Navigation überspringen

Geistliches Wort von Landesbischof Jochen Bohl anlässlich der Gedenkveranstaltung der Landeshauptstadt Dresden am 13. Februar 2015 in der Frauenkirche Dresden


„Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht“
Hebräer 3, 15 (Psalm 95, 7 f.)


Liebe Gemeinde,

was zuallererst zu sagen ist: Es ist Erstaunliches, Wunderbares geradezu, geschehen unter uns – aus blutiger Feindschaft ist gelebte Versöhnung geworden. Wir dürfen uns in einem Geist verbunden wissen mit Schwestern und Brüdern überall auf der Welt, die heute innehalten und ein Gebet für uns und unsere Stadt sprechen; in Großbritannien und Amerika, in Frankreich, Polen und Russland leben Menschen der Versöhnung. Es wurden Brücken gebaut, die heute den Alltag des Lebens auf dem europäischen Kontinent bestimmen. Vor 70 Jahren aber war die Frauenkirche ein Ort des Schreckens. Tod und Verderben kam in jenen Nächten über Zehntausende; der Krieg war zurückgekehrt nach Deutschland, von wo er hinausgetragen worden war in die Welt. In unserem Land wurden furchtbare Verbrechen ersonnen und vorbereitet, später in kaltem Blut ihre Durchführung befohlen. Als die Frauenkirche fiel, hatten Millionen ihr Leben bereits verloren, in Coventry, Warschau und Rotterdam, in Oradour, Lidice und St. Petersburg; die europäischen Juden dahingemordet.

Durch die Tagebücher des Dresdners Viktor Klemperer aus den Jahren 1933 – 45 wissen wir so genau und bedrückend wie aus keiner anderen deutschen Stadt, wie es gewesen ist unter der totalitären Herrschaft der Nazis; wie sich die Schlinge immer enger zusammenzog, die ein verbrecherischer Staat um die Missliebigen, zumal die Juden ausgelegt hatte; wie man lebte in der vertrauten Umgebung der heimatlichen Straßen und Plätze – und doch in höchster Gefahr.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Frauenkirche; Gott sei es geklagt. Im Betstubenaufgang erinnert eine Plastik an Hugo Hahn, nach dem Krieg der erste sächsische Landesbischof, bis 1937 wirkte er hier als Superintendent und Pfarrer. Er leitete in Sachsen die Bekennende Kirche, die dem Druck des nationalsozialistischen Staates standhielt. Die Gestapo inhaftierte ihn schon früh; immer wieder trat er gegen die Irrlehren der „Deutschen Christen“ auf. Sie leugneten die Verbindung der Kirche Christi zu Israel, führten die „Arierparagraphen“ in der Kirche ein. Hahn wurde wegen seines Widerstands 1938 aus Sachsen ausgewiesen, und danach amtierten in der Frauenkirche bis zu der Bombennacht vor 70 Jahren „Deutsche Christen“. Von dieser Kanzel wurde hasserfüllt, in ideologischer Verblendung gepredigt. So zeugt die Frauenkirche nicht nur von den Schrecken des Krieges, sondern auch von seinen Ursachen, von den Ideen und Worten, die das Unheil erst möglich gemacht hatten.

Das alles ist nicht aus der Welt. Zuletzt sind Jahr für Jahr am 13. Februar neue Nazis durch die Stadt gezogen und haben die Vergangenheit verherrlicht. Auch waren an den Montagabenden dieses Winters Töne zu hören, deren feindseliger Klang nur zu bekannt ist und sich kaum unterscheidet.

Liebe Gemeinde, die Frauenkirche wurde wiederaufgebaut im Geist der Versöhnung und mit dem Ziel, dass hier das Evangelium des Friedens verkündigt wird. „Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht“. Das ist der Bibelvers, auf den wir in dieser Woche hören. Ein uraltes Wort, der Hebräerbrief zitiert es aus Psalm 95. Es redet uns an, wir sind gemeint wie das ganze Gottesvolk seit Jahrtausenden angesprochen wird. Wir hören Gottes Stimme, der Vater Jesu Christi mahnt zur Versöhnung – „verstockt eure Herzen nicht!“ Die wiederaufgebaute Frauenkirche bezeugt, wie es gelingen kann, den Ursachen des Hasses zu widerstehen und miteinander in Frieden zu leben – indem wir uns der Botschaft des Friedensfürsten nicht verschließen, sondern die Herzen öffnen für die Anrede Jesu. Die Frauenkirche mahnt die Stadt, friedfertig zu leben; sie lädt ein Friedensstifter zu werden.
Amen.


 

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps