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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl am Pfingstmontag, 25. Mai 2015 im Dom zu Meißen

Liebe Gemeinde,

als ich vor langer Zeit zum ersten Mal in Rom den Petersdom betreten habe, war ich sehr beeindruckt von den gewaltigen Dimensionen des Baus; enorm die Höhe, die Länge, die Ausmaße der Kuppel – 20000 Menschen finden unter ihr Platz. In dem Moment fühlte ich mich sehr protestantisch; und mir kam in den Sinn, wie das Bauwerk finanziert wurde, die Geldnöte des damaligen Papstes, die Ablassprediger, unter ihnen Tetzel aus Pirna, dann die 95 Thesen Martin Luthers, mit denen eine eigene Geschichte begann, die Neubesinnung auf das Evangelium…

Vor zwei Jahren war ich erneut in Rom, nun aber nicht als Tourist, sondern als lutherischer Bischof. Zu Peter und Paul sangen in der Papstmesse die Thomaner, nachdem zuvor der Chor der Sixtinischen Kapelle in Leipzig und in Dresden konzertiert hatte; es war ein wunderbares, wahrhaft ökumenisches Zeichen, das die erreichte Gemeinsamkeit der Konfessionen ausdrückte. Bischof Heiner Koch und ich saßen nebeneinander nicht weit vom Hochaltar unter dem Kuppelfries, an dem das Wort Jesu an Petrus zu lesen ist: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und Dir werde ich die Schlüssel zum Himmelreich geben.“

Wiederum fühlte ich mich beim Betrachten der 2 m hohen Buchstaben sehr protestantisch, denn in der Bewertung des Papstamtes liegt bis heute eine ökumenische Differenz, die so sehr an das Selbstverständnis der Konfessionen rührt, dass nicht zu erkennen ist, wie sie überwunden werden könnte. Die römisch-katholische Kirche sieht es so, dass es eine ununterbrochene Kette von dem Apostel Petrus zu seinen Nachfolgern als Bischöfen von Rom gibt, und damit begründet sie die Autorität des „Heiligen Vaters“ als Haupt des Bischofskollegiums, irdischer Stellvertreter Christi und Hirte der Universalkirche (mit voller und höchster Jurisdiktionsgewalt). So sitzt in diesen Tagen Papst Franziskus wie alle seine Vorgänger auf dem „Stuhl Petri“, und ihm sind „die Schlüssel des Himmelreichs gegeben“.

Wie wir Evangelischen es sehen?

Der Predigttext für diesen Pfingstmontag steht bei Matthäus, es ist das Messiasbekenntnis des Petrus und das Petrusbekenntnis Christi.

„Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten. Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“

Liebe Gemeinde, eine Meinungsumfrage, vermutlich eine der allerersten. Und damals schon gingen die Antworten auseinander. Als Jesus fragt, wie er gesehen wird, was die Leute von ihm denken, werden große Namen genannt, Elia, Jeremia, die Schrift wird herangezogen, die Geschichte des jüdischen Volkes scheint auf. Der Mann aus Nazareth ist durch sein Handeln, seine Predigten zu einem Hoffnungsträger geworden; er heilt die Kranken, stärkt die Schwachen, gibt denen am Rande eine Perspektive auf erneuerte Gemeinschaft in Gerechtigkeit. Er bringt den Menschen Gott nahe; und viele sehen auf ihn in einer Zeit der Unsicherheit und politischer Gefahren mit allerhöchsten Erwartungen. In den gegenwärtigen Nöten erscheint er als einer, der in die Reihe der Propheten gehört, der Glaubenszeugen, an denen das Volk sich aufrichten konnte, weil sie den Willen Gottes in Anfechtung und Verwirrung bezeugten; man sieht ihn als Hoffnungsträger. Und dennoch sind die Antworten auf die Frage, wie „die Leute“ ihn sehen, Jesus nicht genug, er reagiert nicht, bleibt auf Abstand; gerade zuvor, nachdem der Hunger der 4000 gestillt war, hatte es geheißen: „er ließ sie stehen und ging“ (V. 3) Die Menge hat sich zerstreut, jetzt ist er zusammen mit denen, die ihm am nächsten sind, und als er ihnen dieselbe Frage stellt, wird sie konkret, der Bereich des Allgemeinen, der wankelmütigen Mehrheit, des Hörensagens wird verlassen, es geht nicht mehr um Bilder, die sich das Volk von ihm macht, nicht um sein „Image“. Es wird persönlich: „Wer sagt denn ihr, dass ich sei?“ (V. 3) Man kann sich vorstellen, dass es still wurde, die Jünger werden überlegt haben, jeder Einzelne suchte nach seiner, der persönlichen Antwort; und dann stand ja auch die Frage im Raum, wer zuerst das Wort ergreifen sollte…? Hier spricht Petrus offensichtlich als derjenige, der die Gemeinschaft der Jünger repräsentiert, ihr Sprecher ist: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Derjenige, auf den Israel wartet, der Gesalbte.

