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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl anlässlich des „Seniorensonntags“ am Sonntag Jubilate, 26. April 2015 in der St. Thomaskirche Leipzig

„Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“

(Johannes 15, 1 – 8)

 


Liebe Gemeinde,

Gründe zum Staunen gibt es in unserer technisierten Welt viele; und täglich neue. Kürzlich habe ich einen USB Speicherchip erworben, er fasst eine Datenmenge von 8 GB. Das bedeutet, dass ich alle Predigten, Andachten, Vorträge, Bibelarbeiten aus 11 Jahren Tätigkeit im Bischofsamt im Sommer, beim Eintritt in den Ruhestand, werde in der Hosentasche mit nach Hause nehmen können. Kaum zu glauben, wenn ich daran denke, wie viele Stunden, Wochen, Monate ich damit zugebracht habe – und dann ein so winzig kleiner Gegenstand, der all das aufbewahren kann…
Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Dinge mit rasender Schnelligkeit verändern; und nicht nur die technischen Geräte, sondern auch die Lebensweisen, Einstellungen und Haltungen der Menschen – es ist zum Staunen, wie sehr sich unser Leben heute unterscheidet von dem der Generationen, die vor uns waren.

Ich erinnere mich an Bilder aus der Kindheit, als wir auf einer Straße Fußball gespielt haben, die heute Tag und Nacht mit Autos vollgestellt ist, an das unverwechselbare Klappern und Klingeln der Schreibmaschine meiner Mutter, an den Geschmack des Sauerkrauts, das es im Kaufladen an der Ecke aus einem großen Fass für 10 Pfennige zu kaufen gab, an die kindliche Aufgabe, die Milch für den Tag in einer blechernen Kanne einzukaufen. An das Vergnügen, das Behältnis mit einer kreisenden Armbewegung in einen weiten Schwung zu versetzen, um beobachten zu können, wie die Fliehkraft die weiße Flüssigkeit in dem Gefäß hielt. Leider erinnere ich mich auch daran, wie das Kunststückchen eines Tages misslang und überraschend die Kanne samt Milch meine Hand verließ … all das ist vergangen, versunken in einer Vergangenheit, die schon bald niemand mehr kennen wird.
Wer auf solch abständige Erinnerungen zurücksieht, ist nicht mehr jung, sondern alt. Und spätestens mit dem Eintritt in den Ruhestand ist dieser Zustand dann vor aller Augen und offiziell besiegelt.

Wie es sich dann wohl leben wird? Das ist eine Frage, die mich in diesen Tagen häufiger beschäftigt, als ich noch vor kurzem gedacht hätte. Tun und lassen zu können, was man will, frei zu sein von den beruflichen Verpflichtungen und den Anforderungen des Amtes, den Enkeln ein Großvater werden – das hört sich verheißungsvoll an. Aber es wäre nicht aufrichtig, würde ich verschweigen, dass es auch Besorgnisse gibt. Womit soll all die freie Zeit gefüllt werden; ich habe doch meinen Beruf geliebt, mehr als vier Jahrzehnte kreiste vieles, sehr vieles um das Pfarrer-sein … was wird sein, wenn das nicht mehr ist, wie soll es werden ohne die Erfüllung, die mir die Berufung gegeben hat? Oder – werden Krankheiten zu ertragen, gar zu durchleiden sein?

Alles hat seine Zeit, heißt es in der lebensklug-weisen Sprache der Bibel, geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit (Prediger 3).

Ja, die Zeit vergeht, die Jungen werden alt, nichts bleibt wie es ist, alles verändert sich und ganz bestimmt auch das Erleben. Der Wandel gehört dazu, ist ein Kennzeichen des Mensch-seins, des menschlichen Maßes. Und dieses Maß ist begrenzt, durch die Spanne der Zeit, die uns gegeben ist, durch die Irrtümer, denen wir erliegen und die uns lange verfolgen können. Durch Krankheiten, die nicht zu heilen sind, durch Trennungen und Abschiede, durch Verletzungen und unerfüllte Wünsche, Missgeschicke, das Nachlassen der Kräfte, zu frühen Tod. All das ist menschlich, ist Ausdruck des Maßes, das uns gegeben ist.

