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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl anlässlich der Frühjahrstagung der 27. Evangelisch-Lutherischen Landessynode Sachsens am Sonntag Miserikordias Domini, 19. April 2015, in der Kreuzkirche zu Dresden

„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins.“


Johannes 10, 11 – 16. (27 – 30)

 

Liebe Gemeinde,

der gute Hirte, eines der Bildworte Jesu, mit denen die christliche Kirche durch die Zeiten zieht; wie oft wurde es gehört, ausgelegt, zitiert; dankbar erinnert in Lebenskrisen. Und ist doch der kritischen Nachfrage ausgesetzt, von der in der Moderne nichts und niemand verschont bleibt: „… aber wer möchte schon gerne Schaf sein?“ ist mir einmal entgegengehalten worden. Ein Spott, der zeigen will, dass man durchaus in der Lage ist, mit den eigenen Angelegenheiten verantwortlich umzugehen, sich keinesfalls als Teil einer Herde sieht, nicht blindlings den Vorgaben anderer folgt, sondern als eigenständige Persönlichkeit lebt und handelt: Ein moderner Mensch braucht keinen Hirten, sondern gestaltet sein Leben selbstbestimmt im weiten Raum der Freiheit. Wer es so sieht, mag das Lebensgefühl unserer Zeit auf den Punkt bringen – missversteht aber das Wort Christi vollständig. Denn es ist keine Absage an autonome Lebensgestaltung; vielmehr zielen die Worte Christi auf das Bestehen in einer Welt, die für uns Menschen schnell zu einem unbehausten Ort werden kann. Hier geht es um den Umgang mit Gefahren. Das war zu der Zeit Jesu ein Berufsmerkmal der Hirten; sie waren Männer, die Angriffe auf die anvertraute Herde abzuwehren hatten. Und nicht nur die Wölfe, sondern auch die Begehrlichkeiten anderer Menschen; die Milch, das Fleisch, die Wolle der Schafe waren ja bedeutende Wirtschaftsgüter jener Zeit. Raub und Diebstahl, Streit um Weidegründe drohten unentwegt, und in all dem waren die Hirten ganz auf sich gestellt, man konnte nicht über Funknetze die Polizei rufen. Sie werden, man gebraucht das Wort heute selten, harte Männer gewesen sein, die sich in den Gefahren des Lebens zu behaupten wussten. Das hörten die Jünger mit, als ihr Freund und Meister von sich sagte, er sei der gute Hirte. Auf den Verlass ist in der Not.

Die Welt hat sich verändert seit jenen Tagen, unser Leben unterscheidet sich sehr von dem ihren, und darum gibt das Wort Jesu Anlass zu Missverständnissen oder gar Spott. Die Hirten waren auf sich gestellt – unser Leben ist eingehegt durch Institutionen, die elementare Lebensrisiken absichern. Es gibt Hilfe zum Lebensunterhalt, Krankenkassen und die Sozialversicherungen; den Rechtsstaat, in dem ohne Ansehen der Person Recht gesprochen wird; der Staat weiß sich der Daseinsvorsorge für die Bürgerinnen und Bürger verpflichtet und schützt sie vor Gefährdungen. Reißt heute der Wolf ein Schaf, so wird dem Hirten der Schaden ersetzt. Von den Bedrohungen, mit denen sich die Hirten auf den Feldern auseinander zu setzen hatten, wilde Tiere, Entbehrungen, feindselige Gewalt, wissen dieser Tage die Meisten nichts und darum auch nicht von der Bedeutung des Hirtenworts Christi.

Aber es ist nicht so, dass die Menschen im 21. Jahrhundert gefahrlos lebten. Wie das Leben sich verändert hat, so auch seine Gefährdungen. Nicht aber das Schutzbedürfnis. 

Liebe Gemeinde, am Ostermontag ist es hier zu einem Vorfall gekommen, den wir bis vor kurzem für undenkbar gehalten hätten; eine unverhohlene Gewaltandrohung gegenüber Mitarbeitern wegen des Geläuts zum Friedensgebet. Man fühlte sich gestört. Im letzten halben Jahr ist es in Dresden und im ganzen Land immer wieder zu Übergriffen und Gehässigkeiten gegenüber Bürgerinnen und Bürgern gekommen, die auf Grund ihres Aussehens oder ihrer Sprache als Fremde oder Zugereiste zu erkennen sind. Manche sprechen von Angst, abends auf die Straße zu gehen. Die persönlichen Anfeindungen gegen Bürgermeister und Landräte haben auch in sächsischen Städten ein unerträgliches Ausmaß angenommen, nicht nur in Tröglitz. All das ist Ausdruck einer Aggression, die sich gegen das Zusammenleben im demokratischen Rechtsstaat richtet. In unserem Land hat sich eine gefährliche Mischung aus geschürten Ängsten, persönlichen Erfahrungen des Scheiterns und des Verdrusses an demokratischen Prozeduren zusammengebraut, die uns nicht ruhig lassen darf. Denen, die sich an „Abendspaziergängen“ beteiligen weil sie sich durch die Flüchtlinge, die zu uns kommen, bedroht sehen und demonstrieren gegen „Überfremdung“ und Kriminalität, sei gesagt, dass sie inzwischen mitverantwortlich geworden sind für eine Verwilderung der Sitten, die Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung begreift. Über die Gestaltung der Einwanderung nach Deutschland darf und muss gestritten werden wie über jede politische Frage – aber das hat gewaltfrei und nach demokratischen Regeln zu erfolgen. Es wird gefährlich für uns alle, wenn anderes gewollt wird; und der Blick in die Geschichte unseres Landes zeigt, was daraus folgen kann. Demokratie ohne Demokraten kann es nicht geben.

Liebe Gemeinde, die Zeiten haben sich geändert, mit ihnen auch die Bedrohungen – nicht aber die Welt. Sie war und sie ist ein Ort, an dem das Menschenleben gefährdet ist; und nicht zuletzt durch die Menschen selbst. Darum sagt Jesus:

„Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater.“

Für die seinen ist er der Hirte, und das heißt: Er gibt Schutz, ist Retter aus der Not. Er weiß, wer seines Beistandes bedarf; kennt die Lebensangst, die einen Menschen angesichts drohender Gefahren ergreift; ist auch vertraut mit den höchst konkreten Nöten und Sorgen eines Menschenlebens, mit den Versuchungen, die uns begegnen, den Irrtümern, denen wir erliegen. Ist vertraut mit den Fluchtgründen, die Menschen dazu bringen, ihre Heimat zu verlassen. Was es heißt, ein Mensch zu sein, hat der Gottessohn selbst erlebt, er spricht zu uns nicht aus abständiger Ferne, sondern nimmt uns mit hinein in eine Gemeinschaft, die gefüllt ist von dem Licht, das er in die Welt gebracht hat. Die seinen dürfen ihm vertrauen, unbedingt; für uns gab er sein Leben am Kreuz von Golgatha. Ein Christenmensch weiß um den Segen, unter seinem Schutz zu sein, freut sich an der Nähe Gottes, denn der Vater Jesu im Himmel ist einbezogen in diese Gemeinschaft, er ist gegenwärtig in dem Schutz- und Vertrauensverhältnis. So stimmen wir ein in den Psalm Davids:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Psalm 23, 1)

Zu dem guten Hirten beten wir in der Not und werden erfahren, dass der Atem ruhig geht, die Zuversicht wächst und wir Mut fassen, die Lasten des Lebens zu tragen. Auf ihn vertrauen wir und das ist für uns ein Glück und ein Segen, Freude, Trost, Seelenfrieden, Geschenk und Frucht des Glaubens. 

Darin aber, liebe Gemeinde, werden wir uns nicht selbstsüchtig einrichten; wir werden uns nicht abwenden von der Welt. Sondern uns bemühen, dem guten Hirten Stimme zu sein in unserer Zeit. Sie in die Gegenwart hinein auszulegen, Christus zu bezeugen, das ist die Aufgabe der Kirche, jeder Predigt, eines jeden Christenmenschen und allen Lebens in der Gemeinde, und das bestimmt auch die Arbeit der Synode – der ganzen Herde.

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – im Gebot der Feindes- und Nächstenliebe hören wir die Stimme Christi. Ungezählt vielen ist es die Zeiten hindurch zum Segen geworden, im Alltag des Lebens kann es den Geist der Versöhnung in das Zusammenleben der so verschiedenen Menschen eintragen – und doch wird es immer wieder geleugnet, missachtet, ist gar in Vergessenheit geraten und vielen unbekannt. Dabei bleibt es doch wahr: Das Leben können die Menschen nur bestehen, wenn sie füreinander eintreten und Verantwortung übernehmen für die anderen und für die Gemeinschaft. Es gibt Gefahren, die uns bedrohen, und darum ist es so notwendig, dass wir jeden Mitmenschen als ein geliebtes Kind Gottes ansehen und einander zum Nächsten werden. Das Gebot, dass wir einander lieben sollen, hat der gute Hirte uns gegeben, es kann und soll der Welt zum Segen werden, Menschen bewahren vor den Gefahren, die sie selbst heraufbeschwören. Es gilt der ganzen Person, kein Lebensbereich ist von diesem kräftigen Anspruch des Hirten ausgenommen; es gilt auch für das Zusammenleben mit den Fremden, die zu uns kommen. Jesu Liebesgebot ist uns gegeben zu unserem Schutz vor den Mächten des Bösen; es geht dem Streit um politische Fragen vor. Und es richtet diejenigen, die Feindseligkeit schüren und nicht hören wollen, dass „die Erde voll ist der Güte des Herrn“. (Wochenpsalm 33,5)
 
Der gute Hirte eröffnet den Raum der Freiheit, in dem das Leben gelingen kann. Für jeden und kommt es darauf an, dem Gebot Christi zu folgen und ihm mit den eigenen Möglichkeiten zu dienen; an dem Ort, an den wir gestellt sind, im Großen wie im Kleinen. Seine Herde ist eine Verantwortungsgemeinschaft.

Natürlich wissen wir, dass in seinem Gebot eine Forderung liegt, die immer nur angestrebt werden kann. Wir alle, die Kirche als Ganze, tun uns ja selbst schwer mit ihr, und wissen, dass keiner von uns ihr gerecht wird. Wir weichen ihr aber nicht aus, weil wir in ihr die Stimme unseres Herrn, des Hirten hören, der uns lehrt, einander zu lieben und nach Gerechtigkeit zu trachten. Wir vertrauen ja dem, der sagt: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich … Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir …  Ich und der Vater sind eins.“
 
Ja, der Herr und sein Gebot schützen uns.
Amen.

 

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