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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl anlässlich des Kirchenvorstandstages am 13. Juni 2015 in der St.-Petri-Kirche Chemnitz

„Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren.“
(Lukas 24, 13 ff.)

Liebe Gemeinde,

Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher sind zur Leitung der Gemeinde berufen; und das ist in diesen Tagen keine kleine Aufgabe. Denn wir leben in einer Zeit des Wandels, in der sich vieles in rasender Geschwindigkeit verändert. Was gestern noch als unumstößliche Gewissheit galt, ist heute umstritten und morgen schon fast vergessen. Auch unsere Kirche bleibt davon nicht unberührt – wenn Dörfer darunter leiden, dass es viel zu wenig Junge gibt, leidet die Kirchgemeinde mit. In den Großstädten werden die Situationen der Menschen vielfältiger, unübersichtlich, die Unterschiede in den Lebensverständnissen vertiefen sich; und all das spiegelt sich auch im Leben der Gemeinden wider. Was den einen als notwendige Modernisierung erscheint, kritisieren andere als Bruch mit dem Vertrauten oder gar als Abkehr von empfangenem Segen. Manche trauern vergangenen Zeiten nach, nicht wenige sorgen sich um den Weg der Kirche in der Zukunft, ein Gefühl der Unsicherheit kennen viele. Für die Kirchenvorstände wünschte man sich, es ginge ruhiger zu und die Dinge blieben wenigstens eine Zeit lang so, wie sie sind … Wie gehen wir mit der Situation um, was kann uns helfen, gangbare Wege einzuschlagen in schwierigem Gelände; wie kann es gelingen, dass wir auf das Kommende nicht verzagt, sondern zuversichtlich sehen? Wir Christenmenschen sind doch zur Hoffnung berufen! (Epheser 4, 4)

Vor Emmaus sehen wir zwei Jünger Jesu, Gefährten des Gekreuzigten auf dem Weg. Sie waren Zeugen einer grausamen Bluttat geworden an dem, den sie lieb gewonnen, auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten. Um seinetwillen hatten sie alles stehen und liegen lassen, waren aus dem Alltag ihres Lebens herausgetreten und hatten wunderbare Erlebnisse mit ihm teilen dürfen: Lahme hatten wieder das Gehen gelernt, Blinde das Sehen, Verzweifelte hatten Trost empfangen. Hoffnung auf ein erneuertes Leben und eine geheilte Welt hatte sie getragen, sie hatten das Unerhörte, nie für möglich Gehaltene an seiner Seite miterleben dürfen.

Dann aber mussten sie die Spannung der Tage in Jerusalem erleiden, seine Verhaftung, ihr kleinmütiges Versagen, als es galt, zu ihm zu stehen. Am Ende stand ein Urteil, das qualvollen Tod und Verderben brachte. Das Kreuz Jesu, eines Unschuldigen, des Trägers ihrer Hoffnungen hatte sie überwältigt; die Welt hatte ihr unbarmherziges Gesicht gezeigt. Alles, was er sie gelehrt hatte, zu glauben und zu hoffen, war dahin. Böse Tat hatte die Gute Nachricht, die sie von ihm empfangen hatten, ins Unrecht gesetzt.

Nun verlassen sie die Stadt auf dem Berge, die Gemeinschaft der Jünger war in Auflösung begriffen, sie sind nur zu zweit. Fliehen sie aus Angst vor der Staatsmacht, befürchteten sie, dass auch ihr Leben gefährdet war? Oder ist es so, dass sie einfach das Naheliegende tun – und zurückkehren in den Alltag ihres Lebens? Wie auch immer, Trauer erfüllte sie, und ganz bestimmt auch Enttäuschung und Resignation. Sie hatten gehofft, doch offenkundig vergebens. Sie hatten einem vertraut, der anders gewesen war als alle anderen, nun standen sie allein. Die Geschichte des Nazareners war zu ihrem Ende gekommen, einem bösen Ende. Sie werden kein Bedürfnis gehabt haben, jemals eine weitere Enttäuschung von dieser Art zu erleben. Sie würden sich keine Illusionen mehr machen, und würden es sich verbieten, jemals wieder die Fragen zu stellen, die sie mit ihrem Herrn besprochen hatten, ob diese Welt eine andere werden könnte, eine friedliche Welt, in der nicht die Macht der Stärkeren, sondern die Liebe und die Gerechtigkeit Gottes herrschen.
So ist die Situation auf der Straße zwischen Jerusalem und dem kleinen Dorf Emmaus. Die Kreuzigung und der Tod beherrschen das Denken und Fühlen der beiden Wanderer. Warum hatte es nicht bleiben können mit ihm, wie es gewesen war?

Dann aber verändert sich die Situation, und wir dürfen Zeugen werden des Wandels. Es ist kein Spektakel, es tritt einer hinzu, fast unbemerkt, ein Gespräch beginnt, und am Ende der Begegnung steht eine Erkenntnis, eine Gewissheit: Es ist alles ganz anders, als wir dachten, als wir denken mussten: Er ist nicht tot, nicht im Grab geblieben, wir haben uns nicht getäuscht, als wir ihm vertrauten, wir dürfen Gemeinschaft mit ihm haben, und Hoffnung – denn er lebt, er ist mit uns. Die beiden Wanderer sind Christus begegnet; der hinzu kam, war der Auferstandene.

