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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl im Festgottesdienst anlässlich der Eröffnung des Festjahres 850 Jahre St. Nikolaikirche Leipzig am 6. Dezember 2014

Predigttext: Jeremia 29,7

Liebe Gemeinde,

heute sind wir zum Auftakt des Festjahrs zusammengekommen, um uns des Segens zu vergewissern, mit dem Gott diese Gemeinde eine solch lange Zeit begleitet hat; es sind jetzt 850 Jahre, dass an diesem Ort das Wort Gottes verkündigt, die Sakramente gespendet, der Glaube an unseren Herrn Jesus Christus weitergegeben wurde. Das ist ein Zeitraum, von dem man meinen könnte, dass er das menschliche Maß übersteigt – was überdauert schon acht Jahrhunderte. Der Rückblick weist uns an die Güte Gottes, die höher ist als alles Vernünftige; und lässt uns dankbar werden.

Der Wandel der Zeiten war tief; wie sehr unterscheidet sich unser heutiges Leben, geistlich wie weltlich. Es war noch das ausgehende Mittelalter, man lebte wie selbstverständlich mit der alten Kirche. Fromme, gottesfürchtige Menschen bauten ihrer Anbetung einen Raum, in dem sie sich geborgen wissen durften vor den Gefahren ihrer Zeit. Es war ein kurzes Leben, ständig vom Tod umgeben, die eigene Endlichkeit vor Augen; ein hartes Leben zudem, man ahnte nichts von den Annehmlichkeiten, die uns Heutigen das Leben leicht und lang werden lassen. 850 Jahre, das ist eine lange Zeit, in der nur wenig unverändert bleibt. Unter aller Vergänglichkeit lag doch dauernder Bestand in dem Gottesdienst, den die Gemeinde am Tag des Herrn feierte, in dem sie Zuspruch und Trost empfing – Sonntag für Sonntag, wie auch immer die Zeiten waren, in Krieg und Frieden; und darum beginnen wir dieses Festjahr mit einem Gottesdienst.

Der heilige Nikolaus wurde von vielen Städten als Schutzpatron gewählt und die bürgerlichen Hauptkirchen der Städte nach ihm benannt, so auch diese. Über den Bischof von Myra und sein Leben am Anfang des 4. Jahrhunderts in der heutigen Türkei wissen wir nur wenig, aber zahlreiche Bräuche verbinden sich mit ihm und dem heutigen Tag, der seinen Namen trägt: das Einlegen von Geschenken in die Stiefel der Kinder; und ihre Befragung, ob sie denn auch brav und fromm gewesen seien; oder der „Kinderbischof“, den die Kinder aus ihren Reihen wählen durften; was hier und da wieder auflebt: Nach dem Prinzip der verkehrten Welt predigt er den Erwachsenen und tadelt ihr Verhalten. Viele der Bräuche gehen zurück auf das Gleichnis von den anvertrauten Talenten, das sich mit dem Leben des heiligen Nikolaus verband (Mt. 25, 14 – 30) und dessen Botschaft unverändert geblieben ist: Es ist nicht vergebens, wie wir leben, sondern die Gaben, die wir von Gott empfangen haben, sollen wir gebrauchen zum Lobe Gottes und zum Wohl unserer Mitmenschen. Die Stadt Leipzig, als sie sich auf Nikolaus berief, hatte eine klare Vorstellung von der Berufung der Menschenkinder und von der Weise ihres Zusammenlebens. Vom Wert der Arbeit, von der Verpflichtung eines jeden und einer jeden, zum Guten beizutragen, das nur gemeinsam gefunden werden kann und allen Bürgerinnen und Bürgern zukommt, weil sie ja als geliebte Kinder ihres himmlischen Vaters angesehen werden. Darüber hat sich ein Reichtum der Gaben entfaltet, der uns im Rückblick staunen lässt … vor 475 Jahren der erste reformatorische Gottesdienst in Leipzig, vor fast 300 Jahren die Amtseinführung von J. S. Bach, 1989 dann die Friedensgebete, Beginn und Ausgang der friedlichen Revolution hier in der Stadtkirche St. Nikolai.

Wir hören auf den Propheten Jeremia: „Suchet der Stadt Bestes (dahin ich euch habe wegführen lassen) und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.“

„Suchet der Stadt Bestes“. Im Prophetenwort, vor 2600 Jahren gesprochen, hören wir die Verpflichtung für jeden Gläubigen, sich in die Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten einzubringen; sich nicht in das kleine private Leben zurückzuziehen, sondern mit den je eigenen Kräften einen Beitrag zu leisten für das Wohlergehen der Gemeinschaft. Nicht zu meinen, ein jeder sei sich selbst genug, könne leben ohne die Anderen. Sondern das Gute zu suchen und zu tun, das die Verschiedenen verbindet. Indem wir den Propheten hören, hören wir den Auftrag, dem die christliche Kirche verpflichtet ist.

Liebe Gemeinde,

25 Jahre nach der friedlichen Revolution leben wir in einer demokratischen Gesellschaft, in der die Bürgerrechte garantiert sind. Wir genießen die Freiheit und gestalten mit den europäischen Nachbarn in Frieden die Zukunft. Dankbar sehen wir, dass der Staat des Grundgesetzes der Kirche alle Möglichkeiten zur Gestaltung ihres Lebens und zur Erfüllung ihres Auftrages einräumt – darum ruft sie ihre Mitglieder auf, sich an den Wahlhandlungen im demokratischen Rechtsstaat zu beteiligen, das aktive und das passive Wahlrecht auszuüben, Verantwortung für die Stadt und das Land zu übernehmen, ihr Bestes zu suchen.

Ohne Nöte ist aber auch diese Zeit nicht. In diesen Tagen ist unübersehbar deutlich geworden, wie sehr wir in einer Risikogesellschaft leben. Da sind die furchtbaren Verbrechen des „Islamischen Staates“ in Syrien und Irak, der nicht endende Konflikt im Heiligen Land, der nahe Krieg in der Ostukraine, die politische Krise der EU; man könnte verzweifeln. Alles das ist ja nicht fern, sondern betrifft das Zusammenleben in der Einen Welt, geht auch uns an. Was soll man tun, um dem Bösen zu wehren unter dem Unschuldige leiden? Ist es richtig, dass jetzt Waffen in den Irak geliefert werden? Ist es überhaupt richtig, dass in Deutschland Waffen hergestellt und in alle Welt verkauft werden? Wie können wir im Umgang mit den Flüchtlingen, die zu uns kommen, die Menschlichkeit bewahren, ihnen im Geist der Nächstenliebe begegnen? Die Individualisierung schwächt alle Gemeinschaften und zunehmend steht in Frage, ob es gelingt, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sichern. Alles scheint in der Zeit der großen Freiheiten möglich, aber gerade das lässt das gemeinsame Gute verschwimmen. Wie finden wir der Stadt Bestes? Was kann die Christengemeinde der Bürgergemeinde geben?

Martin Luther hat eine Grundspannung der christlichen Existenz beschrieben. Sie baut sich auf zwischen den Erfordernissen des Lebens in dieser Welt – und dem Anspruch Gottes auf uns. Das Leben eines Christenmenschen wird gelebt im Alltag, inmitten und angesichts ganz und gar irdischer Herausforderungen – ist im Letzten aber gewiesen an Gott, dessen Reich nicht von dieser Welt und doch schon in ihr angebrochen ist. Besonnenes Handeln nach dem Maß weltlicher Erkenntnis ist notwendig, um den Frieden zu bewahren, dem Bösen zu wehren – Versöhnung kann es aber nicht geben ohne die Gnade Gottes. Darin liegt eine Spannung; wir wollen sie nicht so auflösen, dass die weltliche Machtausübung den Kriterien des geistlichen Lebens unterworfen wird. Politische Überzeugung und Glaube an Christus sind nicht identisch, und für ein gutes Regierungshandeln ist die Vernunft das entscheidende Werkzeug.

Die Kirche will nicht die Welt regieren. Aber das kann nun bestimmt nicht heißen, dass Politik nichts mit dem Evangelium zu tun hätte. In der jüngsten deutschen Geschichte gibt es Beispiele, wohin es führen kann, wenn man sich diesem Irrtum hingibt; sowohl die Nazis als auch die Kommunisten waren gottfeindlich, haben das Recht verachtet, Andersdenkende verfolgt. Wir sollen das Reich Gottes vom Reich der Welt unterscheiden, aber nicht denken, das Eine habe mit dem Anderen nichts zu tun. Vielmehr müssen sie zueinander in die angemessene Beziehung gesetzt werden. Denn es gibt zwei Weisen, in denen Gott die Welt regiert: einerseits durch die Frohe Botschaft, mit dem Ziel der Erlösung und der Rechtfertigung vor Gott, andererseits durch das Gesetz und die staatliche Ordnung mit dem Ziel, dem Frieden zu dienen und die Welt zu erhalten.

Daraus gewinnen wir eine tragfähige Orientierung, wie wir uns in die öffentlichen Angelegenheiten einmischen können, die Stimme des Evangeliums in den Auseinandersetzungen der Zeit zu Gehör bringen; und doch nicht verwechselbar, nicht zur Partei werden, sondern das Wort sagen, das nur die Kirche sagen kann. Also begleiten wir die Politik in kritischer Solidarität und gestalten die Demokratie mit, verstehen sie als Angebot und Aufgabe. Die Mandatsträger wollen wir ermutigen, dass sie ihr Amt in der Verantwortung vor Gott und den Menschen führen.

Liebe Gemeinde, heute und im kommenden Jahr blicken wir zurück auf eine 850-jährige Segensgeschichte an diesem Ort und sehen zugleich nach vorn. Wir vergewissern uns der empfangenen Gnade ja, damit wir in der Gegenwart tun können, was uns aufgetragen ist: Christus predigen. Gebe Gott, dass die Nikolaikirchgemeinde die Frohe Botschaft bezeugt in Wort und Tat und als eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern die Menschen einlädt, umzukehren und auf Gott zu vertrauen. Was wir empfangen haben, geben wir weiter – wir laden jeden und jede ein, auf Gottes Wort zu hören. Das Evangelium will zu allen Menschen gebracht sein, in alle Welt hinein gesagt werden, damit die Stadt zu ihrem Besten findet. Darum sind wir dankbar für dieses Gotteshaus, ein Strom des Segens ist von ihm ausgegangen. Die Säule auf dem Nikolaikirchhof erinnert daran. Es ist, so sehe ich es, das schönste Denkmal, das jemals eine Stadt dem Beitrag einer Kirche zum Gelingen gesetzt hat.

Amen.

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