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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl im ökumenischen Gottesdienst anlässlich der Konferenz der G7-Finanzminister am 27. Mai 2015 in der Dreikönigskirche Dresden

 „Und du sollst zählen sieben Sabbatjahre, siebenmal sieben Jahre, dass die Zeit der sieben Sabbatjahre neunundvierzig Jahre mache. Da sollst du die Posaune blasen lassen durch euer ganzes Land am zehnten Tage des siebenten Monats, am Versöhnungstag. Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt eine Freilassung ausrufen im Lande für alle, die darin wohnen; es soll ein Erlassjahr für euch sein. Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seiner Sippe kommen. Als Erlassjahr soll das fünfzigste Jahr euch gelten. Ihr sollt nicht säen und, was von selber wächst, nicht ernten, auch, was ohne Arbeit wächst, im Weinberg nicht lesen; denn das Erlassjahr soll euch heilig sein; vom Felde weg dürft ihr essen, was es trägt. Das ist das Erlassjahr, da jedermann wieder zu dem Seinen kommen soll.“

(Levitikus 25, 8 – 13)

Liebe Gemeinde,

soeben bin ich von einer Reise mit dem Rat der EKD aus Argentinien zurückgekehrt. In den Kirchen gibt es von vornherein ein hohes Maß an Vertrautheit, man kann auch über heikle Themen sprechen; um ein Beispiel zu geben – warum die Kirchen in Deutschland so leer sind. Wir begegneten interessanten Gesprächspartnern, und gelegentlich haben wir über die wirtschaftliche Situation des Landes geredet, die Inflation liegt bei 35 Proeznt. Wir haben davon gesprochen, man könne In Deutschland lesen, dass Argentinien auf einen neuerlichen Staatsbankrott zusteuere; unsere Gastgeber stimmten zu und meinten, so werde es kommen, wie alle 10 – 15 Jahre. Wir hatten den Eindruck, dass man sich nicht allzu sehr deswegen sorgt, während bei uns ein solcher Gedanke helles Entsetzen auslösen würde, oder geradezu Panik. Tief verankert ist im Bewusstsein der Deutschen die Krise der 20er Jahre und was die Inflation bedeutete, später bewirkte. Ob man sich in Argentinien daran gewöhnt hat, oder die Mentalität der Menschen eben anders ist? Wie war es denn damals, vor 13 Jahren auf dem Höhepunkt der Krise, als das Finanzsystem zusammenbrach? Ein Gesprächspartner sagte, durch die Straßen von Buenos Aires seien zahllose Bettler gezogen; und vielen von Ihnen sei anzusehen gewesen, dass sie ein anderes, besseres Leben gekannt hatten, gebildete Menschen mit Resten guter Kleidung, er habe beim Blick in die Gesichter gedacht „nur durch die Gnade Gottes ist mir ein solches Schicksal erspart geblieben…“

Es ist ein ernstes Thema, wie mit den Schuldnern umgegangen werden soll, die sich aus eigner Kraft nicht befreien können, deren Verbindlichkeiten sie fesseln und an einem guten Leben hindern. Es ist eine große Not dahinter, und die Not hat ihr eigenes Gewicht; auch wenn sie selbstverschuldet ist, wie allermeist. Denn ein verständiger Mensch wird nicht mehr Schulden machen als tragbar sind; allerdings ist nicht jeder verständig. Auch gibt es andere, die diesen Umstand für sich zu nutzen wissen; und ohne Rücksicht ausnutzen; darum spricht man auch von illegitimen Schulden.

Überschuldung gab es zu allen Zeiten, auch in der Bibel ist davon die Rede. In der Tora, dem Gesetz ist festgelegt, dass jeder siebte Tag ein Sabbat sein soll, der geheiligt ist. An diesem durfte weder gearbeitet werden, noch durften andere – seien es Sklaven oder nicht-jüdische Ausländer – zur Arbeit gezwungen werden (2. Mose 20, 8 – 11).Jedes siebte Jahr dann war ein Sabbatjahr, in dem das Land zur Ruhe kommen und es weder Saat noch Ernte geben sollte. Schulden sollten gestrichen werden, und wer selbst durch Armut oder Überschuldung zum Sklaven geworden war, sollte freigelassen werden (5. Mose 15, 1 – 11 und 3. Mose 25, 1 – 7).

