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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl in der Frauenkirche Dresden am Neujahrstag 2015 (ZDF Fernsehgottesdienst)

"Nehmet einander an, wie Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob"  (Römer 15,7)

Liebe Gemeinde,
Nehmet einander an - das hört sich gut an, ist ein lohnendes Ziel. Wenn alle es anstreben würden, nicht auf Abgrenzung bedacht wären und aufhörten, die anderen zu richten; wenn die Menschen es lernen würden, sich vor der Verschiedenheit nicht zu fürchten, sondern sich an ihr zu freuen – es wäre wohl eine andere, eine bessere Welt, friedlicher.

Nehmet einander an…
Ob das aber möglich ist? Die anderen anzunehmen gelingt beileibe nicht immer; und schon diejenigen, mit denen wir das Leben teilen, können uns an unsere Grenzen bringen. Manche Gewohnheiten sind selbst nach langen Jahren nur schwer erträglich; und gerade wenn man sich nahe ist, kann es geschehen, dass Enttäuschungen so tief gehen, dass von Annehmen keine Rede sein kann. Da will man sich nur noch zurückziehen und den anderen erst mal nicht mehr sehen und hören.

Nehmet einander an… nicht einmal den geliebten Menschen  anzunehmen fällt immer leicht. Geschweige denn Fremde; je größer die Distanz zu anderen Menschen ist, desto konfliktträchtiger kann es werden. So viele Menschen sind um uns herum - manchen geht man aus dem Weg, wenn es nur irgend möglich ist; dann und wann wendet man sich mit guten Gründen für immer ab. Und hinzu kommt noch, dass manche Verhaltensweisen gar nicht akzeptiert werden dürfen, und man sich dagegenstellen muss. Wenn Schwäche ausgenutzt, zum Hass aufgestachelt wird; oder die Ellenbogen ausgefahren, die Menschenrechte missachtet werden – dann kann es nicht mehr um Annahme gehen, sondern dann muss gestritten werden für das Gerechte und gegen das Böse. Nicht nur die Akzeptanz, auch die Auseinandersetzung hat ihr Recht, zumal in einem demokratischen Gemeinwesen.

Ob der Apostel naiv war, nichts gewusst hat von den alltäglichen Konflikten des Zusammenlebens, als er so mahnend-werbend schrieb?
So war es bestimmt nicht, im Gegenteil. Paulus hat in zahlreichen Konflikten gestanden; schon in den Gemeinden der ersten Christenheit gab es Gruppen, die einander fremd waren und meinten nicht miteinander auskommen zu können. Paulus hat sich immer wieder darum bemüht, trotz aller Verschiedenheit die Gemeinschaft zu erhalten, die anderen in versöhnter Verschiedenheit anzunehmen. Gerade in unseren Tagen, in denen Gegensätze oft unvermittelt aufeinanderprallen, lohnt es sich, auf den Apostel zu hören. In diesen Zeiten der Globalisierung sind die Entfernungen zwischen den Kontinenten kleiner geworden und es gibt keine fernen Inseln der Abgeschiedenheit mehr. Wir leben in der ‚Einen Welt‘, in der es nicht länger möglich ist, sich zurückzulehnen und distanziert zuzuschauen, was anderswo geschieht.

Nehmet einander an… wir hören die Mahnung am Beginn eines Jahres, in dem wiederum Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden aus den Krisengebieten der Welt, in der Hoffnung auf Zuflucht und  die Perspektive auf ein besseres Leben. In unserer Stadt Dresden, aber nicht nur hier, fürchten manche, dass vertraute Formen des Zusammenlebens sich darüber verändern könnten; Menschen aus anderen Kulturen aufzunehmen erscheint als Zumutung, die Fremden als Bedrohung der eigenen Lebensweise.

Liebe Gemeinde,
aus christlicher Sicht müssen zwei Dinge unterschieden werden. Zuerst: in einer Zeit weltweiter Wanderungsbewegungen, angesichts der furchtbaren Verbrechen des „Islamischen Staates“ in Syrien und Irak und der Vertreibung der Christen muss geklärt werden, wie der Staat seine Einwanderungs- und Asylpolitik gestalten soll. Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein und über die konkreten Fragen muss gestritten werden. Über die Aufnahme von Flüchtlingen aber gibt es nichts zu streiten, dazu ist der Staat verpflichtet. Wer anderes sagt, stellt sich gegen das Grundgesetz und mehr noch: der leugnet ein Gebot Christi und trifft auf den Widerstand der Kirche, die seinen Namen trägt.

