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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl zu Ostern 2015 in der Kreuzkirche Dresden

Predigttext: Markus 16, 1 – 8  


Liebe Gemeinde,

die Auferstehung Christi – was für ein Gedanke. Dass einer nicht im Tod geblieben ist, sondern zurückkehrte zum Leben – was für eine Zumutung an das Denken; die Negation all dessen, was in dieser Welt gilt, die Umkehrung der Verhältnisse, die Absage an das unbezweifelbar Geltende. Dass auch für uns nicht der Tod das letzte Wort haben wird, vielmehr die Fülle des Lebens uns erwartet – was für ein Versprechen. Wer auf der Suche ist nach Wahrheit und Lebenssinn, wird es hören – und darüber staunen und nachfragen, wie das sein kann, wie das gemeint ist. Wer von sich behauptet, mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität zu stehen, wird sich achselzuckend abwenden. Viele haben sich verabschiedet vom Auferstehungsglauben; und die meisten Deutschen verbinden mit Ostern den Gedanken an ein verlängertes Wochenende in der Zeit des Frühlingserwachens, Urlaub. Vielleicht noch die Freude der Kinder am Osterhasen – aber die Botschaft ist fremd geworden, verblasst. Ostern ist der Mehrheit ein Datum, mehr nicht. Uns aber, die wir glauben, ist es ein Christusfest; und je säkularer die Zeit, desto wichtiger wird es den Gläubigen und der Kirche als ein Fest des Lebens und der Hoffnung. Ostern kündigt von dem Segen, der darin liegt, dass es eine Möglichkeit gibt, frei zu werden von den Zwängen der Welt, von der Macht des Bösen und des Todes, von den Verhängnissen des Scheiterns. Dafür braucht es Glauben, Hoffnung und Liebe; und darum feiert die christliche Kirche die Auferstehung. Ostern feiern wir den Kern des christlichen Glaubens, wir hoffen.

Begonnen hat es ganz anders. Die Jünger Jesu wie auch Maria Magdalena, die andere Maria und Salome sind gebeugt unter dem Schmerz, den sie erleiden mussten. Wehrlos waren sie den Ereignissen der letzten Tage ausgesetzt gewesen. Gerade noch hatten sie Erstaunliches, Wundersames, Überwältigendes in der Gemeinschaft mit Jesus von Nazareth erleben dürfen; sie hatten gesehen, wie Lahme das Gehen lernten, Blinde sehen konnten und den Armen das Evangelium verkündigt wurde, wie Hoffnung wuchs – aber jetzt hatte der Tod das letzte Wort behalten. Die Mächtigen hatten ihr Urteil über ihren Freund und Meister gesprochen und entsprechend der Logik des Herrschens ausführen lassen. Die Frauen mussten sein qualvolles, langsames Sterben mit ansehen und hatten keine Möglichkeit, ihm zu helfen. Es hatte ihre ganze Kraft gebraucht, auf Golgatha, dem Kreuzigungsort auszuharren, ihn nicht allein zu lassen. Helfen konnten sie ihm nicht. Ihre Gebete, die sie unter seinem Kreuz gesprochen hatten, waren unerhört geblieben. Das Leben Jesu und ihre Geschichte mit ihm waren abgeschlossen, unmissverständlich. Es war vergebens geblieben, eine Episode nur … Den Weg zum Grab gehen die Frauen überwältigt von den niederschmetternden Realitäten des Lebens.

Es war gekommen, wie es immer kommt in dieser unerlösten Welt. Wie es immer kommt ... Am Ende bleiben Sterben und Tod.

Was noch zu tun ist, wissen die Frauen; der Evangelist Markus schreibt davon:

„Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.
Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.
Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.
Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.
Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“

Zittern, Entsetzen, Furcht, schreibt Markus. Es war geschehen, was nicht geschehen konnte und in dieser Welt auch nicht geschehen kann. „Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“

Liebe Gemeinde, „Er ist auferstanden“… Zu allen Zeiten haben Menschen das Ostergeschehen bezweifelt, hinterfragt: Wie soll man das verstehen? Wie sollte es möglich sein, dass einer nicht im Tod bleibt? Die Fragen haben das Osterfest von Beginn an begleitet und wer heute zweifelt, steht in einer langen Reihe, die mit dem ungläubigen Thomas schon in der Heiligen Schrift beginnt; die Osterbotschaft steht seit je gegen alles, was in dieser Welt gilt.

Der Zweifel ist keine Eigenart der modernen Zeit, die unsere Weltsicht bestimmt. Sicherlich ist sie eine besonders kritische, die stärker denn je der Vernunft traut, ihr Raum gibt – und darüber zu erstaunlichen Fortschritten gefunden hat. Wieviel mehr verstehen und beherrschen wir als die Generationen, die uns voraus waren, wie lang ist das Menschenleben darüber geworden und wie leicht. Aber zugleich unterliegt das moderne Lebensgefühl dem Irrtum, dem Verstand seien keine Grenzen gesetzt, man könne die Welt und ihre ungezählten Geheimnisse durchblicken, erklären, verstehen, bis dann in der Zukunft die Welträtsel ausnahmslos entschlüsselt, gelöst sein werden…

So aber wird es nicht kommen – wenn es eine Schlussfolgerung aus der Ausweitung des Wissens in den zurückliegenden Jahrzehnten gibt, dann diese: Es gibt und es bleibt ein menschliches Maß, das zurückbleibt hinter der Vielzahl der Phänomene, der chaotischen Prozesse, der Fülle des Lebens. Der Zuwachs der Erkenntnis führt die Verständigen nicht in die Hybris, sondern in die Demut; wie jedes Menschenleben etwas Unabgeschlossenem gleicht, so auch der Zug der Menschheit durch die Zeit… Unser Verstehen bleibt bruchstückhaft, und jedes Begreifen öffnet den Blick auf neue Fragen.

Darum ist es schade, dass vielen Menschen ein Blick für das Verborgene hinter dem Offensichtlichen verlorengegangen ist; sie haben keine Ahnung von dem Dauerhaften hinter dem Vergänglichen, keinen „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ (Schleiermacher). Sie sind gefangen in dem Wenigen, das vor Augen liegt; und so bleibt ihnen der Zugang verschlossen zu den Berichten der Evangelien von den Ereignissen am Ostermorgen. Weil sie von dem Ungekannten, dem Überraschenden erzählen und unsere Fragen beantworten, ohne dass sie naturwissenschaftliche Lehrerzählungen wären oder sein wollten; wie könnten sie auch – die Ereignisse übersteigen ja das menschliche Maß, sie sind „höher als alle Vernunft“.
 
Markus und die anderen Evangelisten geben die Antwort des Glaubens: Wie die Jüngerinnen und Jünger Jesu in jenen Tagen verändert wurden, wie aus Verzweiflung und Trauer unter dem Kreuz ein Aufbruch erwuchs, aus Resignation ein Leben in der Nachfolge – das ist ja nur zu verstehen, weil das Grab leer war, weil sie dem Auferstandenen begegnet sind. Weil sie ihn sahen und ihren Lehrer erkannten, wurde alles anders; wie sonst sollte es auch möglich geworden sein, dass aus Trauer und Verlassenheit unter dem Kreuz von Golgatha starke Hoffnung wurde – zuerst für Maria Magdalena und die Frauen, dann für die ganze Gemeinschaft der Jünger, und in diesen Tagen für uns. In den Begegnungen am Ostermorgen hat es sich entschieden: Jesus Christus ist keine Gestalt der Vergangenheit; heute schenkt er Leben und Zukunft. Er ist wahrhaftig nicht im Tod geblieben; die Jüngerinnen und Jünger sind dem Lebendigen begegnet. Aufs Neue wurde ihnen Zukunft eröffnet – und darum dürfen wir als seine Gemeinde Ostern feiern. Gott ist der Herr, auch über die Mächte des Todes; und wir stimmen ein in den Ruf der Jünger am Ostertag: Der Herr ist auferstanden! Wahrhaftig! Ein wundersames, ein über alle Maßen erstaunliches Fest ist Ostern, das Fest des Lebens, der Sieg Gottes über die Mächte des Todes; die Auferstehung geschah, damit wir leben können.

Liebe Gemeinde, damit wir leben können … Wie schon die Auferstehungszeugen sind in diesen Tagen Menschen auf dem Weg zu Gräbern. Ein Flugzeug stürzt ab, mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Geliebte, Kinder, Eltern sterben jäh und zu früh. Kriege werden geführt in hasserfüllter Verblendung, im Osten der Ukraine sind Tausende zu Tode gekommen; und wer könnte darin einen Sinn entdecken. Das Volk leidet, aber Kriegstreiber und -herren gefallen sich in heroischen Posen und markigen Worten. Wir sehen die Not der Christinnen und Christen, die von der Verbrecherbande „Islamischer Staat“ verfolgt und gemordet werden. Wir können sie nicht schützen, wissen nicht, wie zu helfen wäre; wie die Frauen auf Golgatha auf Jesus sehen wir auf ihr Kreuz. Es bleibt uns nichts als das Gebet und die Barmherzigkeit, die Fliehenden bei uns aufzunehmen. Und zu beklagen, dass in unserem Land Menschen ihre Herzen verhärten und feindselig auf die Fremden sehen. Es ist zu unseren Zeiten, wie es damals war – die in diesen Tagen verletzt, betrübt auf dem Weg an die Gräber sind, verzweifeln an den Umständen, empfinden und fühlen nicht anders als die Frauen an jenem Ostermorgen, an dem das Wunder geschah: Maria Magdalena und die anderen empfingen einen Impuls zum Leben, bezeugten die Auferstehung des Herrn; die Sache Jesu ging weiter, sein Ruf zur Nächstenliebe wurde hinausgetragen in die Welt von vielen Zeugen, die Zeiten hindurch.

So feiern wir Ostern als Fest des Glaubens, als die Hochzeit der erneuerten Lebenskräfte und des gestärkten Mutes, Feierstunde des Lebens und Fest der Hoffnung, die uns trägt. Wir glauben Gott, dass er dem Tod die Macht nimmt und wir glauben Jesus seine Auferstehung. Christus ist uns vorausgegangen in das unvergängliche, das ewige Leben, das Gott schenkt, und wie er seinen eigenen Sohn frei sprach, so auch uns.

Also verzagen wir nicht angesichts des Dunkels in der Welt, sondern tragen das Licht in sie ein, das Christus angezündet hat. Er predigte den Frieden als das höchste der Güter und lehrte die Menschen, wie sie zum Frieden finden. Nicht durch Macht und Stärke, nicht durch Gewalt und Vergeltung, sondern durch die Bereitschaft, einander beizustehen und neu anzufangen im Geist der Versöhnung. Mitten unter uns ist seine Kraft mächtig; wir sagen ab der Macht des Todes. Wir hoffen.
Amen.

 

 

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