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Leben und Glauben

Bericht vom Sonnabend, 27. Mai 2017

Streitgespräche, Begegnungen, Feste und Verabschiedung nach Wittenberg

Bild: Aussiedlerchor im Gottesdienst in der Nikolaikirche am Sonnabendvormittag
Aussiedlerchor während des zweisprachigen Gottesdienstes in der Nikolaikirche

Der jährlich in einer anderen sächsischen Stadt  veranstaltete Begegnungstag für Aussiedler fand dieses Jahr nicht im September, sondern im Rahmen des Kirchentags auf dem Weg an diesem Sonnabend statt. Unter dem diesjährigen Motto „Angekommen – Angenommen“ kamen Aussiedlerinnen und Aussiedler zu unterschiedlichen Veranstaltungsformaten zusammen. Der Tag begann um 10:00 Uhr mit einem Gottesdienst in der Nikolaikirche, in dem Landesbischof Dr. Carsten Rentzing predigte.

Bild: Landesbischof Dr. Carsten Rentzing (l.) und Oberkirchenrat Friedemann Oehme, Ökumene-Beauftragter
(l.) Landesbischof Dr. Rentzing und Oberkirchenrat Friedemann Oehme, Ökumene-Beauftragter

Er würdigte in seiner Predigt die Integrationsbemühungen und –erfolge bei den Spätaussiedlern in den letzten Jahren. Er wisse wohl, was es bedeute, wenn Menschen entwurzelt würden. „Wie ein Gewaltakt kommt dies über sie“, sagte er im Hinblick auf die Aussiedler. Es gehe nicht darum, einen Baum zu fällen, wohl aber zu verpflanzen. Tragende Wurzeln erwüchsen nicht nur aus der gewohnten Umgebung, nicht nur aus der Familie und der Kultur, sondern zuerst aus der Liebe Gottes. Gottes Liebe werde die Menschen halten und sie werde alle Dinge zum Besten bringen, macht der Landesbischof den Gottesdienstbesuchern Mut: „Wer in dieser Liebe eingewurzelt ist, an dem beißen sich die Schatten der Finsternis die Zähne aus. Gott liebt dich.“

Bild: Zwei junge Aussiedlerinnen tanzen während des Festaktes im Neuen Rathaus

In diesem Vertrauen hätten sich vor 500 Jahren auch die Reformatoren auf den Weg gemacht mit der Überzeugung „Christus  ist bei uns. Die Liebe Gottes ist der tragende Grund unseres Lebens.“ Nur so hätten sie Vieles zurücklassen können und das Wagnis eingehen, das, was deren Leben bisher auszeichnete, aus der Hand zu geben. Und nur so konnten sie zu Wegbereitern einer neuen Epoche werden, sagte Dr. Rentzing.

Im Festsaal des Neuen Rathauses fand zwischen mittags die zentrale Veranstaltung zur Würdigung der Integrationsleistung von Aussiedlerinnen und Aussiedlern mit Aussiedlerchören, Kabarett, Interviews, Tanz und Musik statt. Der Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Staatsminister Dr. Fritz Jaeckel, hielt ein Grußwort. In kurzen Filmsequenzen und Interviews wurden im Wechsel mit Musik fünf positive Integrationsbeispiele von Aussiedlern vorgestellt.
Am Nachmittag waren einige Tische an der Leipziger Kaffeetafel in der Petersstraße von Aussiedlerinnen und Aussiedlern vorbereitet worden.

Bild: Ev. Jugend schlug ihre Zelte im "Clara-Park" auf
Evangelische Jugend im Clara-Park

Zum Stichwort „Leben“ gehörten an diesem Sonnabend die vielen Begegnungsmöglichkeiten, ob es sich nun um den Begegnungstag für Aussiedler, das Familienzentrum im Grassimuseum, die große Kaffeetafel oder das vom sächsischen Landesjugendpfarramt an der Jugendkirche stattfindende Jugendprogramm handelte. Familien mit Kindern sind ins Familienzentrum des Kirchentags auf dem Weg im Grassi-Museum zu vielfältigen Angeboten eingeladen gewesen. U.a. war eine tamilische Tanzgruppe mit Parai-Trommlern oder ein Ausflug in die Völkerkunde mit der Führung „Rundgänge in Einer Welt“ zu erleben. Am Nachmittag gab es einen kindgemäßen Vortrag über die Entstehung der Zeitschriften unter dem Titel „Die Abrafaxe unterwegs in der Reformationszeit“.
Optisch und akustisch bunt geht es auf der Bühne Salzgäßchen/Reichsstraße mit Musik und Tanz Open-Air zu. