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Leben und Glauben

Kurzandacht


Offene Türen

Wenn ich im Urlaub in fremden Städten unterwegs bin, suche ich auch nach den Kirchen. Es freut mich immer, wenn die Türen offen stehen und ich mich in eine der Bänke setzen kann. Ich genieße Stille nach dem Trubel der Stadt und die Kühle an heißen Sommertagen. Viel gibt es zu entdecken, Altarbilder, Kunstwerke in den Nischen. Es riecht nach Kerzenwachs.
Ich denke an die Menschen, die schon vor mir hier gewesen sind. Letzten Sonntag und vor vielen Jahren. Der junge Mann mit Liebeskummer. Die Eltern, die überglücklich sind, ihr Neugeborenes im Arm halten zu dürfen. Die Frau, die nach einer niederschmetternden Diagnose nicht weiß, wie es weitergehen soll.  Das Brautpaar, das sich hier trauen ließ. Den Mann, dessen Trauerfeier seine Familie einte. Wünsche, Bitten, Trauer, Herzensanliegen. Nichts davon geht verloren. Kein Wunsch ist zu unverschämt, keine Klage zu bitter, keine Verzweiflung zu groß. Ich kann einfach nur da sitzen und nichts tun. Ich kann beten oder eine Kerze anzünden und sie zu den anderen stellen, die da schon brennen. Prioritäten verschieben sich. Was gerade noch bedrohlich erschien, wird kleiner. Alles war schon einmal da. Ich bin mit meinen Sorgen nicht allein. Hier kann ich sein, so wie ich bin. Es ist egal, ob ich traurig oder glücklich bin. Hier habe ich Heimatrecht.
Viele waren vor mir da. Viele werden nach mir kommen. Und auch sie werden ihr Gebet in meins legen, ihre Kerzen in den Schein der anderen stellen. Das ist eine beruhigende Gewissheit.  Hier ist ein Augenblick Ewigkeit zu spüren.

Katrin Hutzschenreuter, Domgemeinde Freiberg
Prädikantin und Vorsitzende des Kirchenvorstands

 


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