Navigation überspringen

Predigt von Landesbischof Jochen Bohl am Sonntag Okuli, 8. März 2015, in der Nikolaikirche zu Leipzig

„Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
(Lk. 9, 57 – 62)


 

Liebe Gemeinde,

es wird Frühling nach einem milden Winter – aber das nur in meteorologischem Sinn. Politisch waren die Wochen vor und nach dem Jahreswechsel so erregt und verworren wie kaum je. Die Demonstrationen in Dresden und Leipzig und anderen Städten haben Tausende auf die Straßen gebracht wegen der Frage, wie unser Land mit den Flüchtlingen umgehen soll, die aus aller Welt zu uns kommen in der Hoffnung auf Zuflucht und ein besseres Leben. Daran entzünden sich Leidenschaften, das Parteiensystem gerät in Bewegung und sehr viele meinen, dass es weniger Einwanderung geben und strengere Kriterien gelten sollten. Aber zugleich ist die Zahl der Gemeinden gestiegen, die unter Berufung auf das Evangelium Flüchtlinge vor dem Zugriff des Staates schützen, ihnen Asyl gewähren; in Schneeberg im Erzgebirge sogar über ein und ein halbes Jahr hinweg. Eine einheitliche Meinung dazu gibt es unter den Christinnen und Christen nicht – obwohl Jesus unmissverständlich ist, was den Umgang mit den Flüchtlingen angeht: in den Hungrigen, den Flüchtlingen, den Kranken begegnen wir Ihm selbst (Matthäus 25, 43. 45). Aber was bedeutet das für diese konkrete Situation – etwa, dass der Staat verpflichtet wäre, alle Flüchtlinge aufzunehmen, die Deutschland erreichen?
 
Auf die Mahnung ihres Herrn, die Werke der Barmherzigkeit zu tun hört die Christenheit seit 2000 Jahren; aber zu allen Zeiten hat sich die Kirche mit der Schärfe seiner Forderungen schwer getan, und mit dem hohen Anspruch, der darin liegt. Auch mit unserem heutigen Predigttext ist es nicht eben leicht, in dem enorm viel verlangt wird in allerpersönlichsten Entscheidungen. Die Konsequenzen einer Entscheidung für ein Leben in seiner Nachfolge zeichnet Jesus geradezu abschreckend. Das völlige Unbehaustsein, nicht einmal einen Platz zum Schlafen, wer möchte so leben? Jesus lädt ein, ihm nachzufolgen, stellt aber Forderungen, denen man kaum genügen kann. Man kann es sich kaum vorstellen, dass ein Mensch auf ein solches „Angebot“ eingehen könnte. Zudem stellt sich die Frage, was von einem zu halten wäre, der sich so verhält, wie es hier verlangt wird? Die Familie von einem Moment auf den anderen im Stich lässt? Ohne ein Wort der Erklärung bei der Beerdigung des eigenen Vaters fehlt? Würde man ein solches Verhalten unverantwortlich nennen, so wäre wohl das Mindeste gesagt; und manch einer würde noch sehr viel stärkere Worte finden. Lesen wir diese Worte der Heiligen Schrift, so ist die Frage unausweichlich, ob ein solcher Bruch mit allem, was es unter den Menschen an guter Rücksichtnahme und vertrauten, hilfreichen Verhaltensweisen und Ordnungen gibt, wirklich verlangt wird von denen, die Christus nachfolgen wollen?

Persönlich gesprochen – ich habe meine Glaubensentscheidungen nicht so verstanden, und tue es auch heute nicht, als müsste ich alle Brücken hinter mir abbrechen. Ich habe meine Familie nicht verlassen und möchte gerade als Christ ein guter Sohn, Ehemann, Vater und Großvater sein, liebevoll und verlässlich mit den Meinen zusammenleben. Und ich denke, liebe Schwestern und Brüder, dass es bei Ihnen nicht anders ist als bei mir. Nein, alles und alle aufgeben – so leben wir unseren Glauben nicht, wollen und können es auch nicht.

Aber, wenn ich so rede, taucht sofort der Gedanke auf – ob ich jetzt nicht in eine Falle getappt bin? Ist das nicht ein Ausweichen, eine wohlgefällige Beruhigung; bin ich etwa der Versuchung erlegen, das Wort Jesu nur zu ermäßigtem Tarif annehmen zu wollen? Die Gnade billig haben zu wollen? Unternehme ich nicht den durchsichtigen Versuch, der Schärfe seines Anspruchs an mich zu entkommen? Ich weiß doch, dass es viel lauen Glauben gibt, unentschiedenes Christentum – und nicht nur bei anderen, sondern auch bei mir. Manchmal ist man ja nur zu mutlos, das zu tun, was einem das Gewissen doch in großer Klarheit sagt; oder gar, schlimmer noch, zu feige. Jeder Christ wird in alltägliche Situationen geführt, in denen es darauf ankommt, den Arbeitskollegen, den Nachbarn, den Schulkameraden zu bekennen, dass man ein Christ ist, an Gott glaubt und aus Vertrauen auf ihn bestimmte Dinge tut und andere lässt. Ich erinnere mich, wie es war, als ich dem Anspruch, den Jesus an uns stellt, nicht gerecht geworden bin. Jedem von uns stehen Begebenheiten in unserem Leben vor Augen, in denen wir versagten, als es darum ging, den Glauben zu bewähren, ein „frei Bekenntnis“ zu sprechen, ein Werk der Liebe zu tun.
Also – wie gehen wir um mit diesen harten Forderungen? Sie zielen auf den Wochenspruch am Ende des Abschnitts: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Liebe Gemeinde, die Botschaft dieses Wortes werden wir nur verstehen, wenn wir zwei Dinge unterscheiden. Da ist zuerst die Entscheidung für Jesus; ein anderes sind die Konsequenzen, die ihr in unserem Leben folgen.
 
Was die Entscheidung betrifft, die Frage, ob wir ihn als den Herrn und Heiland unseres Lebens annehmen wollen – da gibt es keine Halbheiten und kann es auch nicht geben, da zählt nur eins: ganz oder gar nicht. Da geht es um ein Ja oder um ein Nein zu der befreienden Tat Jesu in Kreuz und Auferstehung. Sie ist ja um unseretwillen geschehen und zielt auf unsere Antwort, auf gläubige Annahme. Die Entscheidung für oder gegen den Herrn will getroffen sein, und im Himmel ist Freude über alle, die auf Jesus Christus ihre Hoffnung setzen, der von sich gesagt hat, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.

Wenn das Ja gesprochen, die Hand an den Pflug gelegt ist, so gilt: „Wer … zurück(sieht), der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Sondern sieht voraus, der nimmt ein Ziel in den Blick, das Gottesreich – und will es nicht aus den Augen verlieren. 

Ja, wer sein Leben an Jesus Christus gebunden hat, in allem auf ihn vertraut, steht vor der Aufgabe, die Nachfolge in dieser Welt zu bewähren. Für die Gläubigen geht es um die Konsequenzen im Alltag des Lebens. Der Glaube macht gute, fromme Werke, sagt Martin Luther – der Zustimmung zu Kreuz und Auferstehung Jesu, die uns frei macht, werden unsere Taten folgen, die wir aus Glauben in Freiheit tun.
Also werden wir als Glaubende die Welt nicht links liegen lassen, als ginge sie uns nichts an; denn Jesus ging es nicht um die Befriedigung religiöser Bedürfnisse, sondern um den Willen Gottes für diese Welt. Sie ist seine Schöpfung und der Ort, an dem die Nachfolge gelebt sein will. Sie begegnet uns widersprüchlich, kaum zu ertragen sind die Gegensätze: Die Schönheit der Natur erfreut unsere Sinne, aber im nächsten Moment erschrecken wir angesichts eines Erdbebens, in dem Tausende ihr Leben verlieren. Menschen beschenken uns mit ihrer Liebe, begegnen uns barmherzig – aber dann erschauern wir angesichts unbegreiflicher Gewalttaten wie sie im Osten der Ukraine geschehen, in Syrien und im Irak. Gutes und Böses ist oft nahezu unentwirrbar ineinander verwoben in dieser Welt. In ihr, in der gefallenen Schöpfung wollen wir unser Christsein leben, die Entscheidung für Jesus Christus bewähren, Ihm nachfolgen. Das wird nicht gehen ohne Konflikte, darüber entstehen Konfliktsituationen, in denen wir nicht vor Irrtümern geschützt sind, dabei werden Kompromisse notwendig. Manchmal muss man ein kleineres Übel in Kauf nehmen, um ein größeres zu verhindern. Die Nachfolge ist nicht möglich, ohne schuldig zu werden. Zum Glück gibt es eine Hilfe – was wir tun können, was wir unterlassen müssen, wird uns das Gewissen sagen; es ist ja durch das Wort Gottes geschärft.
So ist es mit unserem Leben in der Nachfolge: Wir sind schon gerecht gesprochen durch Gottes Gnade und bleiben doch Sünder. Wir folgen Christus nach im Alltag der Welt mit ihren Wirrnissen; in Licht und Dunkel dieses Lebens sehen unsere Augen stets auf den Herrn (Psalm 25, 15)

Liebe Gemeinde, in der aktuellen Situation – soll das Herrenwort, dass wir in den Flüchtlingen ihm selbst begegnen, Grundlage der Einwanderungs- und Asylpolitik des Staates sein? Jesus hat einmal gesagt, dass die Seinen dem Kaiser geben sollen, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. (Markus 12, 17). Diese Unterscheidung ist notwendig und hat die Trennung von Religion und Politik, von Kirche und Staat begründet. Es sind zwei Reiche; es ist etwas anderes, ob es um den Staat geht oder um mich in der Nachfolge Jesu.

Was den Staat betrifft, so gibt es über die Aufnahme von Flüchtlingen nichts zu streiten, dazu verpflichtet ihn das Grundgesetz, das der Humanität dienen will und darin vom christlichen Glauben geprägt ist. Wie aber die Einwanderungs- und Asylpolitik gestaltet werden soll, so muss und kann über die konkreten Fragen gestritten werden und dabei spielen viele Aspekte eine Rolle. Am Ende wird kein Staat dieser Welt darauf verzichten können, die Einwanderung zu steuern.
Für den einzelnen Christenmenschen gilt noch etwas anderes, für mich und dich entscheidend ist das Liebesgebot Jesu – es gilt ausnahmslos allen Menschen, mit denen wir in unserem Land zusammenleben, auch und gerade den Flüchtlingen. Wir begegnen ihnen im Geist der Nächstenliebe; Ausländerfeindlichkeit ist mit dem Christsein nicht vereinbar.

Der Staat, das Reich zur Linken; die Nachfolge Jesu, das Gottesreich – es bleibt eine Spannung; und es kann sein, dass wir um der Liebe willen einen Flüchtling beherbergen müssen, der von Ausweisung bedroht ist; Asyl geben.
Amen.

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps