Navigation überspringen

Landeskirche

Ist der Kirche die Ehe noch heilig, Herr Bischof?

Interview mit dem Landesbischof in der Sächsischen Zeitung vom 21. Mai 2007

Ist der Kirche die Ehe noch heilig, Herr Bischof?

Landesbischof Bohl über die Scheidung seiner Kollegin Margot Käßmann, die eigene Ehe und Regeln für eine glückliche Partnerschaft.


Herr Bohl, spricht man unter Bischöfen eigentlich über Privates, über Familie, die eigene Ehe?

-Ja, durchaus. Wir Bischöfe treffen uns häufig, etwa fünf-, sechsmal im Jahr. Da bittet man dann den anderen zuweilen schon um Rat. Es gibt auch unter Bischöfen Seelsorge.

Dann kam die Nachricht von der Scheidung Ihrer Bischofskollegin Margot Käßmann möglicherweise gar nicht überraschend für Sie?

-Doch, schon. Allerdings bitte ich um Verständnis darum, hier nicht Privates über Margot Käßmann erörtern zu wollen.

Sprechen wir über die Kirche.

-Gut.

Margot Käßmann ist eines der bekanntesten Gesichter des deutschen Protestantismus. Wird diese Scheidung zu einem Image-Schaden für die evangelische Kirche in Deutschland?

-Es wird viele Menschen geben, die das nicht verstehen. Es wird andere geben, die sie unterstützen. Insofern liegt in der Situation ein Konfliktpotenzial. Das werden wir aushalten müssen.

Nun hat sich Margot Käßmann entschieden, als Bischöfin im Amt zu bleiben.

-Man hat die evangelischen Kirchen der Reformation einmal charakterisiert als „Kirche der Freiheit“. Eines unserer Kennzeichen ist das Bemühen, in Verantwortung vor Gott, also mit geschärftem Gewissen, den richtigen Weg in den Konflikten des Lebens zu finden. Das hat zur Folge, dass man in Fragen der Lebensführung zu unterschiedlichen Meinungen kommen kann. Margot Käßmann ist Bischöfin der Landeskirche Hannover. Und die regelt einige Dinge eben anders als beispielsweise die sächsische Landeskirche.

Wie der Fall von Frauenkirchen-Pfarrer Stephan Fritz zeigt. Der musste nach seiner Scheidung sein exponiertes Amt räumen.

-In Sachsen gibt es eine klare Regel für den Fall, dass eine Pfarrers-Ehe zerbricht. Pfarrer, die eine solche Erfahrung machen, werden nicht moralisch disqualifiziert. Aber sie müssen die Stelle wechseln.

Warum?

-Der erste Grund ist: Pfarrer haben die Aufgabe, den Menschen zu erklären, dass die Ehe nicht nur für Abschnitte im Leben gedacht ist. Also nicht eine von 29 bis 35. Dann die nächste ab 40, und so weiter. Ich spiele da ganz bewusst auf das Wort vom „Lebensabschnittsgefährten“ an. Nein, nach biblischem Verständnis wird die Ehe auf Dauer geschlossen. Es geht um Treue. Es geht um Verlässlichkeit. Um ein lebenslanges Miteinander. Wenn allerdings dem Pfarrer selbst nicht gelingt, was er den Menschen erklärt, dann soll das nicht ohne Konsequenz bleiben. Pfarrer sind Vorbilder.

Der zweite Grund?

-Eine Ehescheidung ist der Schlusspunkt einer Krise. Einer schwierigen Situation, unter der mehrere leiden: die beiden, die es angeht, die Kinder, Freunde, Verwandte, oft auch die Kirchengemeinde. Nach einer solchen Krise an einem anderen Ort neu anfangen zu können, ist eine Hilfe. Dies wird auch von den meisten betroffenen Pfarrerinnen und Pfarrern so gesehen.

Gilt diese Regel eigentlich auch für Sie als Bischof?

-Ja. Der Bischof ist ein Pfarrer mit besonderer Aufgabe...

...die aber nur einmal in der sächsischen Landeskirche vergeben werden kann.

-Richtig. Deshalb könnte ich im Fall einer Scheidung auch nicht auf eine andere, vergleichbare Stelle wechseln. Ich würde dann wieder in einer Pfarrstelle arbeiten.

Keine schöne Vorstellung.

-Ich bin gerne Gemeinde-, Jugend- und Diakoniepfarrer gewesen. Ich kann Sie aber beruhigen. Im Moment ist mit diesem Fall nicht zu rechnen. Meiner Frau und mir geht es gut miteinander, am Sonnabend haben wir unseren 35.Hochzeitstag gefeiert.

Hatten Sie nie Ehe-Kummer in diesen langen Jahren?

-Doch, manchmal auch heftigen. Ich weiß sehr wohl, was eine Ehekrise ist – und zwar nicht nur aus der Zeitung. Pfarrer und Bischöfe sind Menschen wie alle anderen auch und nicht ohne Fehl und Tadel. Das zu denken, wäre absurd.

Wie heilig ist der evangelischen Kirche die Ehe überhaupt noch?

-Heilig ist nicht der richtige Ausdruck. Die Ehe ist für uns kein Sakrament. Das unterscheidet uns von der katholischen Kirche.

Anders gefragt: Wie wichtig ist die Ehe der Kirche noch?

-Sie ist für uns ein Gottesgeschenk und eine gute Lebensordnung. Sie ist das Leitbild für das Leben von Mann und Frau. Im Übrigen sind nur etwa zehn Prozent der sächsischen Pfarrer geschieden. Daran sieht man, dass es uns in der sächsischen Kirche ganz gut gelingt, dieses Leitbild zu leben.

Nun gibt es das so gängige wie klare Bibelwort: „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“

-Das sagen wir bei jeder Trauung.

Gleichwohl akzeptieren Sie später die Scheidung.

-Ja, für einen evangelischen Christen ist die Scheidung möglich. Es ist klar, dass man nicht leichtfertig damit umgehen soll. Aber es gibt Lebenssituationen, für die gilt: Das Beieinanderbleiben wäre ein größerer Schaden als die Trennung. Es bringt nichts, sich in der Ehe das Leben zur Hölle zu machen. Das ist nicht christlich.

Es gibt noch so einen gängigen Satz „...bis dass der Tod euch scheide“.

-Auch der wird im Traugottesdienst gesprochen.

Trotz einer Scheidungsrate in Deutschland von über 40 Prozent.

-Die Worte sind keine Floskel. Sie machen den hohen Anspruch an die Ehe deutlich. Den geben wir als Kirche auch nicht auf. Allerdings wissen wir, dass man nicht ohne Schuld durch das Leben kommt, diesem Anspruch nicht immer gerecht werden kann und auf Vergebung angewiesen ist.

Ihre drei Regeln für eine lange, eine glückliche Ehe?

-Regel eins und zwei lauten: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Das ist eine Doppelregel. Man soll sich selbst lieben. Und die Frau bzw. den Mann. Regel drei lautet: Einer trage des anderen Last! Wenn man diese drei Aufforderungen der Bibel beherzigt, dann ist man schon ganz gut beschäftigt, und auf dem richtigen Weg.

Zum Schluss noch die Frage: Hat man als Geschiedener eigentlich schlechtere Chancen, in den Himmel zu kommen?

-Nein. Dass man den Weg zu Gott findet, in den Himmel kommt, ist ein Geschenk Gottes. Auf diese Gnade ist jeder angewiesen; nicht nur der Geschiedene. Ich beispielsweise auch.

Das Gespräch führte Uwe Vetterick.

Schriftgrösse
[A]
[A]
[A]
Link-Tipps