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Predigt von Landesbischof Jochen Bohl am 6. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 2015 in der Stadtkirche St. Marien in Torgau zur Predigtreihe anlässlich der Ausstellung „Luther und die Fürsten“ – Die Auseinandersetzung um das evangelische Bekenntnis 1530

„heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen.“

(1. Petrus 3, 15 b. 16)

 

Liebe Gemeinde,

die meisten von uns werden sich an die dramatischen Zeiten vor 25 Jahren erinnern, an den Herbst der Friedensgebete, an den Ruf „keine Gewalt“, an die friedliche Revolution, als die Dinge in Deutschland sich in rasender Eile veränderten, ein diktatorischer Staat zusammenbrach und die deutsche Einheit möglich wurde – ein Wendepunkt der Geschichte.

Wiederum sind es dramatische Zeiten heute, da sich die EU in einer tiefen Krise befindet und überall auf dem Kontinent nationale Interessen zunehmen. Wie schwer ist es, in Brüssel für die anstehenden Probleme gemeinsame Lösungen zu finden: Da sind die massenhafte und unkontrollierte Zuwanderung über das Mittelmeer, der islamistische Terrorismus, die Sorge um Griechenland und die Zukunft der gemeinsamen Währung, in vielen Mitgliedsstaaten die hohe Arbeitslosigkeit der Jungen, Armut … Darüber hat sich Verdrossenheit eingestellt und viele, zu viele haben sich von der europäischen Idee abgewendet, von der immer enger werdenden Staatengemeinschaft. Man kann nur erschrecken, dass manche nie verstanden haben, dass es in deren Kern um den Frieden auf dem Kontinent geht, nicht nur um Wohlstand und erfolgreiches Wirtschaften; und so taucht in diesen Tagen die Frage auf, ob wir erneut an einem Wendepunkt stehen, und wohin der Weg Europas geht.

Dramatische Zeiten waren es auch im Sommer 1530, vor und während des Reichstages in Augsburg, es ging um die Zukunft der deutschen Lande, wie man damals sagte. Die Reformation hatte die Menschen und damit auch die Politik in Bewegung gesetzt, und die Zeitgenossen sahen mit Spannung den Beratungen in Augsburg entgegen. Der Kaiser war gerade erst feierlich vom Papst inthronisiert worden, saß endlich sicher im Sattel und nach neun langen Jahren besuchte er wieder Deutschland, erstmals seit dem Reichstag zu Worms, auf dem der Mönch aus dem abgelegenen Wittenberg den Mächtigen die Stirn geboten hatte. Der Kampf gegen die Türken, die noch im Vorjahr Wien belagert hatten, Aufstände in vielen Gegenden Europas hatten Karl V. beschäftigt, jetzt stand die Frage an, wie es im Reich mit den Evangelischen weitergehen sollte.

Es gibt Zeiten und Momente, in denen die Geschichte sich verdichtet, in denen Entwicklungen eine Gestalt finden, die dann für lange Jahre besteht und das Leben der Menschen bestimmt, so war es vor 25 Jahren, als ein Jahrhundert abgewählt wurde, so ist es wohl auch in diesen Tagen für die Europäische Union – und so war es damals in Augsburg; ein Wendepunkt.

Die evangelischen Länder wurden von Kursachsen geführt, also von Torgau aus. Für sie und die vielen Menschen, die der reformatorischen Lehre folgten, brachte der Reichstag entscheidende Tage und Stunden unter großem äußerem Druck. Seit Worms, als Luther noch sehr allein vor den Fürsten stand, hatte sich ein evangelisches Kirchentum entwickelt, und das war in vieler Hinsicht bereits gefestigt… Aber mächtige und entschlossene Widersacher gab es immer noch. Bezeichnend, dass Luther, nach wie vor exkommuniziert und mit der Reichsacht belegt, nicht teilnehmen konnte, das wäre zu gefährlich gewesen. Er hielt sich während des Reichstags in Coburg auf, 200 km entfernt auf sicherem, sächsischen Gebiet. Mit Melanchthon stand er in ständigem Briefkontakt und die Briefe spiegeln die Anspannung und die Dramatik des Geschehens wider, Zweifel, Zuversicht; Verzweiflung gar, dann wieder Hoffnung, ein ständiger Wechsel. Es ging um sehr viel; um nichts weniger als die Anerkennung des protestantischen Bekenntnisses durch das Reich und die katholische Seite. Die Evangelischen konnten und wollten sich in Religions- und Gewissensfragen nicht der katholischen Mehrheit unterwerfen. Und das war, so wie der Staat damals verfasst war, eine Sache von Krieg und Frieden. Äußerste Spannung, unter der Melanchthon als der theologische Führer der Protestanten litt, er war ein sensibler Mensch. Was es für ihn nicht leichter machte, dass er sich in allem und immer fragen musste, was sein Freund dazu sagen würde, dem das Abgeschnitten-sein so schwer fiel … Umso erstaunlicher, was Melanchthon und den anderen gelang – das Augsburgische Bekenntnis, bis heute die zentrale Urkunde des weltweiten Luthertums.

