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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl in der Weihnachtlichen Vesper vor der Frauenkirche am 23. Dezember 2014

Liebe Gemeinde,
kurz vor dem Bericht über die Geburt Jesu, den wir wie in jedem Jahr gehört haben, ganz am Beginn der Erzählung des Evangelisten Lukas vom Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi heißt es:

76Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest 77und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, 78durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, 79damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

Der Vater Johannes des Täufers redet zu seinem neugeborenen Sohn; später dann soll er dem Mann aus Nazareth vorangehen und die Menschen auf Jesus vorbereiten, auf seine Handlungen und Worte. Auf Christus soll er hinweisen, in dem das Heil der Menschheit zu finden sein wird. Er ist „das aufgehende Licht aus der Höhe“ und wird zu den Menschen kommen nur aus einem Grund – um Gottes Barmherzigkeit willen. Das ist eines der schönsten Worte der Bibel, die auch deswegen das „Buch der Bücher“ genannt wird, weil sie so reich ist an verheißungsvollen Wörtern.

„Barmherzigkeit“ gewinnt seinen Klang von den Handlungen, die das Wort bezeichnet: dass Menschen einander zum Leben helfen und mitleidig sein können und sich um des mitfühlenden Herzens willen dem Schwachen zuwenden, dass sie sich von der Not eines anderen anrühren lassen, aus freien Stücken sich erbarmen. Wer so handelt, den nennen wir barmherzig.

Vor gut 5 Jahren hat Präsident Obama die Frauenkirche besucht, ganz zu Beginn seiner Präsidentschaft, ein junger, unverbrauchter Mann. Wir hatten die Ehre, ihm die Frauenkirche vorzustellen und die Ehre wurde mir zu einer Freude. Denn ganz zu Beginn des Rundgangs gab es einen Moment der Nähe, der das Steif-Formelle zurücktreten ließ. Wir sahen hoch in die Kuppel und ich erklärte dem Gast die Deckengemälde: die Bilder der 4 Evangelisten und die Abbildungen der Christlichen Tugenden, von denen der Apostel Paulus schreibt, Glaube, Hoffnung und Liebe. 4 Evangelisten, 3 Tugenden – ein Feld bleibt dann noch frei; und als ich Herrn Obama fragte, was man denn in das 8. Feld gemalt habe, lächelte er und sagte: „Barmherzigkeit“. Ja, so ist es, so hatte man sich am Anfang des 18. Jahrhunderts entschieden und selbstverständlich auch im Wiederaufbau.

Barmherzigkeit ist eine Tugend, sie ist Ausdruck einer persönlichen Haltung, spricht von der Menschlichkeit eines Menschen, und gereicht jedem und jeder zur Ehre. Verlangen, fordern kann man sie von niemandem. Sondern nur darauf hoffen, dass es barmherzige Menschen gibt, die in dem Moment, in dem es darauf ankommt, aus freien Stücken das Gute tun, das Hilfreiche, das dem Zusammenleben dient, die Not wendet. Wie gut, wenn es barmherzig zugeht unter uns; darin spiegelt sich die Barmherzigkeit Gottes.

Liebe Gemeinde,
wir leben in einer Zeit weltweiter Wanderungsbewegungen, erschrocken sehen wir auf die furchtbaren Verbrechen der Terrorbande, die sich „Islamischer Staat“ nennt, und auf die Not der Flüchtlinge, die Vertreibung der Christen aus Syrien und Irak. Welche Regeln der Einwanderung in unserem Land gelten sollen, darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein und streiten – niemand wird behaupten wollen, dass in den zurückliegenden 30 Jahren keine Fehler gemacht worden wären. Während man sich auf der einen Seite des politischen Spektrums lange der Aufgabe verweigert hat, die Einwanderung zu gestalten, erging man sich andererseits in illusionären Vorstellungen von Multikulturalität. Worüber aber nicht gestritten werden kann, ist die Verpflichtung des Staates zu Humanität; sie ist sein tragender Grund. Und dazu gehört die Aufnahme von Flüchtlingen.

Bei uns in Sachsen kann nicht im Entferntesten die Rede davon sein, die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft sei überfordert. Wer anderes sagt, wie bei Pegida zu hören, schürt Ängste, für die es keinen realen Grund gibt. Aus Angst aber wächst nichts Gutes; dafür braucht es Respekt vor anderen Religionen und Kulturen. Ohne Gespräch kann das Zusammenleben nicht gelingen und für unsere Stadt hoffe ich, dass wir im neuen Jahr einen Weg finden, miteinander zu reden. Nach der Demonstration muss der Dialog kommen.

Liebe Gemeinde,
Barmherzigkeit ist noch etwas anderes als Politik, die an Recht und Gesetz gebunden ist. Sie geht mich und Dich an, und keine Instanz dazwischen. Jesus, den der Vater des Johannes hier das „Licht aus der Höhe“ nennt, hat vorgelebt, was Barmherzigkeit ist; so wurde er zum Licht der Welt.

Einmal hat er den Seinen gesagt: Ihr seid das Licht der Welt. Es ist ein gewaltiger Anspruch darin und wir werden einen gewissen Zweifel empfinden – ob er zu hoch von uns denkt? Ein Licht für die Welt sein, in der es so viel Dunkelheit gibt, kalte Gleichgültigkeit, unversöhnliche Feindschaft, Kriege, 50 Millionen Flüchtlinge – wie sollten wir Christenmenschen da ein Licht entzünden können? Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, unser Handeln ist oft widersprüchlich, auch irren wir. Wir bleiben fehlbare Menschen, ein Teil der Welt mit ihren Grautönen und dem Dunkel darin – aber indem wir Jesus Christus vertrauend nachfolgen und unseren Nächsten lieben, wird die weltweite Gemeinschaft der Kirche zum Licht der Welt. Gebe Gott, dass wir erkennbar werden durch die Werke der Barmherzigkeit, dass wir dem Gebot Jesu folgen und allen Menschen, mit denen wir in unserem Land das Leben teilen, im Geist der Nächstenliebe begegnen; zuerst den Schwachen und auch den Flüchtlingen.

In den Gottesdiensten an den Weihnachtstagen werden die Gemeinden wiederum hören, dass die Heilige Familie vor Verfolgung flüchten musste (Matthäus 2, 13 ff.) – die Worte der Bibel sind klar. Ich möchte allen danken, die sich in diesen Tagen um die Flüchtlinge in unserem Land bemühen. Es ist gut zu sehen, dass Freiwillig-Ehrenamtliche Deutschkurse geben oder mit den Kindern spielen oder Asylbewerbern bei Behördengängen beistehen. Jesus hat einmal gesagt und sich unmissverständlich ausgedrückt: In den Hungrigen, den Flüchtlingen, den Kranken begegnen wir Ihm selbst (Matthäus 25, 43. 45). Darum sind wir Christinnen und Christen gebunden und können nicht anders, als denjenigen zu widersprechen, die anderes wollen, was nicht christlich wäre.
Morgen beginnt das Christfest, an dem das Licht aus der Höhe uns aufscheint. Christus kommt, damit wir zur Barmherzigkeit finden.
Amen.

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