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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl am Karfreitag, 3. April 2015 in Beiersdorf (Kirchenbezirk Zwickau)

„Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.
Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22, 19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.“

(Johannes 19, 16 – 30)

Liebe Gemeinde,

es ist Karfreitag, ein stiller Tag. Wir gedenken des Todes Christi, den wir anbeten und unseren Herrn nennen. Jesus von Nazareth starb gewaltsam, qualvoll und verlassen, es war ein unbarmherziger Tod. Wir gedenken seines Leidens in einer Zeit, in der man meinen könnte, „die Welt sei aus den Fugen geraten“, so hat es Außenminister Steinmeier vor einigen Wochen gesagt.

Zwei Wochen liegt der Flugzeugabsturz über den französischen Alpen nun zurück; und noch immer können wir nicht verstehen, was geschehen ist. Nachvollziehen, das schon, die Erklärung hören, ja – aber verstehen? Wie kann ein Mensch so etwas tun? Das Leben so vieler auslöschen, die sich doch seiner Obhut anvertraut hatten? Wie sollte man diese Untat verstehen können, und wie die Not der Seele, in der sie entstanden ist… Ihr Sterben erinnert uns an die mehr als 300 Menschen, die im Juli des letzten Jahres umkamen, als ihr Flugzeug über der Ukraine abgeschossen wurde. Noch immer sind Fachleute mit der Untersuchung beschäftigt und suchen nach Beweisen. Wenn auch die Indizien so eindeutig sind, dass es keinen vernünftigen Zweifel gibt an der Verantwortung, so hat sich niemand dazu bekannt; man meint wohl, einen Nachweis der Schuld verhindern zu können, als werde es ihn nicht geben. Die furchtbare Tat, das Schweigen der Täter, die Leugnung der Schuld – auch dieses Verbrechen übersteigt das Verstehen. Seither hat der Krieg im Osten der Ukraine Tausenden das Leben genommen, aber Kriegstreiber und -herren gefallen sich in heroischen Posen und markigen Worten; und das geschieht in Europa, das sich doch vor 25 Jahren aufgemacht hat, zu einem Kontinent des Friedens zu werden. Zugleich sehen wir die Not der Christinnen und Christen, die von der Verbrecherbande „Islamischer Staat“ verfolgt und gemordet werden. Wir können sie nicht schützen, wissen nicht, wie zu helfen wäre; nicht anders als die Jünger auf Golgatha auf das Kreuz Jesu sehen wir ohnmächtig auf das ihre. Es bleiben uns nur das Gebet und die Barmherzigkeit, die Fliehenden bei uns aufzunehmen. Und müssen beklagen, dass in unserem Land Menschen ihre Herzen verhärten und feindselig auf die Fremden sehen.

Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen, die ihre Lieben verloren haben und in unserem Gebet befehlen wir die Seelen der Opfer dem barmherzigen Gott an. Mitten hier im Leben sind wir vom Tod umgeben, Menschen sterben jäh, gewaltsam und zu früh, Geliebte, Kinder, Eltern. Vor 2000 Jahren wie heute.

Liebe Gemeinde, der Evangelist Johannes schildert den Tod des Jesus von Nazareth am Kreuz als die Stunde der Wahrheit. Er ist den Weg nach Golgatha gegangen, und es war sein freier Wille, diesen Weg zu gehen. Er wurde nicht in den Tod gezwungen, sondern in allem, was in den letzten Tagen seines Lebens in Jerusalem geschah, war er der Handelnde.

Das ist eine Aussage, die ganz gegen den Augenschein steht. Er war der Handelnde – er, der erniedrigt wurde und den Tod erleiden musste? Es sieht doch ganz anders aus: Es gab Mächtige, die ihm nach dem Leben trachteten, es gab einen anderen, dem Macht über Menschen gegeben war, Pilatus. Der Gesandte des römischen Weltreichs sprach ein Urteil, bestimmte, was auf die Tafel an dem Kreuz geschrieben wurde; und am Ende gab es Soldaten, die das Urteil vollstreckten. So reiht sich eins an das andere, und Jesus erleidet die Kreuzigung, einen gewaltsamen und qualvollen Tod in Niedrigkeit. Aber –

das ist nur die Oberfläche des Geschehens. Wer genauer hinsieht, wird entdecken, dass die Beteiligten das ihre tun, damit der Wille eines anderen geschieht. In einem tieferen Sinne ist Jesu Leiden und Sterben das Ergebnis seines Handelns. Er ist derjenige, der das göttliche Heil zu den Menschen bringt, er bringt sich selbst zum Opfer. Er hat sein Sterben vorbereitet – mit der Fußwaschung und dem Abendmahl, mit den Abschiedsreden an seine Jünger, mit dem „Hohenpriesterlichen Gebet“, in dem er sich als das Gefäß der Liebe Gottes sieht und seine Hoffnung zum Ausdruck bringt, dass alle eins seien sollen. Noch das Handeln der Soldaten folgt der Vorstellung und dem Willen, die in all dem am Werk sind: Sie zertrennen das Gewand nicht, sondern verhalten sich so, wie es in der Schrift gesagt ist. Am Ende, schon am Kreuz, stiftet Jesus die Gemeinschaft derer, die wie Schwestern und Brüder miteinander leben sollen. Seine Mutter und der Jünger, den er lieb hatte, sind die ersten, die in dieser Weise verbunden werden; und es scheint der Gedanke an die Eine christliche Kirche auf. Sie gleicht der Zusammengehörigkeit in einer Familie, verbindet Verschiedene, und will alle Trennungen der Völker, des Alters, des Geschlechts, des Besitzes und der Gaben überwinden.