Denn das andere, für uns Christenmenschen und eine Gottesdienstgemeinde Entscheidende, ist das Liebesgebot Jesu – es gilt ausnahmslos allen Menschen, mit denen wir in unserem Land zusammenleben. Wir begegnen ihnen im Geist der Nächstenliebe und zuerst den Schwachen. Das Zeugnis der Heiligen Schrift ist völlig klar und gerade erst in den Gottesdiensten an Weihnachten haben wir wiederum gehört, dass die Heilige Familie vor Verfolgung flüchten musste und Aufnahme fand(Matthäus 2, 13ff). Wie gut, dass sich in diesen Tagen Menschen um die Flüchtlinge in unserem Land bemühen - dass Freiwillig-Ehrenamtliche Patenschaften für Familien übernehmen, oder Asylbewerber in der Nachbarschaft willkommen heißen und ihnen helfen unser Land und unser Leben zu verstehen. Das sind Werke der Barmherzigkeit, die dem Vorbild Jesu folgen. Er hat ja unmissverständlich gesagt, dass wir in den Schwachen, den Geringsten ihm selbst begegnen (Matthäus 25, 43.45). Daran hat sich schon der Apostel Paulus in den Konflikten orientiert, die ihn beschäftigten; und darum hat er gemahnt:

Nehmet einander an, wie Christus Euch angenommen hat

Paulus argumentiert – weil Christus für Euch das Entscheidende getan, darum handelt wie Er. Der Apostel spricht die Mitte, das Zentrum des Glaubens an - Christus hat uns angenommen, sich buchstäblich in uns hineinversetzt und mehr noch, er hat unser Leben geteilt. Ist ein Mensch geworden, wie wir es sind und hat uns so den Weg zu Gott eröffnet. Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm, heißt es im Weihnachtsoratorium J. S. Bachs. Also, sagt Paulus, nehmt um Gottes willen den Impuls auf, der mit Christus in die Welt gekommen ist. Seht auf Ihn und ergreift die Hoffnung, die Er stiftet, damit es gut werden kann und das Leben gelingt.


Martin Luther hat Gott einmal als einen „Backofen voller Liebe zu uns“ beschrieben. Das ist ein wunderbares Bild, die Wärme strahlt aus, erfüllt den Raum und kann das Eis von unseren Herzen wegtauen. Wir werden geliebt und geben weiter, was wir empfangen haben. Liebe ist die Grundlage für das Zusammenleben – wo und mit wem auch immer. Schon das Familienleben fordert die Bereitschaft heraus, sich in den anderen hineinzuversetzen und ihn zu verstehen. Nicht leichter wird es, wenn es um Mitmenschen am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft geht; und zu einer Herausforderung kann die Begegnung mit Fremdem und Unverständlichem werden. Flüchtlinge aus Syrien sollen in der leerstehenden Schule im Wohngebiet einziehen: fremde Menschen mit einer fremden Religion, fremder Kleidung, fremden Gewohnheiten. Ob es gelingt, Befürchtungen zu überwinden, Verständnis für ihre Not und die Fluchtgründe aufzubringen, willkommen zu sagen? Ob es gelingt, soweit es an uns ist, sie anzunehmen?

Liebe Gemeinde,
wir vertrauen auf den, der uns angenommen hat: Jesus Christus. Er wird uns helfen gegen Ängste und Vorbehalte und in seinem Geist Brücken zu bauen. Als es in einer sächsischen Kleinstadt kürzlich zu Konflikten um ein neu errichtetes Asylbewerberheim kam, versuchten Christen zu vermitteln. Sie ließen sich leiten von Christus, der die Menschen geliebt hat bis an das Kreuz. Die Vermittlungsversuche in seinem Zeichen waren erfolgreich und es zog wieder Frieden ein in der kleinen Stadt.
Einander anzunehmen ist nicht leicht. Aber im Hören auf Gottes Wort, um Christi willen wird es möglich. Nehmet einander an, wie Christus Euch angenommen hat zu Gottes Lob.
Amen.

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