Aber damit ist bei Weitem nicht alles gesagt; und es wäre eine Verkürzung der biblischen Sicht auf das Mensch-sein, wenn man nur von seinen Grenzen sprechen würde. Denn die Bibel eröffnet zugleich den Blick auf eine staunenswerte Fülle der Möglichkeiten und Gaben. Von seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade, heißt es im Prolog des Johannesevangeliums (1, 16); und da kommt weltlich wie geistlich vieles, unendlich vieles in den Blick. Wir dürfen uns an der guten Schöpfung Gottes freuen, an dem frischen Wachstum im Frühjahr, an der Gemeinschaft mit unseren Lieben; an den Aufgaben, die uns den Beruf als Erfüllung erleben lassen, an erfahrenen Hilfen in Krisen und an der Freude, die denen geschenkt wird, die im Geist der Nächstenliebe ihren Mitmenschen dienen. An den Bewegungen und Genüssen, die Körper und Geist erfreuen. An dem Aufwachsen der Kinder und der Enkel. An so vielem … inzwischen denke ich, dass sich mit zunehmendem Alter der Blick auf die Fülle der Gaben weitet, die wir unserem himmlischen Vater danken; und dass darin ein besonderer Segen des Alters liegt. Denn es gibt Einsichten, die sich erst nach einer gewissen Lebensspanne erschließen, Erfahrungen, die vor Fehltritten bewahren, die Umsicht, die sich nur über dem Erlebten einstellt; es gibt das Verständnis für die Zusammenhänge, in denen das Leben gestaltet sein will, und die Gelassenheit, die den Genuss erst möglich werden lässt. Das Alter vermag eine Fülle zu eröffnen, von der die Jugend nichts ahnt – und vielleicht gilt das in besonderer Weise für uns, die wir in diesen Tagen alt werden oder es sind. Die Spanne des Lebens ist länger als jemals zuvor geworden, in Sachsen ist (nach 90) die durchschnittliche Lebenserwartung um fast 10 Jahre gestiegen und das bedeutet, dass sehr viele den größten Teil des Rentenalters bei guter Gesundheit verbringen dürfen. Auch hat es nie zuvor eine alte Generation gegeben, die materiell so gut versorgt war wie die heutige. Die Alten können reisen, unbelastet von Zwängen das Leben mit den Jungen teilen, sie dürfen sich freuen an Ungekanntem, das sie sich erschließen können. Ja, das Alter ist in eigener Weise gesegnet; und in ihm kommt das menschliche Maß zum Ausdruck wie in anderen Lebensphasen auch, Grenzen wie Erfüllung.

Liebe Gemeinde,

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Ein Bild Jesu, das die Gläubigen auf die Fülle der göttlichen Gnade hinweist. Wie der Weinstock Früchte bringt, die das Herz und die Sinne erfreuen, so schenkt Christus den Seinen die Entfaltung der Gaben, die jedem Menschen gegeben sind. Dafür braucht es nur eine Voraussetzung – die Verbindung darf nicht unterbrochen werden, der Kraftfluss vom Weinstock in die Reben muss möglich sein. Das Bild spricht von der verheißungsvollen Möglichkeit, dem Leben eine Gestalt zu geben, in der sich die Liebe Gottes widerspiegelt, und es will zeigen wie der Glaube dazu hilft. Christus spricht von den Früchten, die aus der vertrauensvollen Beziehung zu ihm, dem Gottessohn wachsen, Der Herr ermutigt uns, unseren Mitmenschen zu lieben, barmherzig mit seinen Schwächen umzugehen, Frieden zu stiften und das Böse mit Gutem zu vergelten – so werden wir Salz der Erde und Licht der Welt; so wird der Segen greifbar, mit dem der Herr die Seinen beschenkt. Wer ihm vertraut, wird mit seinen Möglichkeiten und Gaben einen Beitrag dazu leisten, dass die Welt verändert wird; in den Gläubigen wird sich das Licht widerspiegeln, das mit Christus in die Welt gekommen ist, Barmherzigkeit, Liebe und Hoffnung werden möglich, es sind Früchte des Glaubens. Mit ihm können wir tun, was uns und anderen die Fülle der Gnade eröffnet, die sein himmlischer Vater schenkt. Nur eine Voraussetzung braucht es – Glauben. Christus spricht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“

Liebe Gemeinde, das ist jedem und jeder gesagt und für jeden Tag und für alle Lebensphasen. Im Alter wird eine Glaubensfrucht ganz besonders gebraucht, das ist die Hoffnung, zu der wir Christenmenschen berufen sind. Denn sie macht, „dass Du wieder jung wirst wie ein Adler“ (Psalm 103,5). Der Psalmsänger weiß um die Einschränkungen des Alters und leugnet die Begrenzungen des Mensch-seins nicht, und gerade deswegen leuchtet in seinen Worten die Hoffnungsperspektive des Glaubens auf. Wer Christus vertraut, dem Weinstock verbunden ist, wird nicht meinen, der letzte Lebensabschnitt sei eine Phase des Niedergangs, die nur ertragen werden müsse – das ist die Sichtweise des Unglaubens. Sondern wird den Blick auf die Möglichkeiten des Alters richten und entdecken, dass die Veränderungen, die es mit sich bringt, einen Reichtum des Lebens in sich tragen, der in der Jugend nicht gefunden und nicht einmal erahnt werden kann. Das Alter kann zu einer Erfüllung des Menschseins werden, und dazu gehört die Freiheit, die eigenen Gaben zweckfrei entfalten zu können, endlich dem Nutzendenken enthoben zu sein. Es ist wunderbar, dass so viele Alte sich freiwillig engagieren, in den Kirchgemeinden, in der Diakonie, in der Flüchtlingshilfe, den Nachtcafes und den Besuchsdiensten. In den Nachbarschaften und Vereinen. Für Kinder, für Trost und Gemeinschaft…

Am Ende dann gehören zum menschlichen Maß auch der Umgang mit dem Leid und die Vorbereitung auf den Tod, den wir als einen Teil des Lebens verstehen. Denn die  Hoffnung, die eine Frucht des Glaubens ist, ist nicht begrenzt, sondern nimmt die Ewigkeit in den Blick. Wir vertrauen darauf, dass wir Gott begegnen werden, und er uns schauen lässt, was wir glauben – die ganze Fülle seiner Gnade.

Bis dahin wird, wer glaubt, immer wieder neue Gründe zum Staunen entdecken – denn, sagt Christus: „Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.“
Amen.

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