So zeigt uns der Evangelist Johannes in seinem Bericht über das Leben Jesu, wie in dem Geschehen von Golgatha die Schrift erfüllt wird. Es ist der Wille seines himmlischen Vaters, der geschieht, und die Menschen, die an den Ereignissen mitwirken, bewirken, dass das göttliche Heil zu den Menschen gelangen kann. Gegen allen Augenschein ist der Leidende doch der Handelnde in all dem, und darum sind seine letzten Worte die des 22. Psalms, „es ist vollbracht“ – es geht nicht nur um die Qual des Sterbens, die überstanden ist, diese Worte bezeichnen den Weg des Heils, den er gegangen ist. Es war – wortwörtlich – die Stunde der Wahrheit.

Aber nun nicht nur für ihn, sondern in seinem Sterben wurde zugleich die Wahrheit offenbar für die Menschen; für uns, die wir am Karfreitag sein Sterben bedenken.
So wird, wer auf das Kreuz Christi sieht, auch sein eigenes Leben in den Blick nehmen. Denn um unseretwillen ist er gestorben, für unsere Hoffnung auf Leben, damit wir befreit werden von der Macht des Todes. Der Wille Gottes, das Versehrte und Beschädigte zu heilen, hat seinen Sohn an das Kreuz Jesu geführt. Das Leiden der Menschen in dieser Welt, auch die Wunden, die sie sich gegenseitig schlagen, der Hass, mit dem sie das Leben anderer zerstören, der Unfrieden, den sie heraufbeschwören, die Schuld, die sie auf sich laden, indem sie ihren Mitmenschen im Wege stehen – all das ist der Grund, warum Jesus von Nazareth an das Kreuz ging. Gott wird ein Leidender, nicht anders als ungezählte Menschen Leidende sind. Er stirbt für uns, für den Schaden, den wir anrichten, er stirbt um unserer Schuld willen; und damit uns die Möglichkeit zu neuem Leben eröffnet wird. Sehen wir auf das Kreuz, so kommt es darauf an, dass wir uns verabschieden von dem Irrtum, wir seien uns selbst genug, wir könnten selbst uns schaffen, wonach wir uns sehnen; es reiche aus, auf unsere eigenen Möglichkeiten zu vertrauen. Aber – so ist es nicht, der Macht des Todes sind wir ausgeliefert, sind auf Erlösung angewiesen. Damit die Last der Schuld und der ausbleibenden Vergebung das Leben nicht zerstört, hat Christus sich selbst zum Opfer gebracht.

Dieses Opfer gilt ein für allemal. Es kommt zu seinem Ziel, wenn wir es im Glauben dankbar annehmen. So werden wir frei und fähig zur Hoffnung und zur Liebe. Dann können wir mit unseren Kräften und Begabungen dazu beitragen, dass wir in Frieden miteinander leben können und unserem Nächsten in Liebe begegnen. Wer bereit ist, Gott in Christus zu vertrauen, seinen Worten zu folgen, der wird die Fülle des Lebens als Geschenk erhalten. Das Kreuz Christi leitet uns an, unsere Schuld zu bekennen und stärkt unser Vertrauen, dass sie vergeben werden kann. Gott nimmt von uns die Lasten, leidet für uns; und wir dürfen neu anfangen. 

Das ist die Frohe Botschaft: Nicht wir sind es – sondern Er ist es, von dem uns das Heil kommt: Christus, der für uns an das Kreuz ging.
 
So ist der Karfreitag auch für uns die Stunde der Wahrheit. Für einen Christenmenschen kommt sie nicht erst am Ende des Lebens, wenn es an das Sterben geht. Wer Christus nachfolgt und ihm glaubt, der hat eine besondere Sicht auf den Tod, der hört die Worte des sterbenden Jesus „es ist vollbracht“; und findet darin die Wahrheit auch für das eigene Leben und Sterben. Wir dürfen hoffen, dass wir über den Tod hinaus mit unserem Herrn verbunden bleiben, dass wir schauen werden, was wir glauben. Das wahre, das ewige Leben finden wir in der gläubigen Annahme des Weges, den Christus ging.

Liebe Gemeinde, in dieser Hoffnung liegt ein Trost, der dem Gedanken an das Ende den Schrecken nehmen kann, und uns helfen wird gegen die Ängste, die uns quälen. Wir sind Menschen, wir hoffen auf ein gutes Leben, und wissen doch, dass der Tod unbarmherzig kommen kann und unter Schmerzen erlitten werden muss – der Glaube hebt uns nicht heraus aus der Welt. Aber er hilft uns, unser Ende ohne Furcht zu bedenken und zu vertrauen auf den Vater Jesu Christi, der uns das Leben schenkt und erhält, bis zuletzt und darüber hinaus. Gott ist bei den Leidenden. So wird der Tod Jesu, die Stunde der Wahrheit, uns zur Hoffnung.

Liebe Schwestern und Brüder, am Karfreitag war die Geschichte nicht zu Ende. Es kam der Tag der Ostern, der Gekreuzigte wurde auferweckt, es war der Sieg des Lebens über die böse Macht des Todes. So sehen wir das Kreuz immer schon im Licht von Ostern, und wir erkennen in ihm die Liebe Gottes. Sie umfängt uns im Leben und im Sterben.
Amen.


 

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