Liebe Gemeinde, dies ist die Geschichte eines Umschwungs, wie es nur diesen einen gegeben hat. Mit den Erlebnissen der Jünger an jenem dritten Tage wurde alles anders, nichts blieb so, wie es auf Golgatha gewesen war. Es war der Tag, an dem den Jüngern eine Hoffnung geschenkt wurde, die sie aufrichtete und ihre Perspektive veränderte, nun richteten die Blicke sich auf die Zukunft Gottes. Noch am gleichen Abend kehren sie um, nach Jerusalem, sie erzählen von ihrem Erleben, sie hören die Berichte der Frauen noch einmal und nun mit anderen Ohren; jetzt wissen sie, warum das Grab leer war. Es ist die Geburtsstunde des Glaubens an den auferstandenen Christus, Ihm folgen auch wir auf unseren Wegen.
 
Für die beiden Jünger hatte die Begegnung Konsequenzen – sie stehen auf, schreibt Lukas, sie setzen das Leben in der Nachfolge Jesu fort; der Karfreitag, die Tage der Resignation waren nicht das Ende gewesen. Die Herzen brennen, die Hoffnung ist zurückgekehrt; und so wird aus dem kurzen Weg nach Emmaus eine lebenslange Wanderung, ein Leben mit dem auferstandenen Christus. Die Auferstehungszeugen haben ein Leben im Alltag der Welt geführt, sie haben den Glauben bezeugt unter den Umständen ihrer Zeit. Sie hatten Familien, in denen sie Freud und Leid miteinander teilten, sie sorgten sich um Krankheit und Sterben, um das tägliche Brot, sie arbeiteten, sie feierten den Gottesdienst, sie dankten Gott für die guten Gaben, mit denen er sie beschenkte. Sie hofften und liebten. Sie waren Menschen, wie wir es sind. Ein Merkmal gab es, das sie unterschied: Sie lebten vertrauensvoll in der Bindung an den Auferstandenen, sie glaubten. Daran erkennt man bis heute die Christen, gebe Gott, auch uns.

Wir begegnen dem Auferstandenen nicht in Person – und doch ist es für uns, wie es für die ersten Zeugen war: Der auferstandene Christus ist gegenwärtig auch unter uns; im Gotteswort, unter Brot und Wein.

Das ist ein wunderbares Geschenk, und es erfüllt die Herzen mit Freude und unsere Seelen mit Frieden, es bestimmt den Alltag unseres Lebens und unsere Wanderschaft durch die Zeit, es prägt die Tage der Freude wie auch die Leidenszeiten. Wir bleiben nicht dem Tod verhaftet, sondern wir leben der Hoffnung, die von dem Umschwung der Auferstehung genährt wird. Wir sind zur Hoffnung berufen!

Natürlich wissen wir, dass auch unsere Welt nicht heil ist, dass es für Christenmenschen keinen besonderen Schutz gibt, der ihr Leben abschirmt von dem Schweren, so dass es leichter zu bestehen und angenehmer zu führen sei – so ist es nicht. Der Glaube wird gelebt und bezeugt in dieser Welt, in der es keinen Stillstand gibt und in der sich die Dinge zum Guten, aber auch zum Bösen wenden können. Einen windgeschützten Ort, an dem die Kirche von den Stürmen der Zeit unberührt bliebe, gibt es nicht. Den gab es schon für Jesus nicht, dessen Weg ihn an das Kreuz führte; den gab es für die beiden Wanderer nicht. Und gibt es auch nicht für uns.

Liebe Gemeinde, nach der Begegnung vor Emmaus ging es weiter. Einer Überlieferung nach war ein Sohn des Kleopas einer der Gemeindeleiter der ersten Christengemeinde in Jerusalem, ein Kirchvorsteher. Sein Vater, der Auferstehungszeuge wird ihm erzählt haben, wie vor Emmaus „sein Herz brannte“ (V. 32), als er von dem Unbekannten angesprochen wurde, der ihm „die Schrift öffnete“. Und so diente der Sohn aus Glauben, hoffnungsvoll und in Liebe in seinem Leitungsamt der Kirche. Aus Glauben, hoffnungsvoll und in Liebe – die Kirche wird geleitet von Menschen, denen in dieser Welt das Licht der Auferstehung Christi leuchtet. Und darum: Wer in diesen Tagen Kirchvorsteher oder Kirchvorsteherin ist, Pfarrerin oder Bischof, sieht nicht nur den Zustand der Welt, sondern zugleich auf Christus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Ihm folgen wir auf dem Weg der Versöhnung, den er uns vorausgegangen ist. Mit unserem Herrn hoffen wir, dass sein Reich wächst und diese Welt verändert, dass Liebe und Gerechtigkeit die Wirklichkeit durchdringen. Für die Hoffnung, zu der wir berufen sind, stehen wir ein; und so wollen wir mutig und stark, wie der Apostel Paulus einmal sagt, bezeugen dass kein Mensch sich selbst genug ist, sondern allein durch die Gnade Gottes zum Leben findet. Und im Geist der Nächstenliebe werden wir unsere Herzen nicht verschließen angesichts des Leids von Mitmenschen, das sei ferne von uns. Wir sehen die Not der Verzweifelten, die in elenden Booten das Mittelmeer queren; wir wenden uns nicht ab von der Situation der Armen in unserem reichen Land, wir lassen uns aufstören von dem stillen Sterben der Opfer von Hass und Krieg.

Liebe Schwestern und Brüder, die Gute Nachricht, der Glaube an den Auferstandenen überwindet jede Wirklichkeit; und ganz bestimmt die Sorgen um die Zukunft der Kirche. Den Weg unserer Landeskirche sehen wir in dem Licht, das uns in Christus scheint.

Amen.

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