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Vortrag von Landesbischof Jochen Bohl gehalten auf dem Sächsischen Kirchenvorstandstag am 13. Juni 2015 in Chemnitz

Führen und Leiten. Die Leitungsverantwortung der Kirchenvorstände vor dem Hintergrund der Spannung von Identität und Wandel.

Bild: Landesbischof Jochen Bohl hält den Vortrag im Gemeindehaus der Pauli-Kreuz-Gemeinde

Liebe Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher,

es kann kein Zweifel sein, dass die Leitungsdimension kirchlichen Handelns wichtiger wird und größere Aufmerksamkeit erfordert. Wir leben im Zeitalter der Individualisierung, der großen Freiheiten, und darum ist es für alle Leitungsämter eine Herausforderung, angesichts der zunehmenden Vielfalt die Einheit zu wahren. Denn der rasche Wandel der Lebensverhältnisse stellt die Kirche unablässig vor die Herausforderung, auf eingetretene bzw. sich abzeichnende Veränderungen zu reagieren, und darum wird man sagen können, dass in der evangelischen Kirche die Leitungsaufgabe in einer neuen Weise in den Blick geraten ist.

Zunächst, im Sinne einer Vorbemerkung, der Versuch einer Begriffsklärung. Umgangssprachlich werden die Begriffe „Leiten“ und „Führen“ weitgehend synonym gebraucht, man macht da keinen großen Unterschied. Die Landessynode hatte sich vor einigen Jahren im Zusammenhang der Verfassungsreform mit der Frage beschäftigt, ob der Landesbischof auch in der Zukunft als der „führende“ Geistliche der Landeskirche (§ 27, 1 der Kirchenverfassung) bezeichnet werden soll, oder ob es nicht doch angebracht sei, nunmehr vom „Leitenden Geistlichen“ zu sprechen, wie es die meisten evangelischen Landeskirchen tun. Dabei waren sich alle Beteiligten der Tatsache bewusst, dass in der Nazi-Zeit der Führerbegriff tief diskreditiert worden ist; zugleich ist aber in den letzten Jahren festzustellen, dass in Wirtschaft und Politik wieder unbefangener von Führung gesprochen wird; und in der englischen Sprache war all das nie ein Problem – da geht es um „Leadership“. Die Synode hat sich dafür entschieden, es bei der „Führung“ zu belassen, Gleiches gilt für die Superintendenten in Bezug auf die Kirchenbezirke. (§ 15, 1) Führung, so haben wir uns damals verständigt, meint eine übergeordnete Ebene – die gewissermaßen orientierende Dimension der Steuerung; die Bezeichnung der Herausforderungen, denen es sich zu stellen gilt, das Aufweisen von Wegen und die Vorgabe von Zielen. Demgegenüber bezeichnet Leitung die konkrete Ausgestaltung solcher Vorgaben, dabei geht es um die Anleitung der Mitglieder einer Gemeinschaft, so dass die Herausforderungen bestanden, die Wege begangen und die Ziele erreicht werden können. Im Folgenden halte ich es so, dass ich von Leitungshandeln spreche – und das Wort Führung nur dann verwende, wenn dieser übergeordnete Aspekt im Steuerungsgeschehen auch tatsächlich gemeint ist.

Jede menschliche Gemeinschaft, sei es eine kleine und elementare, wie die Familie es ist, oder eine große, wie z. B. ein gewerbliches Unternehmen, oder ein freier Zusammenschluss, wie die vielen, sehr unterschiedlichen Vereine in unserem Land, wird geleitet. Eine Gemeinschaft ohne Leitung gibt es nicht; es ist immer nur die Frage, wie sie ausgeübt wird. Entweder geschieht dies formell, in geordneter Weise, so dass die damit beauftragten Personen sie wahrnehmen – oder es entstehen Leerräume, die von anderen ausgefüllt werden. Dann bildet sich eine informelle Leitung heraus, die nicht legitimiert ist, auch nicht klar verteilten Aufgaben folgt, sondern zufällig, oder von Fall zu Fall nach Absprachen ausgeübt wird, die nicht für alle Angehörigen der Gemeinschaft überschaubar sind. Das ist ein schlechter Zustand und allzu oft die Ursache für vielfältige Krisen und Konflikte. Leider gibt es solche Zustände auch in der Kirche zu beobachten.

Der Grund, warum Leitung so elementar notwendig ist, liegt auf der Hand: Es ist die sich permanent verändernde Umwelt, in der wir miteinander leben. Würde sich nichts verändern, wäre das Leben statisch, geschähe nichts Neues und Unerwartetes, bliebe alles so, wie es ist – bräuchte es vielleicht auch keine Leitung zu geben. Aber so ist es nicht, das Leben ist ein dynamischer Prozess, und darum steht jede menschliche Gemeinschaft immer wieder neu vor der Aufgabe, auf eingetretene Veränderungen reagieren zu müssen, oder Vorsorge zu treffen für die sich abzeichnenden Herausforderungen und doch die Kontinuität zu wahren. Dazu müssen die unterschiedlichen Auffassungen diskutiert und am Ende des Gesprächs gebündelt werden, es muss zu einer gemeinsamen Willensbildung kommen – und das ist die Aufgabe der Leitung und der Personen, die zu ihrer Ausübung berufen sind. Wird nicht in guter Weise geleitet, leidet die Gemeinschaft und nimmt Schaden. Das war auch in statischen Gesellschaften schon so, gilt aber in Zeiten raschen Wandels wie den unseren verstärkt.

Das kirchliche Leben ist davon nicht ausgenommen; wie könnte es auch anders sein. Vermutlich stehen jedem von uns Situationen vor Augen, in denen wir beobachten konnten oder mussten, wie die Notwendigkeit verantwortlicher Leitung gerade dann deutlich wurde, als es an ihr mangelte. Nach meiner festen Überzeugung erwarten die Gemeinden von ihren Pfarrerinnen und Pfarrern, von den Kirchvorsteherinnen und Kirchvorstehern, dass sie tun, was ihnen aufgetragen ist, leiten und führen. Ich lasse es einmal dahingestellt, ob dies immer ausdrücklich so gesagt oder gedacht wird: Jedenfalls ist diese Erwartung auch dann, wenn sie unausgesprochen bleibt, so massiv, dass es zwangsläufig negative Konsequenzen hat, wenn sie nicht erfüllt wird.

Auch wenn diese Beobachtungen die Notwendigkeit guter Führung und Leitung unmissverständlich belegen, haben wir es in der Kirche dennoch nicht eben leicht mit dieser Dimension unseres Lebens und Handelns. Es gibt Gründe für diese Probleme; und der wichtigste ist wohl, – und wir sprechen nur ungern darüber – dass jedem Leitungshandeln immer auch ein Aspekt der Machtausübung innewohnt. Es gibt nun aber kaum einen Begriff, der mit so vielen Missverständnissen belegt ist wie gerade die Macht. Es bleibt aber eine Tatsache, dass überall da, wo es eine Leitung gibt, auch ein Machtgefälle existiert: Die einen haben die Macht, den anderen Aufgaben zuzuweisen, sie zu kritisieren, in ihren Verantwortungsbereich einzugreifen; kurz: dieses anzuordnen, jenes zu unterbinden, Entscheidungen zu treffen, von denen andere betroffen sind. Darin liegen Gefahren, nämlich der missbräuchliche Umgang mit der Macht, dass die Machtlosen in ihren Gewissen beschwert oder in ihrer Person nicht respektiert werden, dass vorhandene Begabungen in der Gemeinschaft nicht zur Geltung kommen oder gar erstickt werden. Darum fragen nicht wenige Christenmenschen: Soll es so etwas wie Machtausübung in der Kirche eigentlich geben dürfen? Sollte es nicht in der Kirche anders sein? Vor Gott sind wir doch alle gleich!

In der Kirche geht es um die Verkündigung des Evangeliums und um die Mitarbeit am Reiche Gottes. Sie ist etwas anderes als die Bürgergemeinde oder der Staat, es geht auch nicht um die Produktion von Gütern oder Dienstleistungen oder die Gestaltung geselligen Lebens. Das unterscheidet die Kirche fundamental von allen anderen Gemeinschaften. Vielmehr leben wir in der Kirche unserer Überzeugung und dem Glauben, der uns miteinander verbindet, es geht um die Gestaltung des Lebens in der Nachfolge Jesu Christi und um die Einladung zum Glauben. Kann es da eine Überordnung der einen über die anderen geben? Ich habe schon oft gedacht, dass unter uns nicht in der nötigen sachlichen und geistlichen Klarheit über diese Fragen gesprochen wird. Manchmal kann man den Eindruck haben, dass auch Leitungsper¬sonen nicht innerlich frei sind im Umgang mit dem ihnen übertragenen Auftrag – und die Folge kann sein, dass ungeordnete Verhältnisse gelegentlich über lange Zeiträume bestehen.

Zusammengefasst: Eigentlich wissen wir, dass Leitung notwendig ist, aber wir finden nicht zur Klarheit im Umgang mit ihr.

Wie können wir zu einer Verbesserung der Situation kommen? Die Ausfüllung jeder Leitungsaufgabe hat Voraussetzungen, die unabdingbar sind in dem Sinne, dass sie für ein gedeihliches Wirken erfüllt sein müssen. Ich nenne vier, in Stichworten: Annahme, Liebe, Fähigkeit, Leitbild.

1 Zunächst ist es notwendig, den Leitungsauftrag innerlich zu bejahen und anzunehmen. Es kommt darauf an, frei zu werden für den Umgang mit ihm.
Dazu möchte ich ausdrücklich ermutigen, und daran erinnern, dass wir die Übertragung der Leitungsaufgaben immer in einer geistlichen Handlung vornehmen. Das ist mehr als ein kirchlicher Brauch, sondern Ausdruck der festen Hoffnung, dass Gott selbst uns beruft, dass sein Segen hilft und wirkt, und uns stärkt auf unseren Wegen. Diese Zuversicht bringen wir ganz besonders dann zum Ausdruck, wenn es um die Übertragung von Verantwortung für das Leben in der Kirche geht. Wir wissen, dass wir nicht ohne Fehler sind, dass unsere Bemühungen oft zu schwach sind; wir verbergen nicht, dass es uns in nicht wenigen Situationen schwer fällt, zu einer Entscheidung zu kommen, Irrtümer stehen uns vor Augen, die wir nicht vermeiden konnten – dennoch sollen wir unser Amt führen; und uns nicht mit der Frage plagen, ob wir die Richtigen an unserem Ort sind. Zu einem Ja zu dem übertragenen Amt zu finden, das ist die erste Voraussetzung, auch für Kirchvorsteher, um es nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen zu können.

2 Eine ganz und gar unerlässliche Voraussetzung des Leitungshandelns ist die Liebe zu den Menschen und das Interesse an ihren Hoffnungen und Nöten, an der Lebenswirklichkeit der Nächsten. Ich meine sogar, dass diese personale Dimension ein Ausschlusskriterium ist. Wer allzu ungeduldig ist, schnell negativ von seinen Mitmenschen denkt, Schwächen und Fehler anderer nicht verzeihen, zur Selbstgerechtigkeit neigt, nicht zuhören mag, zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist – der kann wohl kaum eine menschliche Gemeinschaft leiten. Auf die Liebe zu den Menschen kommt es sehr an.