Zwei Dinge standen für die Evangelischen, seit dem Vorjahr wurden sie auch die Protestanten genannt, im Vordergrund. Zuerst mussten die eigenen Reihen geschlossen werden, denn die andere Seite war sich einig und interne Streitereien hätten die Sache aussichtslos werden lassen. Also mussten die Lehrunterschiede, die es in nicht geringer Zahl gab, so zwischen den Wittenbergern und den (Ober-) Süddeutschen, überwunden werden. Dann, und vielleicht noch wichtiger, sollte die evangelische Sicht auf den christlichen Glauben klar und überzeugend begründet werden, in Bejahung und Verwerfung sollte den Katholiken gesagt werden, wofür die Evangelischen stehen.

Zunächst (Artikel 1 bis 21) wollen die Reformatoren darlegen, dass ihr Glauben und ihre Lehre im Einklang mit der Heiligen Schrift und der Tradition der Kirche ist, und das geschieht unpolemisch, sachlich um Zustimmung werbend; man könnte mit dem 1. Petrusbrief sagen mit Sanftmut und Gottesfurcht. In einem zweiten Abschnitt (Artikel 22 bis 28) wird anschließend aufgezeigt, welche Missstände es ihrer Meinung nach in der katholischen Kirche gibt und durch welche Änderungen man diese beheben will, die Rede ist vom Abendmahl unter beiderlei Gestalt, von der Priesterehe, der Abschaffung des Messopfers, wie die Bischöfe ihr Amt führen sollen, nämlich sine vi sed verbo, ohne weltliche Macht, allein durch das Wort, wie es bis heute in der sächsischen Kirchenverfassung heißt.

Das ist der Sitz im Leben der Confessio Augustana, der Grund, warum es sie gibt: Wir, die Evangelischen bekennen uns zu der Wahrheit, die wir gefunden haben – und wir formulieren sie so, dass wir erkennbar werden durch unseren Glauben, für uns selbst und andere. In Augsburg ist ein Bekenntnis entstanden und als es entstand, war es ein Akt des Bekennens.

Liebe Gemeinde, vom Bekennen spricht der Predigttext aus 1. Petrus 3: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist“.

Das Wort bringt auf den Punkt, worum es damals in Augsburg ging, es bezeichnet eine zentrale Dimension der Nachfolge Christi; und ist auch heute zu uns gesagt. Wer dem Gekreuzigten und Auferstandenen vertraut, soll seinen Glauben nicht für sich selbst behalten und wird es auch nicht. Sondern gibt Gott die Ehre, indem er den anderen Menschen weitersagt, was ihm oder ihr geschenkt wurde, wie es ist, zur Freiheit befreit worden zu sein, und zur Hoffnung berufen. Der Reichstag von Augsburg ist lange her, fast 500 Jahre und man könnte meinen, dass sich über dem Verlauf der Zeit so viel geändert hätte, dass es mit uns Heutigen nichts zu tun hätte. Heute sehen es viele ja so, dass alles geht („anything goes“), dass viele Wahrheiten gleichermaßen denkbar sind und nebeneinander stehen bleiben sollen.

Wir Christenmenschen sehen es anders. Wir hängen unser Herz an die Wahrheit, die wir im Blick auf das Kreuz Christi erkennen. Weil sie von Gott ist, bekennen wir sie den Menschen, mit denen wir das Leben teilen. Denn es ist nicht beliebig, wie wir unser Leben leben; ein Leben ohne Überzeugungen kann nicht gelingen und ein Glaube, der nicht vor den Menschen bekannt wird, leugnet das Heil in Christus. Also gehört zum Christenleben, dass wir sagen was wir glauben, und zu dem stehen, was wir sagen – dass es eine Übereinstimmung gibt von Wort und Tat, dass wir, mit den Worten des Petrusbriefes „bereit … sind … zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in … uns … ist.“

Das fällt nicht immer leicht, wie wohl wir alle in unserem Christenleben erfahren mussten. Sei es wegen der Unklarheiten, die wir selbst verspüren oder wegen der Widerstände anderer, die anderes meinen oder wollen. Aber wenn es denn gelingt, dann wird es zum Segen für viele. Daran erinnert uns das Augsburger Bekenntnis, daran erinnert uns aus jüngerer Zeit die Theologische Erklärung der Barmer Bekenntnissynode vor 81 Jahren. Sie sagte in einer konkreten Situation das Wort, das nur die Kirche Jesu Christi sagen konnte; und als es gesprochen war, orientierten sich die Gemeinden der Bekennenden Kirche in den Jahren des Kampfes gegen die totalitäre Ideologie des Nationalsozialismus daran. Die Bekenntnisse der Kirche entstehen aus Glauben, sind untrennbar verbunden mit den Umständen je ihrer Zeit, sie entstehen in einem Akt des Bekennens und leuchten gerade darum in die Gegenwart der nachfolgenden Zeiten hinein.

Liebe Gemeinde, Augsburg 1530 war für die evangelische Sache entscheidend, denn es wurde den Deutschen die Möglichkeit eröffnet, mit dem eigenen Bekenntnis in Freiheit leben zu können. Wir sehen in Dankbarkeit zurück und halten die Gründungsurkunde des lutherischen Glaubens in Ehren. Sie legt uns die Heilige Schrift aus; und sie leitet uns an, in den Streitfragen unserer Zeit, wenn also ein „frei Bekenntnis“ gefordert ist, unseren Glauben zu bekennen, mit Sanftmut und Gottesfurcht – den Suchenden, den Zweiflern, den Ungläubigen, den Andersgläubigen, wem auch immer, jedermann. Auch gegenüber den Mächtigen und ganz besonders in der Zuwendung zu den Armen und Niedrigen.
Amen.

 

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