umkehr die Richtung weist.

„Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!“

Wer sich mit der Bitte um Vergebung, um Korrektur und Hilfe an Gott wendet, wer auf Tod und Auferstehung Jesu Christi vertraut, Buße tut – der darf darauf hoffen, dass Gott barmherzig ist, uns unsere Schuld vergibt und uns befreit zu liebevollem Handeln. Glauben und Liebe gehören zusammen, die Anbetung Gottes und das Tun des Gerechten sollen wir nicht auseinanderreißen, beide bestimmen das Verhältnis zu Gott. Der Gottesdienst wird im Alltag der Welt fortgesetzt, und in ihm bleibt es eine immerwährende, niemals endgültig beantwortete, jeden Tag aufs Neue gestellte Frage, ob wir unseren Nächsten mit Liebe begegnen, den Unterdrückten Recht schaffen, mit den Hungernden teilen.

Oder Flüchtlinge beherbergen. In diesen Tagen sind die Behörden der sächsischen Städte und Gemeinden bemüht, Unterkünfte bereitzustellen; und immer wieder kommt es zu Unmutsbekundungen von Nachbarn und gar zu hasserfüllten Übergriffen. Ich kann nur hoffen, dass Christinnen und Christen sich daran nicht beteiligen – denn Jesus hat uns ja gesagt, dass wir in den Flüchtlingen ihm selbst begegnen. Wir würden ihn verleugnen, wenn wir in ihnen nicht unseren Nächsten erkennen würden und ihnen helfen, wie es uns möglich ist. Es ist wohl wahr, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnehmen kann; die Politik muss mit Augenmaß und Vernunft das Erforderliche tun. Das ist das eine. Das andere ist aber die Menschlichkeit im Umgang mit denen, die hier bei uns leben. Und dafür werden wir Christen gebraucht. Ich bin sehr dankbar für das Engagement in unserer Gemeinde, dass Freiwillig-Ehrenamtliche Deutschkurse geben oder mit den Kindern spielen oder bei Behördengängen beistehen. Sie folgen dem Liebesgebot, das wir von unserem Herrn Jesus Christus empfangen haben, ebenso wie die Mutigen, die nach Afrika gehen und im Kampf gegen die Ebola-Seuche helfen. Jesu Worte sind unmissverständlich: In den Geringsten, den Schwachen begegnen wir ihm. Das sagt er jedem von uns und damit auch der Gemeinde, der wir angehören. Die Tat legt das Wort recht aus, sagte Martin Luther, und für die helfende Tat gibt es so viele Anlässe, wie es Begegnungen mit Menschen in Not gibt.
 
Liebe Gemeinde, unsere Gottesdienste gewinnen ihre Würde durch das Wort Gottes, auf das wir hören, durch Anbetung und Fürbitte, durch unser Bekenntnis und durch die Musik, die Herzen und Sinne für die Gegenwart Gottes öffnet. So stärkt der Gottesdienst die Gemeinde Jesu Christi für den Alltag der Welt und macht uns bereit zur Umkehr. Gebe es Gott, dass er selbst unser Bemühen mit seinem Segen begleitet, dass wir die Werke der Barmherzigkeit tun. Dazu will der Buß- und Bettag helfen.

Amen.

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