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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl anlässlich des 300. Geburtstages von C. F. Gellert am 5. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 2015, in Hainichen

Predigt zu EG 412 und 1. Johannes 4, 16 – 21:

„Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben am Tag des Gerichts; denn wie er ist, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“

 

Liebe Gemeinde,

das Jahr 1757, in dem Gellerts „Geistliche Oden und Lieder“ erschienen, war im Kurfürstentum Sachsen ein Kriegsjahr. Es brachte schwere Verwüstungen über das Land, Zittau wurde zu großen Teilen durch die österreichische Armee zerstört und in der Schlacht bei Roßbach starben mehr als 10000 Soldaten. Der Angriff Preußens auf Sachsen im Vorjahr, ein Überfall aus sozusagen „heiterem Himmel“ wurde von den Zeitgenossen als ein schreckliches Verbrechen erlebt, für das es keine Rechtfertigung gab, man sah darin einen Verstoß gegen göttliches und menschliches Recht. Das alles wird Gellert vor Augen gestanden haben, als er seine „Geistlichen Oden und Lieder“ schrieb, er war ja ein aufmerksamer Zeitgenosse.

In dieser Situation, in einem Moment, da die Heere der europäischen Völker übereinander herfielen und schreckliches Unheil über ungezählte Menschen kam, dichtete er sein wunderbares Lied zu diesem Abschnitt des 1. Johannesbriefs „So jemand spricht: Ich liebe Gott und hasst doch seine Brüder“ Das gilt!

Der Glaube wird in einer heillosen, zerrissenen Welt gelebt, und das hat sich nicht geändert. Wir leben im Frieden, und es sind ruhige Zeiten, wenn man sie mit anderen vergleicht, z. B. den Lebensumständen Gellerts. Er wurde nur 54 Jahre alt, die Menschen führten ein in vieler Hinsicht gefährdetes, beschwerliches und auch kurzes Leben. 300 Jahre sind vergangen seither, eine lange Zeit, in der sich die Welt verändert hat … die Völker Europas gestalten heute ihre Zukunft gemeinsam und eine so lange Periode des Friedens hat es in der deutschen Geschichte noch nie gegeben. Und doch ist es beileibe nicht so, als hätte diese Zeit keine Herausforderungen und als würden wir gelassen-entspannt auf die Zukunft sehen.

Da ist der Krieg in der Ukraine und die Frage, was er für unser Verhältnis zu Russland bedeutet; da ist die tiefe Krise der EU, die sich schwer tut, in den anstehenden Problemen Lösungen zu finden: die massenhafte und unkontrollierte Zuwanderung über das Mittelmeer, der islamistische Terrorismus, die Sorge um Griechenland und die Zukunft der gemeinsamen Währung, in vielen Mitgliedsstaaten die hohe Arbeitslosigkeit der Jungen … darüber hat sich Verdrossenheit eingestellt und viele, zu viele haben sich von der europäischen Idee abgewendet; es wird darüber deutlich, dass manche nie verstanden haben, dass es in deren Kern um den Frieden auf dem Kontinent geht, nicht nur um Wohlstand und erfolgreiches Wirtschaften. Oder wenn wir an die Herausforderungen in unserem kleinen Sachsen denken – die abgrundtiefe Politikverdrossenheit so vieler, die sich von den demokratischen Prozeduren abgewendet haben; und aktuell die beschämenden Vorfälle in Freital und Meißen, die zunehmenden Hassausbrüche gegen die Flüchtlinge, die zu uns kommen. Erschreckend auch die linksextremistischen Gewalttaten vor einigen Wochen in Leipzig. Nein, der ewige Frieden, von dem in Königsberg Gellerts Zeitgenosse Kant sprach, ist auch heute nicht in Sicht.

Stellt man das Lied Gellerts in den Zusammenhang seiner Zeit, so wird deutlich, dass es angesichts der blutigen Ereignisse des Siebenjährigen Kriegs nur als Ausdruck des Glaubens zu verstehen ist: „So jemand spricht: Ich liebe Gott und hasst doch seine Brüder“ – das geht nicht zusammen, sagt der Dichter, das widerspricht sich.
Gellert wendet sich an die Gläubigen je in ihrer Zeit, und auch an uns. Denn es ist eine zeitlos gültige Auslegung des Liebesgebots – „Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich“. Gott ist die Liebe, das ist die Summe der heiligen Schrift, der Schöpfer und Vater Jesu Christi begegnet uns als Liebender.

Gellert wusste, dass der Glaube in einer heillosen, zerrissenen Welt gelebt sein will und gelebt wird; und er bezeugt, dass es das Geschenk des liebenden Gottes ist, wenn die Gläubigen sich nicht in Finsternis verlieren. Glaubend empfangen sie das Heil, das nur Gott schenken kann. In einem von den Schrecken des Krieges überzogenen Land wird das Evangelium zur Hoffnung der geängstigten Seelen. Was auch die Menschen einander antun können, wenn sie auch von den Mächten des Bösen überwältigt werden – „Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich“.

Ja, Jesus radikalisierte das Gebot der Nächstenliebe bis hin zur Feindesliebe, in ihm ist Gott in diese Welt gekommen, um das Versehrte zu heilen. Er ist in die wirkliche Welt gekommen, nicht in eine gewünschte; als Er am Kreuz hing, spürte er das Gewicht der Welt. Gottes Liebe gilt nicht einem Idealmenschen, sondern den Menschen, wie sie sind. Der himmlische Vater kennt uns, auch das Dunkle in mir, das Verbogene und das krumm Gewachsene, und trotzdem sieht Er uns barmherzig an, liebt seine Kinder. Vor ihm wird die Wahrheit offenbar, auch die unschön anzusehende und doch segnet er uns mit Gnade.

Gellerts Lied spricht davon, welche Stärkung darin liegt, dass wir „unser Heil und höchstes Gut“ (EG 42, 6) durch die Menschwerdung Gottes empfangen. Auch die Katastrophen der Welt werden uns nicht von Gott trennen, denn gerade wegen des heillosen Zustands der Welt wurde er uns „Freund und Bruder“ (ebd.). Als Jesus den Tod erlitt, ging er den Weg des Menschseins bis an das Ende, in die letzte und äußerste Tiefe hinein. Er bezeugte die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen: auch das Kreuz bedeutete nicht die Trennung, sondern – im Gegenteil – versöhnte das Getrennte. So empfangen wir das Heil, das nur Gott schenken kann. Es ist das Geschenk Gottes, dass die Gläubigen sich nicht in Finsternissen verlieren.

Ja, im Vertrauen auf Jesus Christus und mit ihm als Weggefährten an unserer Seite entdecken wir, dass Gott die Liebe ist – und damit ist uns der Maßstab vorgegeben, an dem wir unser Verhältnis zu den Mitmenschen gestalten sollen. Er ist notwendig für jede menschliche Gemeinschaft. Wenn wir nicht bereit sind, unsere Mitmenschen barmherzig anzusehen, einander im Geist der Nächstenliebe zu begegnen, kann es nicht gut werden unter uns, nicht in der Kirche, nicht in der Gesellschaft. Es gibt nur einen Weg – die Liebe.

Der 1. Johannesbrief bringt es auf den Punkt: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Wie gut, was für ein Versprechen, was für eine Perspektive!

Liebe Gemeinde, damit ist nun aber nicht gesagt, dass wir Christenmenschen unser Leben gewissermaßen ungerührt verbringen könnten, als ginge es uns nichts an, was Menschen einander antun und wie gelitten wird unter Gewalttat und Ungerechtigkeit – im Gegenteil. Der Glaube an den Auferstandenen wird nicht in einem gesonderten Raum gelebt, sondern angesichts der Nöte der Welt. Gott ist wahrer Mensch geworden, und denen, die auf ihn vertrauen und ihm nachfolgen, ist er ein „Freund und Bruder“, wie es in Gellerts wunderbarem Weihnachtslied heißt „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“ 1 . Einen Freund oder eine Freundin zu haben, ist ein Geschenk, das dem des Zusammenlebens in einer Familie gleich kommt. Beides gehört zu den Freuden, die das Leben einem Menschen schenken kann – und mag sogar eine Voraussetzung sein, ohne die man nicht verstehen kann, was seine Fülle ausmacht. Geschwister sind eine Vergewisserung angesichts der Fragen, woher wir kommen und wohin wir gehören, Freundinnen und Freunde tragen uns in den Krisen des Lebens. Ein Freund und Bruder ist uns Christus geworden – damit ist gesagt, dass er uns so nah gekommen ist wie Menschen einander nur sein können. Am Kreuz ging er den Weg des Menschseins bis an das Ende, in die letzte und äußerste Tiefe hinein. Wer auf ihn sieht, erkennt den Versöhnungswillen Gottes und wird sich rufen lassen, als ein Kind Gottes mit den anderen friedlich zu leben in versöhnter Verschiedenheit. So gibt es Hoffnung für diese Welt; sie kommt von dem, der uns Licht ist und uns liebt. Die elementare Nähe des Gottessohns lässt uns Kinder Gottes werden, sie schenkt uns Anteil an seiner Liebe.

„Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“
 
Das meint nicht Weltflucht, das ist kein billiger Trost. Weil er den Seinen das Liebesgebot gab, hat Christus von sich gesagt, dass er das Licht der Welt ist. In den Nöten die uns betroffen haben, in den Dunkelheiten unseres Lebens scheint dieses Licht für uns, so dass eine Hoffnung aufleuchtet, wie es gut werden kann, für uns selbst und für alle, mit denen wir in unserer Zeit das Leben teilen – es ist ein göttliches Licht. Dieses Licht werden wir nicht selbstsüchtig für uns selbst behalten, sondern es weitergeben. Unserem Gott geben wir die Ehre, indem wir unsere Mitmenschen lieben und uns all denen entgegenstellen, die feindselig auf geliebte Kinder Gottes sehen und Hass verbreiten. Es gibt Verhaltensweisen, die mit unserem Glauben unvereinbar sind – das ist heute nicht anders als es war zu Gellerts Zeiten. Mit ihm singen wir:

„Wir haben einen Gott und Herrn sind eines Leibes Glieder, drum diene deinem Nächsten gern, denn wir sind alle Brüder.“ (wir ergänzen: und Schwestern)


Amen.

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1  „Du unser Heil und höchstes Gut, vereinest dich mit Fleisch und Blut, wirst unser Freund und Bruder hier, und Gottes Kinder werden wir.“ (EG 42, 6)

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