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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl anlässlich der Delegationsreise des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland nach Südamerika am Sonntag Rogate, 10. Mai 2015, in der Friedenskirche Sao Paulo (Brasilien)

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.
Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.
Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“


(Johannes 16, 23 b – 28. 33)

 

Liebe Gemeinde,

unverhofft kommt oft, sagt der Volksmund, und in diesem geflügelten Wort klingt wohl eine kleine Warnung an; du Mensch, bilde dir nicht ein, dass du den Lauf deines Lebens planen könntest. Es kommt ja doch, auch das ist so ein Wort, erstens anders, und zweitens, als man denkt. Natürlich, Planung ist notwendig, wir müssen unseren Verstand gebrauchen, wenn wir im Leben bestehen wollen; denn nur Weniges fliegt uns zu, das Allermeiste will gut überlegt und vorbereitet werden. Und doch: Unverhofft kommt oft, fühle dich nicht zu sicher… Gewissheit über das, was kommt, kann es in diesem Leben nicht geben, das voller Überraschungen steckt. Jedenfalls hat für mich Unerwartetes eine zentrale Rolle gespielt; Begegnungen, die allem eine bestimmte Richtung gaben. Ich erinnere mich ganz genau an den Tag, und sehe die Situation, das Bild vor meinem inneren Auge wie heute, als ich die junge Frau zum ersten Mal gesehen habe, mit der ich nun seit 43 Jahren verheiratet bin. Unvorhergesehen, überraschend, ungeplant kam mein Glück.

Unverhofft kommt oft, ein durchgeplantes Leben, in dem alles Bedeutsame absehbar ist gibt es nicht – und es wäre ja auch schrecklich, wenn es anders wäre. Das Leben eines jeden Menschen besteht nicht nur aus dem Geordneten, in Abwägung Gestaltetem; es geschieht vielmehr zu einem guten Teil in Reaktionen auf Unerwartetes, nie und nimmer Vorhergesehenes. Und oft genug liegt gerade darin ein Glück, das man kaum zu hoffen gewagt hätte, die gute Wendung, die zum Segen wurde. Nicht nur im Kleinen, Privaten, vor 25 Jahren das Ende der bleiernen Zeit im Osten Deutschlands, der diktatorischen Bedrückung und die überraschende Wende zur Freiheit und Demokratie…

Aber das Unverhoffte bringt nicht nur Gutes und Glück mit sich, sondern auch schwer Erträgliches, Unheil gar. Ein Besuch beim Arzt nur wegen einer Unpässlichkeit, aber eine böse Diagnose. Ein Moment der Unachtsamkeit hinter dem Steuer meines Autos, und dann ist da der andere Wagen, dem ich nicht ausweichen kann. Plötzlich, unerwartet spricht der vertraute Mensch, mit dem so vieles verbindet, das Undenkbare aus – es ist vorbei, die Liebe zu Ende. Von einem Moment auf den anderen versinkt die Altstadt von Kathmandu in Schutt und Asche, Tausende sterben, verlorenes Weltkulturerbe. Vor 25 Jahren machte sich Europa auf den Weg, ein Kontinent des Friedens zu werden und mit welchen Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft. Jetzt aber der Krieg im Osten der Ukraine, und neuerlich rüsten Staaten auf, setzen auf militärische Stärke.

Wie es mit uns wird, was das Leben bringt, bleibt ungewiss, trotz aller Überlegung, alles verständigen Bemühens – es bleibt Unverfügbares und oft genug ist es das Entscheidende.

Liebe Gemeinde, heute, am Sonntag Rogate – Betet – bedenken wir miteinander einen österlichen Text, der uns helfen soll zu verstehen, welches Geschenk in der Auferstehung Jesu den Menschen gemacht wurde. Dass wir seinen himmlischen Vater durch ihn bitten dürfen und beten sollen. Dass der Herr mit und um uns ist in den Ängsten, in die das Leben und seine Wirren uns stürzen können.

Die Auferstehung Jesu, das ist ein sperriges Geschehen, und manch einem nur schwer zu verstehen oder gar zu schwer. Da ist vor langer Zeit einer nicht im Tod geblieben, sondern wurde drei Tage später gesehen von vielen, wurde auferweckt zu neuem Leben – das kam unverhofft, anders als gedacht, ein Geschehen gegen alle Wahrscheinlichkeit, dem Verstand nicht zugänglich; wie sollte so etwas möglich sein? Täuschung, Illusion, das vorwissenschaftliche Weltbild der Evangelisten, die davon geschrieben haben? Und wenn es schon so gewesen sein sollte, was besagt es für mich, für mein Leben, in dieser Zeit, die so eine ganz andere geworden ist?

Wie es zu erklären ist, ob es eine Erklärung geben kann – darüber sagen die Berichte der Evangelien nichts. Sie sind an dieser gewissermaßen naturwissenschaftlichen Frage auch gar nicht interessiert; sie sind voll des Staunens über das Geschehen, und des Jubels – dass die Sache Jesu nicht zu Ende war, sondern neu begonnen hatte. Sie atmen die Freude, dass es anders gekommen war, als alle gedacht und erwartet hatten. Dass Trauer und Ängste überwältigt wurden; die Evangelisten bekennen die Zukunft Gottes bei den Menschen. Ostern kam unverhofft unerklärlich, das Geschehen des Ostertages erschließt sich allein im Glauben; die Auferstehung schenkt den Gläubigen Hoffnung, und Trost in den Ängsten, in die das Leben sie stürzt.

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Das sagt Jesus den Seinen, er redet uns an, die wir auf ihn vertrauen; und er spricht als einer, der um die Nöte des Menschenlebens weiß. Es ist zu aller Zeit gefährdet, und das ist eine Erkenntnis, die niemandem erspart bleibt – man kann sie eine Zeitlang verdrängen oder auch verleugnen, aber irgendwann ist es so weit, dass die Realitäten uns einholen, und wir uns ängstigen. Weil eine Gefahr zu groß wird und unsere Kräfte nicht ausreichen, sie zu bestehen, weil Irrtümer der Vergangenheit uns einholen, weil Böses über uns hereinbricht und unser Leben bedroht, weil Sicherheiten sich als trügerisch erweisen. Jeder und jede kennt das Dunkel, in dem es auf die bange Frage, wie es weitergehen wird, keine Antwort gibt.

Dann ist es gut, getröstet zu werden und erleben zu dürfen, dass der Atem ruhig wird und der Blick sich hebt, dass ein Licht aufscheint, in dem das Ungewisse seinen Schrecken verliert. „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben“.

Liebe Gemeinde, darum ist das Gebet ein Kennzeichen des Christenlebens; und wie gut ist es, den Segen erleben zu dürfen, der auf dem Gebet liegt. Wer auf den Gottessohn vertraut, der wird ihn anreden in der Not und nicht nur in der Not. Und wird erleben, dass der Auferstandene hilft. Unsere Gebete werden gehört, sie sind nicht vergebens und aus ihnen kommt uns die Kraft, die wir brauchen, um in Ängsten bestehen zu können. Das ist eine Erfahrung, die ich persönlich machen durfte über die lange Zeit hinweg, die ich nun bete. Die Hilfe kommt nicht so, wie anderes kommt. Es gibt keine automatisierten Antworten, das Gebet hat nichts zu tun mit einem Anrufbeantworter, der sich zuverlässig meldet, aber immer dieselbe Antwort gibt; das Gebet ist aber auch nicht wie ein Anruf, der niemanden erreicht, den niemand hört. Gott ist nicht Mensch, er antwortet nicht wie Menschen auf eine Anrede reagieren; und manchmal scheint es uns darum, als würde er nicht antworten. Aber so ist es nicht – das Gebet ist ein ganz eigenes Geschehen, unvergleichlich, denn es öffnet einen geistlichen Zugang zu einer anderen Wirklichkeit, es fügt dem menschlichen das göttliche hinzu, es baut eine Verbindung auf, die keiner anderen gleicht. Manchmal ist die Hilfe, die aus dem Gebet kommt, sofort und unmittelbar da, manchmal nach sehr langer Zeit erst. Manchmal wird uns geschenkt, was wir kaum zu hoffen wagten, dann wiederum kommt es ganz anders als wir hätten ahnen können und doch so, dass wir uns beschenkt wissen – und reicher, als je gedacht. Manchmal werden unsere Pläne durchkreuzt und nur schwer können wir annehmen, was uns widerfährt. Aber in all dem hören wir Christus sprechen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.“ Und wir ergänzen: Und so, wie er gibt, wird es gut sein.

Wer betet, vertraut sich durch Christus seinem himmlischen Vater an und dankt ihm seine Güte, bittet um Barmherzigkeit und Geleit. Das Gute, das ich erlebe, ist mir keine Selbstverständlichkeit. Dass ich nicht allein war, sondern dass Menschen um mich und mit mir waren, die es gut mit mir meinten und mir geholfen haben. Dass meine elementaren Bedürfnisse gestillt wurden, Kleidung, Wohnung, Essen und Trinken. Die besonderen, erstaunlichen, bewegenden Momente; oder Begegnungen, die nicht zu erwarten waren. Die Wendungen zum Guten – danke, nichts von all dem ist selbstverständlich.

Vor dem barmherzigen Gott brauche ich mich nicht zu verstecken. Jeden Tag tue ich etwas, an manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Das meiste, ohne groß darüber nachzudenken; vieles nach bestem Wissen und Gewissen; manches mit einem unguten Gefühl. Einiges wird falsch gewesen sein; und manchmal holen meine Fehler mich ein. Es kommt auch vor, dass ich mich vor mir selbst schäme wegen der Taten, die ich unterlassen habe. Wer betet. bittet um Vergebung, und einen Grund für diese Bitte gibt es jeden Tag.

Jedes Gebet drückt die Hoffnung aus, dass Gott es gut mit mir machen möchte. Und so macht es, dass ich mich nicht ängstige vor dem, was kommen wird; was auch immer da sein mag. Obwohl es Tage gibt, auf die wir am Abend vorher nicht zuversichtlich sehen, sondern in Sorge, mit Bangigkeit – wie soll das werden mit mir oder mit dem geliebten Menschen - so ängstigen wir uns doch nicht, sondern hoffen auf den himmlischen Vater. „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“ (Psalm 66, 20 Wochenspruch)

Liebe Gemeinde, in dieser österlichen Zeit feiern wir die Hoffnung, die aus der Auferstehung Christi kommt. Wir beten ihn an.

Beten tut gut, es nimmt die Angst, gibt der Seele Frieden und dem Herzen Trost. Und darum: Erbetet kommt oft! Viel öfter, als man denkt. Christus spricht: Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.
Amen.

 

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