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Predigt von Landesbischof Bohl anlässlich des Johannisfestes (24. Juni) am 28. Juni 2015 in der Kreuzkirche zu Dresden

„Danach kam Jesus mit seinen Jüngern in das Land Judäa und blieb dort eine Weile mit ihnen und taufte. Johannes aber taufte auch noch in Änon, nahe bei Salim, denn es war da viel Wasser; und sie kamen und ließen sich taufen. Denn Johannes war noch nicht ins Gefängnis geworfen. Da erhob sich ein Streit zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden über die Reinigung. Und sie kamen zu Johannes und sprachen zu ihm: Meister, der bei dir war jenseits des Jordans, von dem du Zeugnis gegeben hast, siehe, der tauft, und jedermann kommt zu ihm. Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. Ihr selbst seid meine Zeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

(Johannes 3, 22 – 30)

 

Liebe Gemeinde,

der Johannistag war am Mittwoch, bis zum Heiligen Abend ist es nur noch ein halbes Jahr, was merkwürdig anmutet, nachdem wir einen regnerisch-kühlen Juni hinter uns haben und der Sommer nach meinem Gefühl noch gar nicht richtig angefangen hat. Aber es liegen ja unbeschwerte Tage in strahlendem Licht vor uns, so hoffen wir jedenfalls kurz vor dem Beginn der Ferienzeit … Und dennoch: um den Johannistag herum werden die Tage wieder kürzer, schon wieder; und in einem geistlichen Sinn ist es ganz ähnlich, was nämlich das Verhältnis des Täufers Johannes zu Jesus betrifft. Der Evangelist berichtet, von seinem Zeugnis: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“

Ich höre diesen Satz nicht ohne die Erinnerung an meine Schwiegereltern, die gläubige Menschen waren. Das Wort des Johannistages hing kunstvoll geschrieben und fein gerahmt im Eingang ihrer Wohnung. Eine Begebenheit aus der Heiligen Schrift, hier das Wort des Täufers zu dem Nazarener, dem er vorausgeht, wird aufgenommen und auf das geistliche Leben bezogen. Das ist ein Grundmuster – wir Christenmenschen versuchen aus den Erzählungen der Bibel für uns selbst eine lebensdienliche Orientierung zu gewinnen; wir hören die Worte der Schrift und wenden sie auf uns an. Darüber entsteht eine geistliche Haltung, die für das Leben der Gläubigen bezeichnend ist – wir leben mit dem Blick auf Christus in der Hoffnung, dass er uns entgegenkommt, dass seine Gegenwart unser Leben verändert, dass Er wächst; und von dieser Haltung werden wir im Lauf der Zeit verändert in unserer Lebensweise und geprägt in unserer Persönlichkeit. So ist das geistliche Leben Ausdruck eines unablässigen Veränderungsprozesses, der gut tut und gut ist für die Mitmenschen und das Zusammenleben mit ihnen: Gut, weil das Menschlich-allzumenschliche, das irdisch Verhaftete sein Gewicht verliert, abnimmt – während die Bindung an Christus wächst. Das ist die Hoffnung, die wir mit der Praxis des geistlichen Lebens verbinden, mit unseren  Gebeten, dem Lesen der Schrift, dem Besuch des Gottesdienstes am Sonntag. Und insofern mögen wir mit Johannes sagen, und uns tagtäglich beim Betreten des Zuhauses erinnern: Er, der Auferstandene soll in meinem Leben wachsen; was meint, dass Er mir wichtiger wird, und ich mein Leben in seinem Sinn gestalte und führe und darüber dann weniger wichtig wird, was mir bedeutsam erscheint – ich aber nehme ab.

In diesen Tagen geht für mich ein langer und intensiver Lebensabschnitt zu Ende, vor 41 Jahren bin ich als junger Vikar in den Dienst der Kirche eingetreten, und in einigen Wochen schon wird sie mir sagen, dass ich von dienstlichen Verpflichtungen frei bin. Auf eine so lange und intensiv gelebte Zeitspanne zurückzusehen, das ist nicht einfach – so weit bin ich noch nicht. Eine Empfindung aber ist stark und eindeutig: Ich staune, wie sich der Anfang durchgehalten hat in meinem Pfarrerleben, nämlich die Berufung, dem Herrn Jesus Christus nachzufolgen. Nach der Schule, sehr jung noch und in den meisten Lebensfragen unwissend, wurden die Grundlagen gelegt, die getragen haben über die lange Wegstrecke des Pfarrberufes hinweg. Und auf diesem Weg ist der Gekreuzigte und Auferstandene mir näher gekommen, ich habe tiefer und besser verstanden, was er in die Welt gebracht hat und für mich und die Menschen gewirkt hat. Er ist gewachsen, und das zu meinem Glück; und wie gut, dass ich mit diesem dankbaren Staunen nicht allein bin, sondern in der Gemeinschaft der Kirche mit vielen anderen verbunden, die es ebenso erleben.

Ja, es ist zum Staunen gut, ein Geschenk, wenn Er unter uns wächst; denn es gibt im Menschenleben vieles, was ein so großes Gewicht hat, dass darüber alles schwer oder gar zu schwer werden kann. Lasten sind im persönlichen Leben zu tragen, Krankheiten, Sorge um die Kinder, Trauer um Verluste, Unverträgliches in der Familie, Streit mit den Mitmenschen, den es hier schon unter den Jüngern des Johannes gab … wie es im Menschenleben eben ist; und dazu gehören auch die Nöte und Herausforderungen je der Zeit, in der es gelebt wird: in diesen Tagen der Krieg in der Ukraine und die Krise der EU, die sich schwer tut, in den anstehenden Problemen Lösungen zu finden: Da ist die massenhafte und unkontrollierte Zuwanderung über das Mittelmeer, die Sorge um die Zukunft der gemeinsamen Währung, in vielen Mitgliedsstaaten die hohe Arbeitslosigkeit der Jungen … Oder die Herausforderungen in unserem kleinen Sachsen – die abgrundtiefe Politikverdrossenheit so vieler, die sich von den demokratischen Prozeduren abgewendet haben, aktuell die aggressiven Vorfälle in Freital und besonders erschreckend die linksextremistischen Gewalttaten vor einigen Wochen in Leipzig.

Liebe Gemeinde, gerade in den Krisensituationen des Lebens erkennen wir Gläubigen, wie Jesus uns den Ausweg zeigt, der die Dinge besser werden lässt, so dass wir an seiner Seite den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden unter die Füße nehmen. In ihm ist Gott in diese Welt gekommen, um das Versehrte zu heilen. Er ist in die wirkliche Welt gekommen, nicht in eine gewünschte; als Er am Kreuz hing, spürte er das Gewicht der Welt. Gottes Liebe gilt nicht einem Idealmenschen, sondern den Menschen, wie sie sind. Der himmlische Vater kennt uns, auch das Dunkle in mir, das Verbogene und das krumm Gewachsene, und trotzdem sieht er uns barmherzig an, liebt seine Kinder. Vor ihm wird die Wahrheit offenbar, auch die unschön Anzusehende und doch segnet er uns mit Gnade. Im Vertrauen auf Jesus Christus und mit ihm als Weggefährten an unserer Seite entdecken wir, dass Gott barmherzig ist – und damit ist uns der Maßstab vorgegeben, an dem wir unser Verhältnis zu den Mitmenschen gestalten sollen. Er ist notwendig für jede menschliche Gemeinschaft. Ohne die Barmherzigkeit kann es nicht gut werden unter uns, nicht in der Kirche, nicht in der Gesellschaft. Auch nicht zwischen Mann und Frau und in den Familien. Ja, es ist eine Verheißung, dass Er wachsen soll in uns und unter uns! Und was für ein Glück, erleben zu dürfen wie uns darüber das Gewicht der Welt leichter wird … glaubend geben wir weiter, was wir von Ihm empfangen haben; und wollen uns nicht über unseren Nächsten erheben, sondern barmherzig sein miteinander. Und so kann der Apostel Paulus sagen, dass wir einander die Lasten des Lebens tragen können und sollen; wie der Wochenspruch sagt. (Galater 6, 2) Das Gesetz Christi ist keine Zumutung, sondern lässt die Verheißung des Täufers lebendig, konkret werden: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Liebe Gemeinde, wie gesagt, die Schwiegereltern waren fromme Leute. Humorvoll waren sie auch, und so hatte das Bibelwort des Johannestages noch eine Akzentuierung, die in der Familie stets präsent war – denn er war eher klein gewachsen, und sie nicht unbedingt schlank zu nennen. Also wurde über das Bibelwort im Flur auch gelächelt, manchmal herzlich gelacht, denn es ergab ja noch einen ganz anderen Sinn … und das war den beiden auch bewusst. So wurden wir immer wieder daran erinnert, dass eine gläubige Lebenshaltung und die wunderbare Gabe des Humors zusammengehören. Die Fröhlichkeit und das Lachen, vor allem auch das über-sich-selbst-lachen Können, sind Gottesgeschenke, ebenso wie der Glauben und es ist ein Segen, wenn sie einander ergänzen, so dass manchmal das eine im Vordergrund steht und es dann auch wieder umgekehrt sein kann. Man sagt uns lutherischen Christen eine gewisse Ernsthaftigkeit nach, und vermutlich nicht zu Unrecht. Martin Luther hat seine 95 Thesen mit den schweren Worten begonnen: „Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen…“, und es ist ja auch kein Leben denkbar ohne das Bemühen um Erkenntnis in dieser oft verwirrenden Welt; und ein gutes Leben verlangt eben nach einer Wahrheit, auf die Verlass ist, so dass wir auf unseren Wegen nicht in die Irre gehen. Wie gut, dass wir im Glauben „zur Freiheit befreit“ sind, wie der Apostel Paulus sagt (Galater 5, 1); und die Freiheit ist nun wahrhaftig eine große und ernste Sache. Aber wenn sie denn geschenkt wurde, wenn sie das Leben bestimmt, dann ist sie ein reiner Grund zur Freude. Der Glaube macht fröhlich und hilft gegen das Schwere, wird barmherzig gelebt, den Menschen zugewandt. Wie schön ist es, zu entdecken, wie darüber das Sein leicht wird und den Kindern Gottes unbeschwerte Freude geschenkt. Darum geht es der Kirche – dass Christus groß wird, und darüber unsere Erdschwere abnimmt, so dass wir einstimmen in den Jubel der ganzen Kreatur! Das Johannisfest und die Leichtigkeit der Sommertage um es herum erinnern uns daran, dass wir uns dankbar des Lebens in der Nachfolge Jesu freuen können. Und so wollen wir das große Jubiläum des Jahres 2017, 500 Jahre nach dem Thesenanschlag, fröhlich so feiern, dass die Freiheit der Christenmenschen ansteckend wirkt auf die anderen. Damit Christus groß wird unter uns und vielen in unserer Zeit. Damit Er wächst – ein Christusfest soll die Erinnerung an das Jahr 1517 sein!
Amen

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