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Kolumne zum Ewigkeitssonntag, Sächsische Zeitung vom 23. November 2007

Eines der erstaunlichen Phänomene unserer Zeit ist der steile Anstieg der Lebenserwartung. Inzwischen dürfen neugeborene Bürgerinnen Sachsens damit rechnen, 82 Jahre alt zu werden. Vor 15 Jahren waren es noch 6 Jahre weniger. Und es ist kein Ende dieser erstaunlichen Entwicklung in Sicht; Jahr für Jahr verlängert sich die Spanne unseres Lebens – in statistischer Betrachtung - um 3 Monate. Es kommt hinzu, dass viele ihr Ruhestandsalter in dem Sinne genießen können, dass sie von gravierenden Einschränkungen der Gesundheit oder der Beweglichkeit lange verschont bleiben und noch als über 80 - jährige gesellig leben, Reisen unternehmen, Sport treiben. Das alles ist im höchsten Masse erfreulich, ein Segen geradezu. Die Gründe liegen in der Verbesserung der Umweltsituation, sie sind der klaren Luft, dem sauberen Wasser und auch der leistungsfähigen Gesundheitsversorgung zu danken. Könnten frühere Generationen uns beobachten, würden sie wohl zu der Meinung kommen, dass wir es leichter haben als sie.

Aber dennoch bleiben wir sterbliche Menschen, auch wir wissen, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. „Rasch tritt der Tod den Menschen an“, ist bei Schiller zu lesen; das gilt ja nach wie vor. Darum bleiben auch die „letzten Fragen“, die sich die Menschen seit je gestellt haben, unverändert. Wie wird es sein nach dem Tod, was bleibt von mir, werde ich Ungesehenes schauen, Gott begegnen? Als einen Teil der Kunst, das Leben zu gestalten, haben die Menschen zu allen Zeiten den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit angesehen.

Heute allerdings kann man den Eindruck gewinnen, als hätte das Bedenken des Sterbens keinen Platz in unserem Leben, als wäre der Tod ein Tabu geworden, an das niemand rühren mag. Man spricht nicht über die eigenen Befürchtungen, und auch nicht über das Hoffen. Viele sterben einsam in Krankenhäusern und Pflegeheimen, werden anonym in einem Gräberfeld beigesetzt. In der Schweiz ist es sogar möglich geworden, sich gegen Zahlung eines Geldbetrages töten zu lassen. Das wird auch für Deutschland angestrebt, einen „Markt“ würde es wohl geben.

Es scheint, als seien wir so beschäftigt, unser lang gewordenes Leben zu genießen, dass kein Platz bleibt für das Bedenken des Todes und die Gestaltung des Sterbens. Aber das ist zu kurz gedacht, denn die Würde des Menschenlebens wird erst ganz erkennbar an der Achtung der Sterbenden und der Toten, am Umgang mit dem Ende. Wenn wir den Tod als einen Teil unseres Lebens begreifen, werden wir auch nicht denken, es sei beliebig, wie wir unsere Tage verbringen. Die Kunst des Lebens und die Kunst des Sterbens gehören zusammen, sie sind eins.

An diesem Sonntag begehen die christlichen Kirchen den Ewigkeitssonntag. Sie wollen an diesem letzten Sonntag des Kirchenjahres zum Ausdruck bringen, dass der Tod bedacht sein will, damit wir klug werden zum Leben. Und sie sprechen von ihrer Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Wer glaubt, braucht sich nicht zu fürchten, wenn der Tod kommt: es wird gut sein.

 

 

 

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