Jedes siebte Sabbatjahr wiederum (genau genommen jedes 7 x 7 + 1 = 50.) Jahr war ein Erlassjahr. Darin sollten nicht nur die Schulden gestrichen und die Sklaven freigelassen werden. Es sollte vielmehr alles verpfändete Land an seine ehemaligen Besitzer zurückfallen, so dass die ursprüngliche Verteilung wieder hergestellt wurde. Familien, die das Land ihrer Vorfahren verloren hatten, sollten es zurückbekommen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass das Land damals das wichtigste Produktionsmittel in der Agrargesellschaft war – in seiner Bedeutung vergleichbar mit der des Finanzkapitals in unseren spätkapitalistischen Gesellschaften. Im 3. Mose Kap. 25, 13 heißt es: „Das ist das Erlassjahr, da jedermann wieder zu dem Seinen kommen soll.“ So bekommt das Überleben des Schuldners in Würde ein eigenes Gewicht, gar Priorität vor den berechtigten Ansprüchen der Gläubiger. Deren Legitimität wird nicht bestritten – es gibt sogar genaue Bestimmungen, wie der Gläubiger für die Gewährung eines Kredits entlohnt wurde, wenn Land als Sicherheit genommen wurde und nur noch wenige Jahre bis zum Sabbatjahr ausstanden.

Ob ein Erlassjahr Argentinien helfen würde? Oder Griechenland? Oder Deutschland damals geholfen hätte? Das sind spekulative Fragen; und man wird die Probleme des globalisierten Finanzsystems, in dem unentwegt und in Echtzeit Milliardenbeträge den Erdball umkreisen, nicht umstandslos durch den Rückgriff auf biblische Zeiten vor 3000 Jahren lösen können. Zumal die Sabbat- und Erlassjahr-Regeln nur selten – wenn überhaupt – befolgt worden sein dürften; jedenfalls gibt es keine verlässlichen Quellen für die Umsetzung des Erlassjahrs. Schon damals sperrte sich die Wirklichkeit gegen manche Hoffnungen, sie überwinden zu können. Das bedeutet aber nicht, dass wir die Bibel enttäuscht zur Seite legen müssen. Denn sie macht deutlich, dass es ein Gebot der Humanität ist, die Schuldner als Mitmenschen, als Nächste zu sehen und sich ihnen zuzuwenden – nicht aber sie mit ihrer Not allein zu lassen.

Das weiß unsere Rechtsordnung, gottlob enthält sie das Insolvenzrecht. Sowohl die Bestimmungen für Privatleute als auch für Unternehmen sind in den letzten Jahren geändert worden; und zwar mit dem Ziel, den Schuldnern eine Zukunft ohne erdrückende Lasten zu ermöglichen. Das ist für die Betroffenen nicht einfach, stellt hohe Anforderungen an sie, ist aber getragen von dem Bemühen, die Not zu überwinden – die Beratungsstellen der Diakonie leisten dabei eine notwendige und hilfreiche Arbeit.

Was innerstaatlich sinnvoll ist, sollte auch zwischenstaatlich möglich werden. Zumal von den Staatsschulden häufig Menschen betroffen sind, die an deren Anhäufung nicht beteiligt waren. Oft genug liegt die Ursache in schlechtem Regierungshandeln, oder bei den ökonomischen Eliten – in Not und Elend stürzen aber die kleinen Leute. Man wird es nicht als legitim ansehen können, sie in Haftung zu nehmen. Darum ist die Schaffung eines Staateninsolvenzverfahrens zur zentralen Forderung der globalen Erlassjahr-Bewegung geworden. Es ist aller Anstrengung wert, nach einem praktischen Verfahrensweg zu suchen, wie dies fair und transparent geschehen kann.

Liebe Gemeinde, die Bibel ist keine Sammlung von Handlungsanweisungen für komplexe Probleme des globalisierten Finanzsystems. Aber sie ist gefüllt von tiefem Wissen um die Wirklichkeit des Menschenlebens und von der Möglichkeit, den Gotteskindern eine Perspektive auf Frieden in Gerechtigkeit zu eröffnen. Darum geht es den Kirchen, wenn sie an das biblische Erlassjahr erinnern, und dass Entwicklung Entschuldung braucht.
Amen.

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