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Leben und Glauben

Kurzandacht

Flügel der Morgenröte

Als sie am Flughafen stehen, wird es plötzlich ganz konkret. Sie hat einen großen Koffer gepackt; einen sehr großen. Es ist nicht nur ein Urlaub. Ein ganzes Jahr wird sie weg sein. „Nach dem Abitur gehe ich erst mal ins Ausland." Das ist klug. Sie hat Sprachen gelernt und nirgends vertieft man sie besser als da, wo die Sprache lebendig ist.
„Du wirst sehen", sagen die Freunde, die ihre Kinder schon im Ausland hatten, „die macht eine Riesenentwicklung. Der Horizont erweitert sich. Sie entdeckt ihre Möglichkeiten. Sie übernimmt Verantwortung für sich selbst."
Der Verstand gibt diesen Argumenten Recht. Es wäre auch dumm, die Chance nicht zu nutzen. Mancher wäre froh, wenn er sich so frei hätte bewegen können.
Aber jetzt am Flughafen krampft sich für die Eltern der Magen. Da steht die schöne junge Frau, die man doch gerade erst ins Kinderstühlchen an den Tisch gesetzt hat; oder sie nachts getröstet, wenn ein böser Traum zu verscheuchen war. Erwachsen ist sie geworden. Es ist Zeit, sie gehen zu lassen.
„Was hast du denn an? Du willst doch nicht im Ernst mit Flip-Flops bis nach Amerika fliegen?" – „Wieso? Auf dem langen Flug ist das doch viel bequemer!" Für eine Auseinandersetzung darüber ist jetzt weder Zeit noch Kraft. Sie wird schon wissen, was sie tut. Sie muss ihre eigenen Erfahrungen machen.
Und so geht sie den Weg durch die Sicherheitskontrolle und verschwindet mit einem Winken hinter dem milchigen Glas am Schalter.
Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. (Gen 12, 1f )
Wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt, heißt es Abschied nehmen vom Vertrauten und die ersten Schritte gehen in eine noch unbekannte Zukunft. Mehrmals im Leben gehen wir durch Veränderungen und Krisen. Und immer ist da diese uneindeutige Mischung aus Angst und Zuversicht, Schmerz und Hoffnung.
Am Flughafen kommt unwillkürlich auch der Vers aus dem 139. Psalm in den Blick:
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Unsere Kinder gehen eigene Wege. Die eine hat hoch fliegende Pläne, der andere igelt sich ein und droht ins Abseits zu rutschen, weil die Perspektive fehlt, der dritte macht sich auf den Weg und will nur weit weg.
Als das Flugzeug in den Morgenhimmel aufsteigt, geht ein Gruß zu den Wolken; nicht nur an diesem Tag am Flughafen; auch noch Monate später, wenn eines der Flugzeuge seinen langen weißen Streifen am Himmel zeichnet.
 

Pfarrer Holger Treutmann, Dresden
Rundfunkbeauftragter der Ev.-Lutherischen Landeskirche Sachsens
und
Senderbeauftragter der Evangelischen Kirchen beim MDR

 


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