Navigation überspringen

Predigt Landesbischof Jochen Bohl in der Dresdner Kreuzkirche am Heiligen Abend in der 2. Christvesper am 24. Dezember 2014

18 "Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. 20 Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden."
(Mt. 1,18-21)

 

Liebe Gemeinde,
von unwahrscheinlichen Geschichten wird die Welt bewegt. Nicht oft, aber doch von Zeit zu Zeit beobachten wir, wie sich etwas zu entfalten beginnt, das den Keim in sich trägt, zu etwas Großem werden zu können. Manchmal treten Kräfte auf, ohne dass irgendjemand sie hätte kommen sehen, und sie entfalten Wirkungen, die dann über lange Zeit das Leben der Menschen bestimmen. Wer die Liebe auf den ersten Blick erlebt hat, wird nicht zweifeln, dass es sie gibt. Und nicht nur im privaten bewegen unwahrscheinliche Geschichten – wer hätte im Herbst vor 25 Jahren erwartet, dass von den Friedensgebeten eine Kraft ausgehen würde, die eingemauerte Realitäten zerbrechen ließ.

Ob das Unwahrscheinliche aber Bestand hat, kann man nicht wissen; so schnell, wie es heraufgezogen ist, kann es auch vorbei sein; die große Liebe kann in kleine Streitereien eingetauscht werden. Ebenso bleibt ungewiss, ob es Gutes bringen wird; nicht jeder hat in der Zeit der Freiheit, die 90 begann, sein Glück gefunden. Aus dem Unwahrscheinlichen können Segen oder Fluch kommen, beides ist möglich und liegt manchmal nah beieinander. Was die Zukunft bestimmen wird, bleibt offen. Wir können und müssen Pläne machen, aber wir sollten immer gewärtigen, dass es ganz anders kommen könnte. Vollständig verstehen können wir die Geschichten dieser Welt, wenn überhaupt, nur im Rückblick; und darin liegt ein Grund zur Einsicht in das menschliche Maß.

Die Geburt des Gotteskindes in der Heiligen Nacht war eine unwahrscheinliche Geschichte ganz eigener Art, und sie bleibt es, nachdem sie 2000 Jahre erzählt und bedacht wurde. Hier ist auch im Rückblick nichts so, wie man es hätte erwarten können, und mancher wird sagen, dass sie nicht so ist, dass man sie glauben könnte. Wie sollte die Geburt eines Kindes, in einem entlegenen Winkel der Welt und unter ärmlichen Umständen, zur Wende der Zeiten werden können? Wie kann es sein, das ein einzelner Mensch zum Erlöser wird, der Heil und Leben mit sich bringt?
Es ist eine Geschichte gegen jede Wahrscheinlichkeit, und das beginnt schon bei den Einzelheiten. Kaum zu glauben erschien dem Josef, was ihm da zustieß, sein Verdacht, betrogen worden zu sein, liegt auf der Hand; und die Beziehung ohne großes Aufheben zu beenden, ist eine vernünftige Option für einen, der als ehrlich und rechtschaffen geschildert wird. Aber dann – ein Engel erscheint ihm im Traum und der böse Verdacht wird auf wunderbare Weise geheilt, er bleibt bei seiner Maria, die Geschichte der beiden geht weiter und die des Kindes mit ihnen.

Für Josef begann die Weihnachtsgeschichte unwahrscheinlich, auch für Maria, die werdende Mutter war es nicht anders, und so setzt sie sich auch fort. Die Geschichte von den Hirten auf dem Felde ist von dem fassungslosen Staunen geprägt über eine nie für möglich gehaltene, ungeahnte Begegnung. Auch uns, die wir 2000 Jahre später auf die vertrauten Worte hören, geht es nicht anders, als jenen, die sie erlebten: die Ankunft Gottes auf der Erde, in der Geburt eines Kindes? Wie kann so etwas sein? In einer Welt, in der die Dinge vertrauten Gesetzen gehorchen? In der es Verläufe gibt, die vielleicht für eine gewisse Zeit erstaunlich, wunderbar anmuten, aber dann doch zurückkehren zur alltäglichen Normalität?

Liebe Gemeinde,
die Geschichte des Jesus von Nazareth ist von ihrem ersten Anfang an unvergleichlich, es gibt keine andere, an der sie gemessen werden könnte. Denn es ist ja die Geschichte von der Menschwerdung Gottes, wie sollte sie da vorhersehbar beginnen. Es ist die alleräußerste Unwahrscheinlichkeit, dass der Abstand zwischen dem Ewigen und dem Begrenzten aufgehoben wird - denn das menschliche Maß reicht nicht an das Maß Gottes heran, und das menschenmögliche kann die Größe Gottes nicht erfassen. Die Weihnachtsgeschichte geht in unserem Verständnis von Vernunft und Wahrscheinlichkeit nicht auf, sie fällt aus dem Weltgeschehen heraus.

Und aus diesem Grund hat sie die 2000 Jahre überstanden, die Menschen sie nun anhören. Sie zielt auf Glauben, die Erzählung von der Geburt des Gotteskindes steht am Anfang der Geschichte des Jesus von Nazareth, des Friedensfürsten, dem wir glaubend vertrauen. Die Bibel zeichnet ihn als einen, der ein Mensch war und zugleich eine ganz andere, eine unwahrscheinliche Dimension des Menschlichen lebte. Er tröstete die Verzweifelten, stiftete Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg, wandte sich den Schwachen zu, heilte die Versehrten. Er öffnete den Weg zu einem Leben, das dem Frieden dient. Er ging seinen Weg, der ihn an das Kreuz führte und mit der Auferstehung am Ostermorgen nicht zu Ende war. Im Glauben ist zu entdecken, dass sein Leben, Sterben und Auferstehen Ausdruck der Liebe Gottes zu den Menschen ist, dass es die Möglichkeit zu einer Veränderung der Welt eröffnet; mit ihren Gegensätzen von Hell und Dunkel, Gut und Böse, in der Menschen einander Böses tun, Leid ertragen müssen und doch fähig bleiben zur Liebe und zur Versöhnung. Darum geht es in dieser Lebensgeschichte – um die Gemeinschaft mit Gott, um die Möglichkeit zur Heilung des Versehrten, um Frieden auf Erden.

Friede auf Erden, das ist der Ruf der Engel in der Heiligen Nacht. Zu allen Zeiten haben Menschen ihn gehört und daraus Hoffnung geschöpft. So auch in unseren Tagen, in denen die Welt aus den Fugen scheint. Da sind die furchtbaren Verbrechen des „Islamischen Staates“ in Syrien und Irak, der nicht endende Konflikt im Heiligen Land, der nahe Krieg in der Ostukraine, die politische Krise der EU; und da sind die Flüchtlinge, die zu uns kommen in der Hoffnung auf Hilfe und Mitmenschlichkeit. Indem wir ihre Not sehen, hören wir auf Jesus Christus, der einmal gesagt hat, dass wir ihm begegnen in den Hungernden, den Schwachen und den Flüchtlingen. Wer ihm glaubt, wird nicht meinen, das sei unvernünftig-unwahrscheinlich. Sondern hoffen und dazu beitragen, dass Frieden wird. Das Fest der Geburt Christi feiern wir, in dem wir glauben und ihm vertrauen und unsere Füße auf den Weg des Friedens richten. So dass Hoffnung wächst.
Amen.

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps