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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl anlässlich der Begegnungstagung des Rates der EKD am Sonntag Septuagesimae, 1. Februar 2015, in der St.-Afra-Kirche zu Meißen

„Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn. und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? 14Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“
(Matthäus 20, 1 – 16)

 

Liebe Gemeinde,

mein Frisör ist teurer geworden, jetzt wird Mindestlohn bezahlt. Das kann man nur begrüßen, gutes Geld für gute Arbeit, und außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand die zwei oder drei Euro über die Wochen verteilt nicht aufbringen könnte. Aber, die Friseurin scheint sich da nicht so sicher zu sein, sondern spricht davon, dass es doch ruhiger geworden sei im Geschäft … es gebe eben Menschen, die auf den Pfennig achten und das seien nicht unbedingt diejenigen, die wenig hätten … Der Mindestlohn war, wie wir alle wissen, sehr umstritten. Auf der einen Seite argumentierte man wirtschaftlich – wenn er zu hoch angesetzt sei, gingen Arbeitsplätze verloren, sei er zu niedrig, würde er nichts nützen und überdies kaum zu erwarten, dass der Staat das rechte Maß treffen würde. Auf der anderen Seite aber das Gebot der Gerechtigkeit – Hungerlöhne in einem reichen Land, indem an der Spitze der Gehaltspyramide unerhörte Summen, zweistellige Millionenbeträge gezahlt werden? Und dann Arbeit, von der man nicht leben kann?

In diesem Kirchenjahr bekommen wir sonntags das Schwarzbrot des Glaubens zu schmecken. Den Predigten liegen Texte zugrunde, die uns im geistlichen Leben in ganz besonderer Weise stärken können. Dazu gehört auch das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, es ist uns allen wohl bekannt, vertraut sogar. Ich könnte kaum sagen, wie oft ich es gelesen und ausgelegt gehört habe, und nicht einmal, wie oft ich selber darüber gearbeitet und gepredigt habe. Es ist eine Geschichte aus dem Alltag des Lebens – und ragt doch fremd aus allem heraus, was uns Tag für Tag begegnet. Da ist der Weinbergsbesitzer, ein Arbeitgeber, der unerhört großzügig mit seinen Arbeitern umgeht, mehr Lohn gewährt, als er nach Recht und Gesetz zu zahlen verpflichtet wäre. Eigentlich ist es eine einfache Handlungsweise, schlicht eine gute Tat – wie sollte man sich nicht über einen freuen, der für andere Menschen sorgt, und verschwenderisch Bedürftigen gibt. Aber dennoch löst das Tun des Guten ein Murren aus, Ärger über eine empfundene Ungerechtigkeit. Und dieser Ärger ist verständlich und nur zu gut nachzuempfinden, wo käme man denn hin, wenn das Leistungsprinzip nichts mehr gelten würde? Sogar Freigebigkeit kann zum Problem werden; geht sie zu weit, stört sie den Lauf der Welt. Ärger über eine gute Tat – was für ein Widerspruch…

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg empfinde ich als einen Stachel im geistlichen Leben, nach wie vor – auch nach so häufigem und intensiven Hören auf dieses Wort unseres Herrn ist es nicht abgetan, wir gehen nicht zur Tagesordnung der Welt über. Ich komme nicht zurecht damit, und soll es wohl auch nicht. Weil diese Entlohnung nicht dem allgemein üblichen und allseits akzeptierten Leistungsprinzip folgt, das in unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit so zentral ist. Dieser Arbeitgeber bezahlt nicht nach Leistung – und stellt sich ganz und gar gegen alles, was wir aus unseren Arbeitswelten kennen. So etwas gibt es nirgends, und kann es auch nicht geben, wo käme man denn hin, wenn Tarifverträge nach dem Prinzip „Kommst du heute nicht, kommst du morgen“ abgeschlossen würden? Wie schwer oder leicht eine Arbeit ist, wie lange oder intensiv sie getan wird, ob sie riskant, gefährlich oder gewöhnlich ist, mit Verstand und Kenntnis getan sein will, oder eine nur flüchtige Einweisung ausreicht – das alles soll keine Rolle spielen? So geht es einfach nicht, jedenfalls nicht in dieser Welt, wird wohl jeder sagen!

Ja, das Gleichnis bleibt anstößig angesichts all dessen, was wir aus dem Arbeitsleben kennen – nur allzu gut können wir uns in die Haut derer versetzen, die 12 Stunden lang des Tages Last und Hitze getragen haben. Ihr Murren versteht jeder, es ist begründet. Und doch…bleibt es dabei – der Arbeitgeber tut etwas Gutes, indem er bereitwillig über das hinaus gibt, wozu er verpflichtet ist. Darin liegt ein Gegensatz, der nicht aufzulösen ist, der das Gleichnis eine Zumutung sein lässt.

Jesus will sie uns nicht ersparen. Denn sieht man genau hin, so ist der Ablauf der Dinge auffällig. Nicht ohne Bedacht erhalten die letzten zuerst den Lohn. Es liegt darin eine Provokation, wenn sie auch sozusagen sanftmütig vorgebracht wird. Denn: Hätten die zuerst Gekommenen ihren Lohn zuerst empfangen, wäre es vielleicht gar nicht aufgefallen, was die spät Gerufenen erhielten – ein leises Wort hätte gereicht: „nimm, aber rede nicht darüber…“ und niemand hätte gemerkt, dass es nicht mit rechten Dingen zuging, dass nicht die vertrauten Regeln der Maßstab der Entlohnung waren. Nein, wir sollen aufgestört werden, wir sollen nicht meinen, es gebe nichts anderes als die uns vertraute irdische Gerechtigkeit – sondern lernen, dass es noch eine andere Gerechtigkeit gibt.