Liebe Gemeinde, das ist ein persönliches Bekenntnis, des Petrus und der anderen, für die er spricht. Und dieses Bekenntnis hat Folgen, die in die Tiefe reichen. Für alle Beteiligten. Auch für Jesus, den Mann aus Nazareth – seine Mission ist in diesem Moment zu einem ersten Ziel gekommen. Denn jetzt gibt es Menschen, die in ihm die Anrede Gottes hören und durch sein Handeln und durch seine Predigt erkennen, dass der himmlische Vater sie selbst meint. Dass es um ihr Heil geht, um ihr Verhältnis zu Gott – nun wird es zum ersten Mal ausgesprochen. Unmittelbar darauf folgt die erste Leidensankündigung, den Weg an das Kreuz geht Jesus um der Menschen willen, nicht für sich ist der Menschensohn gekommen, er stirbt für uns, er ist „Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“

Folgen hat das Bekenntnis aber auch für Petrus und die Jünger und für alle, die einstimmen in sein Bekenntnis. Sie haben Christus verstanden und werden hineingenommen in seinen Wirkungsbereich, sie gehören zu ihm, das Himmelreich, der Machtbereich Gottes steht ihnen offen. In diesem Moment, am Rande Israels, in der Gegend von Caesarea Philippi bekennen die ersten Zeugen: In Christus geschieht das Entscheidende zwischen Mensch und Gott. Und dieses Entscheidende ist nicht ein menschliches Verdienst, sondern ein Geschenk Gottes – „Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel“, sagt Jesus. Allein der Glaube, allein das Vertrauen auf den Gottessohn zählt für diejenigen, die ihm angehören. Und so ist im Bekenntnis zu Christus eine Gemeinschaft gestiftet, in der Menschen untereinander und zugleich mit Gott verbunden sind; man könnte sagen, dass wir hier eine Vorahnung erhalten, was dann an dem Tag der Pfingsten geschehen sollte, als die Vielen aus allen Himmelsrichtungen in Jerusalem zusammengekommen waren und den Heiligen Geist empfingen. Im Bekenntnis Petri und der Jünger kündigt sich die Kirche an; und dieser Kirche gibt Jesus eine Verheißung: Sie wird nicht auf Sand gebaut sein, „Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Die Kirche wird mit ihrem Herrn durch die Zeiten wandern bis zu seiner Wiederkunft – mit Christus, den die Gläubigen bekennen; und geleitet durch den Geist.

Sie ist aber nicht an den einen Menschen Simon, Sohn des Jona gebunden, schon wenig später wird er versagen, wankelmütig und alles andere als felsenfest wird er hören, wie der Hahn dreimal kräht. Wir sehen es so, dass die Verheißung der ganzen Kirche gilt, und in ihr allen, die Christus bekennen und mit ihren Gaben und Möglichkeiten dazu beitragen, dass Christus bezeugt wird unter den Menschen. Wer getauft ist und auf Tod und Auferstehung Jesu Christi vertraut, hat eine Schlüsselposition inne; ist ein Bote des barmherzigen Gottes und steht in Wort und Tat für den Glauben ein. Zum Petrusdienst sind wir alle gerufen – für die Christusnachfolge entscheidend ist das Bekenntnis, wie es Petrus gesprochen hat, Ausdruck des Glaubens. Nicht aber Petrus selber als Bekenner. So sehen es die Kirchen der Reformation. Für uns gründet die Einheit der Kirche in ihrem Herrn, allein in Christus. Und wir meinen, dass wir dabei nicht auf das Papstamt angewiesen sind, denn wie könnte es für das vertrauensvolle Verhältnis zu dem Gottessohn irgendeine Form von Stellvertretung geben? Auch sehen wir nicht, dass es in der Heiligen Schrift Hinweise geben würde auf den Vorrang der Bischöfe von Rom oder die Bedeutung der Nachfolge in dem Amt.

Liebe Gemeinde, es ist Pfingsten, das Fest des Geistes und der Kirche, die mit ihrem Herrn durch die Zeit wandert. So unterschiedlich die Menschen sind und ihre Gaben, so sehr vielfältig die Gestaltungsformen menschlichen Lebens – so vielgestaltig ist auch der Leib Christi. Im Mittelpunkt der Gemeinschaft, die seinen Namen trägt, steht die Bindung an den auferstandenen Christus. An ihn hängen wir unser Herz; und es tut gut, anderen zu begegnen, die in gleicher Weise gebunden sind. Wo immer Menschen dem Herrn der Kirche nachfolgen, sind sie verbunden durch den Heiligen Geist.

So sehr Verschiedene waren an jenem Tag der Pfingsten in Jerusalem zusammengekommen, dass Gemeinschaft eigentlich eine Unmöglichkeit war – schon allein das Hindernis der vielen verschiedenen Sprachen, man konnte sich ja nicht einmal verstehen. Aber es geschah ein Wunder, sie neideten einander nicht das Anderssein, fürchteten sich auch nicht vor dem Fremden. Dieses Wunder wurde möglich, weil sie Gottes Geist empfingen. Er ist es, der das Unverständnis, die Fremdheit und die Ängste überwindet, der uns zum Mitmenschen führt, in dem wir unseren Nächsten sehen, und die Gemeinschaft der Kinder Gottes in der Einen Welt stiftet. Er macht Versöhnung möglich, damit wir miteinander leben können. Der Geist Gottes wirkt, dass die Kirche ihrem Auftrag treu bleibt, Christus zu bezeugen, den Gekreuzigten und Auferstandenen; der zu seinem Vater darum gebetet hat, dass sie alle eins sein mögen. Dieses Gebet des Herrn wird erfüllt, wo die vielen Verschiedenen in dem einen Geist bekennen „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“.

Amen.

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