Sie wird gefestigt durch einen realistischen Blick auf das Menschsein, wie ihn die Bibel lehrt. Es ist nicht gut, wenn die Leitungspersonen dazu neigen, ihre Mitmenschen zu überfordern oder gar sie mit unerfüllbaren Erwartungen zu belasten. „Wir sind allzumal Sünder, das ist wahr“ gilt – sowohl für die Leiter als auch für die Geleiteten. Darum sollten die Leitungspersonen sich einen Blick dafür bewahren, dass Menschen dazu neigen, ihre Aufgaben misszuverstehen oder ihren Auftrag eigenwillig zu interpretieren oder ihn gar zu vergessen, und sie sollten nicht allzu sehr überrascht oder enttäuscht sein, wenn dies passiert. Auch ist es eine immerwährende Konstante, dass die Menschen an ihren höchst persönlichen Interessen interessiert sind, oder an dem der Gruppe, der sie angehören – aber nicht unbedingt den Nutzen für die Gesamtheit im Auge haben. Schon darum ist es wichtig, dass es eine Leitung gibt, die ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den unterschiedlichen Einzelinteressen, die sich gar nicht so selten gegenüberstehen, und dem übergeordneten Interesse des Ganzen, der Gemeinschaft herstellt. Es geht der Kirche ja nicht nur um die Einzelnen, die ihr angehören, sondern um ihren unverlierbaren Auftrag, Christus zu bezeugen – und der verlangt nach einer zielorientierten Ausrichtung alles Handelns. Auch in der Kirche kann – um ihres Auftrags willen! – der Einzelne nicht tun oder lassen, was ihm beliebt, sondern er hat an seinem/ihrem Ort Aufgaben und Pflichten zu erfüllen. Jedem muss klar sein, was er zu tun hat, und diese Klarheit stellt die Leitung her.

3 Eine dritte Voraussetzung ist die Leitungsfähigkeit. In diesen modernen Zeiten brauchen wir ganz bestimmt noch dringlicher als in vergangenen Zeiten eine Ausbildung, die das Wissen vermittelt, das für die jeweilige Aufgabe erforderlich ist. Ich bin dankbar, dass viele Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher das Wissen und die Kenntnisse in die Kirche einbringen, die sie sich im Alltag des Lebens erworben haben, in Beruf, Familie und anderen Gemeinschaften. Ich sehe einen besonderen Reichtum unserer Konfession darin, dass die Gemeinden und auch die Kirche von Ordinierten und Laien, von Menschen im Haupt- und Ehrenamt gemeinschaftlich geleitet werden. Zur Leitungsfähigkeit gehören auch der Umgang mit Konflikten und das Wissen um die Bedeutung einer guten Kommunikation, die immer mit dem genauen Hinsehen und dem guten Zuhören beginnt. Das ist in der Kirche noch wichtiger als anderswo. Wie sollte ein KV Entscheidungen treffen können, ohne zu wissen, was sie für die anderen in der Gemeinschaft bedeuten; und wie sie ihnen nahe gebracht werden können? Ein „Vogel friss oder stirb“ kann es nicht geben, denn wir sind ja freiwillig beieinander, die Kirchgemeinde ist eine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, und der KV kein Aufsichtsrat. Gut, dass es Fort- und Weiterbildungsangebote gibt, und ich lade ein, das Programm der Ehrenamtsakademie einmal unter diesem Aspekt anzusehen.

4 Ein vierter Baustein: In diesen Zeiten des raschen Wandels ist es nach meiner Überzeugung nicht länger möglich, die kirchliche Arbeit, wo auch immer, in Gemeinde, Diensten, Einrichtungen oder auch auf der landeskirchlichen Ebene, ohne ein Leitbild, ein Konzept zu tun. Das mag sehr steil und vielleicht sogar überzogen anmuten und sogar als eine zusätzliche Leistungsanforderung aufgefasst werden. So ist es aber nicht gemeint, eher das Gegenteil. Denn es geht ja darum, die eigenen Kräfte sinnvoll einzusetzen, sich nicht an den falschen Schauplätzen zu verkämpfen, die sich bietenden Chancen nicht ungenutzt verstreichen zu lassen; den Menschen, die zur Mitarbeit bereit sind, entsprechend ihren Gaben und Fähigkeiten einen Ort für ihr Engagement anbieten zu können. In den Lebenswirklichkeiten unseres Landes verändert sich so vieles und so schnell, dass wir nicht davon ausgehen können, dass unsere Arbeitsformen so bleiben können, wie sie gewesen sind.

Das verlangt Überlegung, Absprachen, und bestimmt auch eine fortwährende Prüfung des eigenen Handelns – wo stehen wir im Moment, was ist der nächste Schritt, wo wollen wir hin? Ein Leitbild muss nicht unbedingt in schriftlicher Form vorliegen, es reicht auch, wenn es im Kopf an einem jederzeit zugänglichen Ort gespeichert ist, wenn die Beteiligten von einem Einvernehmen ausgehen können, das ihnen vor Augen steht. Das ist sicherlich der Fall, wenn sie gemeinsam in Gesprächen dazu gekommen sind. Ich hoffe z. B., dass die Kirchenvorstände darüber beraten, wie in ihrer Kirchgemeinde das Reformationsjubiläum 2017 gestaltet werden kann.

Zusammengefasst: Leitung und Führung haben in der Kirche ihr Recht, sie sind ein notwendiger Dienst, damit ihr Auftrag erfüllt werden kann.

II

Damit, liebe Schwestern und Brüder, komme ich zur geistlichen Leitung. Zunächst ist eine Klärung erforderlich; nämlich über das Ziel aller Führung und Leitung in der Kirche: Die Gemeinde Jesu Christi soll befähigt werden, ihren Zeugendienst, den Auftrag, den alle ihre Glieder in der Taufe übertragen bekommen haben, in einer dem Evangelium gemäßen Weise ausfüllen zu können. Mit dem Attribut „geistlich“ wird diese besondere Zielvorgabe signalisiert. Wenn es auch so ist, dass zunächst einmal das Weltwissen über die Führung und Leitung von menschlichen Gemeinschaften erhoben und berücksichtigt sein will, so bleibt es dennoch unabdingbar, sich immer wieder dieses geistlichen Mehrwerts zu vergewissern, der über das weltliche Maß hinaus reicht, und es auch an bestimmten Stellen korrigiert.
 
Gelegentlich wird die Auffassung vertreten, dass geistliche Leitung eine ganz und gar eigenständige Aufgabe sei, die mit den Steuerungssystemen, die in der Welt anzu¬treffen und unter Umständen auch notwendig seien, nichts zu tun habe und nichts zu tun haben dürfe. Diese Auffassung teile ich nicht. Vielmehr meine ich, dass es grundsätzlich nicht erlaubt ist, unter Hinweis auf den besonderen Charakter des geistlichen Lebens das vorhandene weltliche Wissen über das Führen und Leiten menschlicher Gemeinschaften außer Kraft zu setzen bzw. für irrelevant zu erklären. Denn dabei handelt es sich um die höchst nüchtern zu beschreibenden Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, um die Aufgaben der geistlichen Leitung, die zweifellos etwas Eigenes (und auch Einzigartiges) ist, ausfüllen zu können. Auch eine geistliche Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft von Menschen.

Aber in welcher Weise ist dann der geistliche Aspekt allen Leitungshandelns in der Kirche näher zu bestimmen? Darauf gibt der Apostel Paulus eine elementare Antwort, von der unser Leitungshandeln in allen seinen Dimensionen bestimmt ist. In 1. Kor. 2, 2 schreibt er: „…ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten“.

Geistliche Leitung und Führung hat es, und darin liegt eine zentrale Differenz zu dem weltlichen Geschehen, nicht nur mit den Leitern und den Geleiteten zu tun, sondern zusätzlich mit einer 3. Größe, mit Gott. Es ist die Teilhabe an der Wirklichkeit Gottes, die alles Leitungshandeln in der Kirche geistlich qualifiziert, es handelt sich um eine Dreierkonstellation, in der Gott die gemeinsame Bezugsgröße der Beteiligten ist. So steht über jeder Leitungs- und Führungsaufgabe, wie auch über allem Handeln der Geführten und der Geleiteten die Wirklichkeit Gottes. Den einen wie den anderen ist in einem geistlichen Sinn die Frage gestellt, wie sie ihrem Herrn gerecht werden können, wie sie glaubend auf die empfangene Gnade antworten und zugleich den Forderungen stand halten können, die Gott an sie stellt. In diesem Sinne sind wir gleich, vor Gott gibt es keine Über- und keine Unterordnung, keine Hierarchie; alle, Leitungspersönlichkeiten wie Mitarbeitende, stehen vor ihrem Herrn als „Bettler“, der Vergebung und seiner Gnade allzeit bedürftig.

Diese elementare Einsicht möchte ich unter drei Gesichtspunkten entfalten.

1 Das ist zunächst das Wort des Herrn, gesprochen im Rangstreit der Jünger, also in einer Situation, in der es um die Leitungsaufgabe ging; und innerhalb der Jüngerschaft verschiedene Auffassungen – vielleicht muss man sogar sagen: Interessen aufeinander prallten. „Wer unter euch der Erste sein will, der sei euer aller Diener.“ (Mk. 9, 35)

Der Herr hat also nicht gesagt, dass es das Amt der Leitung unter denen, die ihm nachfolgen, nicht geben soll – sondern er hat davon gesprochen, wie diese Aufgabe ausgefüllt werden soll: in einer diakonischen Haltung, demütig. Unser Herr Jesus Christus wusste um die Notwendigkeit der Leitung seiner Gemeinde und dass sie Führung braucht, wie jede menschliche Gemeinschaft. Er sieht die Notwendigkeit, dass Schwestern und Brüder in ihr Verantwortung übernehmen, um des Auftrags willen, der der Kirche gegeben ist: den Menschen die Liebe Gottes zu bezeugen.
Er wusste aber auch um die besondere Gefährdung, die in dem Umgang mit der „Macht“ liegt. Darum hat er für uns verbindlich geklärt, wie wir mit dieser Aufgabe umgehen sollen, in welcher Haltung wir sie ausüben sollen: als Dienende. Als zur Leitung Berufene dienen wir der Kirche, wir dienen all ihren Gliedern, und vor allem: Wir dienen ihrem Herrn.

Der Apostel Paulus buchstabiert in seinen Briefen an Timotheus und an die Philipper durch, wie das im Alltag des Christenlebens zu verstehen ist. Es geht darum, aufeinander zu hören, und in den Beiträgen der anderen den Ausdruck von Erfahrungen zu sehen, die nicht mit den unseren konkurrieren, sondern sie ergänzen, oder auch in Frage stellen. Jedes Leitungsamt in der Kirche Jesu Christi will in Demut ausgeübt sein. Das ist ein Kontrapunkt zur weltlichen Dimension der Leitung und folgt aus der besonderen Verheißung, die der Kirche gegeben ist: dass Gott selbst sie durch den Heiligen Geist auf ihren Wegen leitet. Darum darf, wem ein Amt übertragen ist, sich an der Aufgabe freuen und zuversichtlich beginnen im Vertrauen auf Gott. In der Wahrnehmung der Leitungsaufgabe, in der Ausfüllung der Führungsverantwortung sollen wir gelassen tun, was uns aufgetragen ist, ohne Furcht, aber voller Hoffnung. Denn wir dienen der Kirche Jesu Christi, und alle Ämter in ihr gelten dem Bau seiner Gemeinde.

2 Ein zweiter Aspekt folgt unmittelbar aus dem Dienstcharakter des Leitungsamtes. Der Kirche geht es darum, Gottes Wirken in dieser Welt zu bezeugen, sie fragt nach Gottes Willen; und ist darauf bedacht, dieser Haltung Ausdruck in den konkreten Fragen zu geben, die auf der Tagesordnung der Welt stehen. Darum ist die Teilhabe am geistlichen Geschehen unabdingbare Voraussetzung der Leitungsverantwortung. Erst so kann Leitung zur geistlichen Leitung werden, denn ohne die Segnungen des geistlichen Lebens können wir den Willen Gottes nicht erkennen. Wir brauchen das Gebet, Hören auf das Wort, Predigt und Auslegung, Fürbitte und Segnung. So kann auch dem Irrtum gewehrt werden, als könne es der Leitung um Machtausübung oder eine gewissermaßen instrumentelle Nutzung der Kräfte der Mitarbeiter gehen. Wer in der Kirche mitarbeitet, darf erwarten, in den Geist, der die Kirche leitet und erfüllen will, einbezogen zu werden: Es geht um Be-geisterung.

Zugleich ist mit dem Stichwort der Teilhabe eine Beschreibung des Instruments, das der geistlichen Leitung zur Verfügung steht, verbunden: sine vi, sed verbo. Entsprechend wird man für die geistliche Leitung generell sagen – sie setzt voraus, was sie ermöglichen will, geistliche Teilhabe.

Allerdings gilt es sogleich einem Missverständnis zu wehren: Es folgt daraus nicht, dass es in der Kirche keine Autorität oder keinen Umgang mit Macht geben dürfe. Wenn es um das Verhältnis eines Dienstvorgesetzten zu seinen nachgeordneten Mitarbeitern geht, kann es nicht nach Beliebigkeit oder nach dem Prinzip „kommst du heute nicht, kommst du morgen“ gehen.

In Sachen des „äußerlichen, zeitlichen Regiments der Kirchen“, so Luther in seiner Schrift „von den Konzilien und den Kirchen, „ist die Vernunft, von Gott gegeben, genugsam (ausreichend) zu ordnen.“ [WA 50, 552, 21 und 553,16.] Auch in der Kirche muss es für alle verbindli-che Regeln und Ordnungen geben, deren Geltung durchgesetzt werden kann; man denke nur an Pfarrergesetz, Kirchliche Dienstvertragsordnung, Haushalt- und Kassengesetz oder auch die Form der Verwaltungsabläufe. Solche Rechtssatzungen folgen der Struktur weltlichen Rechts, weil sie um der Zweckmäßigkeit willen erlassen sind, und selbstverständlich zielen sie darauf, dass sie eingehalten werden und ihre Geltung durchgesetzt werden kann. Leitungsverantwortung ist also auf „das innere und äußere Wohl“ der Kirche gerichtet, wie es im Gelöbnis der Mitglieder der Landessynode formuliert ist.

3 Ein dritter Aspekt ist die Praxis geistlicher Leitung. G. Wegner  [G. Wegner: Was ist Geistliche Leitung? 10 Vorschläge, in: Pastoraltheologie, Göttingen 2007, S. 185 ff.] verdanke ich den Hinweis, dass die geistliche Leitung in drei Ebenen ausgeübt wird. Da ist zunächst die Selbstleitung eines jeden und einer jeden. Jeder Christenmensch ist für die Gestaltung seiner Gottesbeziehung selbst verantwortlich – das ist, in traditioneller Sprache, eine Frage der Frömmigkeit. Wie wir die Bibel lesen, in welcher Intensität, in welcher Regelmäßigkeit und in welcher Haltung, wie wir mit Schwestern und Brüdern im Gespräch über Glaubensfragen sind, ob wir die Disziplin aufbringen, um die als sinnvoll erkannten geistlichen Übungen auch einzuhalten, das alles und einiges mehr ist eine höchst persönliche Angelegenheit, von der kein Glied unserer Kirche sich entlasten kann.

Allerdings ist es auch unsere gemeinsame Überzeugung, dass wir in dieser Aufgabe stehen sollen und auch nicht allein gelassen werden, sondern an die Gemeinschaft verwiesen sind, der wir angehören. Von ihr dürfen wir Hilfe, Anleitung und auch Korrektur erwarten. Darum gibt es in der Kirche Schwestern und Brüder, deren Aufgabe es ist, zur Frömmigkeit anzuleiten, das ist die zweite Ebene geistlicher Leitung. Damit sind die Pfarrerinnen und Pfarrer angesprochen, die ihrer Gemeinde und deren Gliedern diesen Dienst erweisen, aber auch die Jugendwarte, Gemeindepädagogen, die Prädikanten und Lektoren, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verkündigungsdienst in ihrer Gesamtheit.

Eine dritte Ebene des geistlichen Leitungshandelns stellt die Leitung der Kirche dar. Sie stellt das Personal bereit, damit die Aufgaben auf der 2. Ebene wahrgenommen werden können und sorgt auch dafür, dass diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Lage versetzt werden, die ihnen übertragenen Aufgaben zu erfüllen. Damit sind die Kirchenvorstände angesprochen, in den Kirchenbezirken die Superintendenten und in der Landeskirche das Landeskirchenamt, die Synode, die Kirchenleitung und der Landesbischof.

Eine nicht unwichtige geistliche Aufgabe liegt nun darin, diese drei Ebenen zu unterscheiden und sie zugleich sinnvoll aufeinander zu beziehen. Für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter soll es Klarheit geben, was die eigene Aufgabe ist, unter welchen Erwartungen sie steht – und gleichermaßen, welcher Dienst von den Leitungspersonen erwartet werden kann. Es geht um Handlungssicherheit; sie ist ein hohes Gut, und darum sollten wir uns immer vor Augen führen, dass das Verwischen der Grenzen eine stete Gefahr, aber unzulässig ist. Wohlgemerkt, es geht auf den beiden zuletzt genannten Leitungsebenen darum, dass die Glieder der Kirche, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrem Dienst unterstützt werden, das Evangelium zu verkünden, Nächstenliebe zu üben und Gottesdienst zu halten – die geistliche Leitung ermöglicht es, dass die Kirche ihrem Auftrag nachkommen kann: Jesus Christus zu bezeugen. Man könnte es vielleicht so sagen, dass es um das Einbringen des Einzelnen in die Aufgaben des Leibes Christi als Teil eines geistlichen Geschehens geht, entsprechend seinen Gaben und Fähigkeiten. Leitung fördert dieses Geschehen, z. B. durch Anerkennung, Hinweise, auch korrigierender Art, durch die Bereitstellung von erforderlichen Arbeitsmitteln oder auch Fortbildungsangeboten – sie steuert es auch und wird darum in der gebotenen Klarheit die entsprechenden Anforderungen stellen und darauf achten, dass diesen nachgekommen wird. Mit E. Jüngel dürfen wir sagen, dass wir mit uns selbst von Gott begabt sind; und wer immer für sich diese Einsicht entdeckt hat, wird die eigene Person samt ihren Möglichkeiten in den Dienst seiner Kirche einbringen, und die angebotenen Hilfen gern annehmen.

Geistlicher Leitung geht es also um Ermöglichung des Dienstes anderer, um ihre Teilhabe; und insofern stellt sich für das geistliche Leitungshandeln die Frage, ob aus dem Auftrag des Herrn ein bestimmter Leitungsstil, eine bestimmte Form des Umgangs der Leitungspersonen mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abzuleiten ist. (1. Kor. 3, 5 – 11) Dazu ist zu sagen, dass sich der angemessene Leitungsstil nicht anders herausbildet als im Gespräch mit den Schwestern und Brüdern. Es kann nicht um ein autoritäres Schema von Anordnungen und Kontrolle gehen. Geistliche Leitung trägt der Tatsache Rechnung, dass es unbeschadet des „Machtgefälles“ um das Miteinander von Schwestern und Brüdern in Christo geht. Es ist also ein Leitungsstil angemessen, der sich durch respektvolle Ehrlichkeit auszeichnet; und durch Offenheit in der Bereitschaft, aufeinander zu hören, die vorgetragenen Argumente zu prüfen, sich auch in Frage stellen zu lassen. Nicht zuletzt zeigt er sich in Klarheit der Entscheidungen und darin, dass sie begründet und erläutert werden. Geistliche Leitung sollte gesprächsorientiert sein; und das ist die angemessene Weise, zu führen.

Zusammengefasst: Das Führen und Leiten in der Kirche zielt auf die Beteiligung möglichst vieler an dem Auftrag, der ihr gegeben ist. Die Kirche vertraut darauf, dass Menschen mit je ihren Begabungen und Fähigkeiten durch den Heiligen Geist befähigt werden, das Evangelium zu bezeugen. Darum gilt und dies ist, in kürzest möglicher Fassung, die Aufgabe allen Leitungshandelns in der Kirche: Wir wollen Menschen ermutigen, sich bei uns zu engagieren, ihre Gaben einzubringen; und haben sie sich dazu bereitgefunden, wollen wir ihnen helfen, dass sie einen Platz für ihren Dienst in der Nachfolge Jesu finden, sie in ihrem Handeln unterstützen, sie stärken und trösten. Das geschieht im Vertrauen darauf, dass Gott durch den Heiligen Geist seine Kirche führt und leitet.

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