Es ist ein Gleichnis, und wir wissen ja, dass Jesus mit den Gleichnissen nicht erklären will, wie die Welt funktioniert, sondern wie es bei Gott ist, und wie wir Anteil bekommen am Reich Gottes. So hören wir, dass bei Gott eine andere Gerechtigkeit gilt, als wir sie kennen und anstreben. Seine Gerechtigkeit will der Herr uns nahe bringen, es geht darum, wie Gott uns begegnet, was wir uns von ihm erhoffen dürfen, wie wir Anteil an seinem Reich bekommen. Es ist, wie Jesus einmal gesagt hat, nicht von dieser Welt, und darum sollen die Gleichnisse unserem Verstehen aufhelfen. Sie handeln von einem Kontrastprogramm, sie weisen uns den Weg, auf dem wir die andere Gerechtigkeit entdecken, die Gottes ist.

In dieser Welt ist sie schwer zu finden, das war damals so, und ist heute nicht anders geworden. Arbeitgeber verhalten sich nicht so wie der Weinbergsbesitzer des Gleichnisses, damals nicht, heute nicht. Der Mindestlohn ist ein Thema der Gesetzgebung geworden, weil allzu viele Löhne nicht ausreichen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Eine Maßnahme gegen die soziale Spaltung zwischen oben und unten; sie folgt einer Vorstellung von Gerechtigkeit, der es um den Gegenwert für die erbrachte Leistung geht. Um den gerechten Lohn.

Liebe Gemeinde, in der deutschen Sprache haben wir aber nicht nur das Wort Gerechtigkeit, sondern auch einen Ausdruck für die Liebe, die das Mühen um Gerechtigkeit leitet: Barmherzigkeit. Sie ist etwas Besonderes, kommt dem Handeln Gottes an uns nah; und in den Seligpreisungen hat Jesus eine direkte Beziehung hergestellt. „Selig sind die Barmherzigen, denn sie sollen Barmherzigkeit erlangen“. Der Vater Jesu Christi ist der Barmherzige, und bei ihm gilt eine andere Gerechtigkeit. Sie hängt nicht von der Leistung ab, die ein Mensch zu bringen in der Lage ist, und auch nicht von seinen geistlichen Leistungen. Sie ist allein Gnade, Ausdruck seiner Barmherzigkeit.

Auf Gott vertrauen wir, antworten ihm im Glauben, der uns frei macht, die Werke der Barmherzigkeit zu tun. Das ist die Frohe Botschaft, der die Kirche dient; und sie wird nicht aufhören, sie den Menschen zu sagen. Sie wird ein Stachel bleiben in dieser Welt; denn um Gottes willen bezeugen wir die andere Gerechtigkeit; Gottes Gerechtigkeit, die ganz und gar Liebe ist und aus Barmherzigkeit kommt.

Wie wir zu der anderen Gerechtigkeit Gottes finden, wie wir Anteil bekommen an seinem Reich, das unter uns wächst – das verkündigt die Kirche. Sie ruft zum Glauben, sie wandert mit dem Evangelium durch die Zeit, und ihr Auftrag ist es, die Frohe Botschaft zu verkündigen und den Menschen die Heilige Schrift auszulegen, heute wie zu allen Zeiten. Kirche Jesu Christi sind wir um dieses Auftrags willen, und  in die Diskussionen um Gerechtigkeit tragen wir die Barmherzigkeit ein, die noch etwas anderes ist als Politik. Sie geht mich und Dich an und keine Instanz dazwischen. Darum lässt es erst das Wissen um die andere Gerechtigkeit gut werden.

Liebe Gemeinde, in diesen Tagen haben die pegida-Demonstrationen politische Leidenschaften entfacht und das hatte wohl niemand erwartet. Unbehagen, Wut kommt zum Ausdruck, es geht um das Agieren der Politik und der Medien, um den Zustand der Demokratie, „die da oben, wir hier unten“ und nicht zuletzt um Gerechtigkeit. Was die Flüchtlinge und die Fremden betrifft, so ist die Kirche gebunden. Denn Jesus hat ja unmissverständlich gesagt, dass wir in den Schwachen, den Geringsten ihm selbst begegnen, und hat die Flüchtlinge ausdrücklich einbezogen (Matthäus 25, 43. 45). Gebe Gott, dass wir erkennbar werden durch die Werke der Barmherzigkeit, dass wir dem Gebot Jesu folgen und allen Menschen, mit denen wir in unserem Land das Leben teilen, im Geist der Nächstenliebe begegnen; zuerst den Schwachen und ganz bestimmt den Fremden. Wie gut, dass sich in diesen Tagen Menschen um die Flüchtlinge in unserem Land bemühen – dass Freiwillig-Ehrenamtliche Patenschaften für Familien übernehmen, oder Asylbewerber in der Nachbarschaft willkommen heißen und ihnen helfen unser Land und unser Leben zu verstehen. Sie folgen dem Vorbild Jesu, und so kann die andere Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen und den Weg zu den Menschen finden. Wir sind auf den barmherzigen Gott angewiesen; weil wir sie empfangen, werden wir frei für die Werke der Barmherzigkeit.
Amen.

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