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Zur Weihnacht 2007, Beitrag im MDR

Es ist schön, dass auch in diesem Jahr zu Weihnachten so viele Menschen die Kirchen gefüllt haben. Schon im letzten Jahr haben mehr Menschen die Christvespern besucht als in den 50er Jahren; obwohl damals viermal mehr Menschen der sächsischen Landeskirche angehörten als heute.
Das Weihnachtsfest hat nach wie vor eine erstaunliche Ausstrahlung, und es  ist eine ungebrochene Faszination, die von der schlichten Botschaft ausgeht, dass in der Geburt eines Kindes die Welt ihrem Heil begegnet.
Diese Welt, in all ihrer Widersprüchlichkeit, die unzähligen Verflechtungen aus hellem Licht und nachtschwarzem Dunkel, Gutes und Böses in ihr – und darin die Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit eines Säuglings; das ist ein die Herzen anrührender Gegensatz. Um die Wirklichkeit dieser Welt weiß wohl jeder Mensch; und ebenso ist es ein jedes Herz anrührendes Erlebnis, ein neugeborenes Kind zu sehen, oder gar in den Händen zu halten. Es ist ein großes Glück in meinem Leben, ein Vater zu sein, und oft sehe ich vor meinem inneren Auge unsere Kinder als Neugeborene, erinnere mich an ihren ersten Schrei, den ich miterleben durfte; sehe sie als Kleinkinder, die das Laufen lernten, die Zuversicht in ihren Augen am ersten Schultag, die Konfirmation, den Abschluss der Schulzeit, und freue mich in diesen Tagen über die verantwortungsbewusste Haltung im erlernten Beruf. Und in all dem die unverwechselbare Prägung der Persönlichkeit; die Veränderung der Gesichtszüge auf dem Weg durch das Leben und doch die Vertrautheit von der Geburt bis heute. Wie sehr freuen wir uns an den Kindern, sehen zugleich aber mit Sorge auf sie; wie oft stellen Eltern sich die Frage, wie es mit ihnen werden wird; ob es zum Guten gerät, oder ob schon ein Böses begonnen hat, vor dem sie ihnen Schutz geben möchten. Wie wird es mit ihnen werden, ob sie sich im Leben zu behaupten wissen werden, zum Glück finden?
Es ist eine Beziehung aus Vertrauen und Liebe, und darin liegt das Glück, ein Kind zu sein, ebenso wie der Segen, Vater oder Mutter zu sein. Die Kinder vertrauen sich ihren Eltern an, und es ist dieses Vertrauen ja die einzige Möglichkeit, die ihnen gegeben ist. Darum ist es vollständig, ohne jeden Vorbehalt. Das Vertrauen der kleinen Kinder kommt aus ihrer Schwäche und von ihrem Angewiesensein auf die Fähigkeit der Eltern, sie vor den Gefahren des Lebens zu bewahren. Die Eltern wiederum antworten auf das Vertrauen der Kinder durch die Liebe, die in ihnen ist. Es gibt wohl keine andere Gemeinschaft unter Menschen, die von solcher Tiefe des Vertrauens bestimmt ist.
Umso erschreckender sind die Nachrichten von Vernachlässigung und Gewalttat an Kindern, die uns in dem zu Ende gehenden Jahr immer wieder aufgeschreckt haben. Es ist unbegreiflich, wie sehr auch Scheitern kann, was doch wie nichts anderes das Glück im Leben in sich trägt, welche Bosheiten geschehen. Überhaupt wird man sagen müssen, dass in unserem Land einen schmerzlichen Widerspruch gibt, wir sind nicht im Entferntesten so kinderfreundlich, wie wir es wohl meinen. Seit Jahren wissen wir schon, dass Kinder das höchste Armutsrisiko tragen; man prozessiert gegen das Lachen auf den Kinderspielplätzen, und Tag für Tag werden Entscheidungen gegen ein Kind getroffen, von denen niemand etwas erfährt. Am Ende aber wissen wir ja inzwischen sehr gut, welche Probleme in den nächsten Jahren die niedrigen Geburtenzahlen für unser Land mit sich bringen werden. Unser Land feiert Weihnachten, die Geburt eines Kindes, aber der Widerspruch zu der alltäglichen Kinderfeindlichkeit wird nicht gesehen.

Ein Kind wurde geboren in Bethlehem, kam zur Welt in Armut und gefahrvoller Spannung; über dem Stall aber die Engel mit der Friedensbotschaft Gottes für diese Welt, in der Unfriede und Ungerechtigkeit die Menschen quälen und das Leben der Kinder und der Menschen jeden Alters gefährdet ist, damals wie heute.
Der Apostel Paulus deutet dieses Geschehen in seinem Weihnachtsbekenntnis (Galater 4, 4-7):

4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, 5 damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. 6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! 7 So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind.

Mit der Geburt dieses Kindes, sagt der Apostel Paulus, wird alles anders. Das ist eine Aussage gegen jeden Augenschein, denn es geschah ja nichts als die Geburt eines hilflosen Kindes, auf Vertrauen angewiesen wie jedes Neugeborene, nichts war anders als es Tag für Tag vieltausendfach ist. Aber diese Geburt geschah in dem Moment, da die Zeit erfüllt war, und das unterscheidet sie von allen anderen, es war die Geburt des Gottessohns.
Mit ihr wird alles anders, die Welt verändert sich. Gott wird ein Mensch, er, von dem und in dem alles ist, gibt seine Unnahbarkeit auf; der Schöpfer kommt in die Welt, um den Menschen in ihr zu Hilfe zu kommen. Er kommt als Mensch, nicht anders als ein jeder und eine jede von uns, er kommt in Niedrigkeit als ein neugeborenes Kind. In diesem Kind liegt für jeden Menschen die Möglichkeit, zu Gott zu finden. Wie ein Kind vertraut, so dürfen wir Gläubigen auf Gott vertrauen, das ist das Weihnachtsbekenntnis des Paulus. Er beschreibt das Geschenk des Glaubens: ohne eigenen Verdienst, ohne eigenes Zutun, ohne Hintergedanken geliebt zu werden von Gott; ihm zu begegnen als dem, der auf mich zukommt, den ich als Vater ansehen darf.

Paulus sagt: So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind. Das ist ein Bild mit einer klaren Aussage: der Knecht muss selbst arbeiten, das Kind kann nur empfangen. Es ist darauf angewiesen, zu vertrauen, dass ihm fürsorgende Liebe entgegengebracht wird. Im Stall von Bethlehem macht Gott der Menschheit das Geschenk, sich das Heil nicht erarbeiten zu müssen, sondern ihn selbst zum Vater zu bekommen, seine geliebten Kinder sein zu dürfen. Das ist die Zeitenwende: nicht länger Knecht, sondern Kind Gottes sein.

Das Gotteskind ist in die Welt gekommen. Das verändert die Welt, das verändert unser Leben in dieser Welt; und es geschieht ohne unser Zutun. In der Geburt eines Kindes begegnet die Welt ihrem Heil, sie begegnet der Liebe Gottes. Darum heißt es das Fest der Liebe, nicht etwa, wie viele meinen, wegen unseres Bemühens an diesen Tagen um Liebe untereinander. Wir feiern seine Liebe, nicht unser Bemühen. Im Glauben gewinnen wir Anteil an dem Geschenk, das er uns macht. Wir freuen uns, ihm vertrauen zu dürfen, wie Kinder ihren liebenden Eltern vertrauen. Wir freuen uns, etwas von der Liebe weitergeben zu dürfen, die wir empfangen haben.
Natürlich, wir bleiben Erwachsene, wir tragen Verantwortung, wir müssen und wir sollen gestalten, wir wollen mit unseren Gaben und Fähigkeiten etwas dazu beitragen, dass die Welt nicht bleibt, wie sie ist – aber wir genießen das Vorrecht der Kinder, vertrauen zu können. Wir dürfen Gott als unseren liebenden Vater anreden. Darin liegt eine feste Gewissheit, aus der uns Ruhe kommt für unsere unruhigen Herzen.
Amen.

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