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Leben und Glauben

Kurzandacht


 

Danktag

An einem Sonntag im September oder Anfang Oktober feiern die evangelischen Kirchgemeinden das Erntedankfest. Sie tun das in jedem Jahr, aber es lohnt sich, immer wieder einmal neu über den Inhalt und die Bedeutung von Erntedank nachzudenken, Bekanntes und Bewährtes neu zu betrachten. Beim Nachdenken darüber, was Erntedank ist bzw. nicht ist, fielen mir  komischerweise die Bremer Stadtmusikanten ein, besser gesagt, ein Satz den sie sagen, der eben genau das Gegenteil von Erntedank ist. Einen Satz, den sich die Tiere zusprechen und der ganz genau sagt, was unser Fest nicht betonen will:
„Etwas Besseres als den Tod finden wir überall', so spricht der Esel zum Hahn, der morgen in die Suppe soll. Das ist nichts anderes als Ausdruck einer völligen Verzweiflung. Eine Verzweiflung, die sie zu einem, wie sie meinen, letzten Schritt ins Ungewisse bewegt. Da ist keine Freude, keine Hoffnung, kein Dank. Ein Dankfest sieht sicher anders aus. Keine Frage.
Verzweiflung gibt es immer unter Menschen. Auch unter uns leben Frauen, Männer, Kinder, die den Satz der Bremer Stadtmusikanten ganz gut mit vollziehen können, weil sie Situationen kennen, in denen das so ist. Andere können es nicht in ihren Gedanken mitsprechen, weil sie noch nie an diesem Punkt waren. Aber vielleicht könnten sie einmal  einen besuchen, der nicht mehr weiß, wofür es sich lohnt zu leben. Und wenn sie keinen kennen oder keiner in der Nähe ist, dann sollte man einfach Danke sagen dafür, dass es einem gut geht. Danke sagen für mein Leben, mit Worten und mit Taten in meinem Alltag. Erntedank heißt eben nicht nur Dank für Obst und Gemüse aus dem Garten und Korn auf den Feldern. Es ist vielmehr. Den Dank nicht vergessen, ist wichtig;  nicht nur für das tägliche Brot – das natürlich auch – aber genauso für vieles andere, was mein Leben bereichert und schön macht und lebenswert. Danach kann ich Ausschau halten und versuchen, es bewusst wahrnehmen: Danke für einen Job und ein ausreichendes Einkommen, danke für den Besuch des Enkelkindes oder die Grußkarte zum Geburtstag, Danke für eine gute Entscheidung im letzten Jahr, danke für das Glück einer guten Beziehung, danke für meine Begabungen. Erntedank darf sich nicht auf einen Tag im Jahr beschränken. Was nützt ein Danktag im Jahr, wenn er nicht auf die anderen Tage im Jahr ausstrahlt? So, wie die mit Blumen und Früchten geschmückten Kirchen am Erntedankfest Freude ausstrahlen, so soll auch dieses Fest in den Alltag unseres Lebens hineinwirken.

Pfarrer Matthias Fischer, Niederau


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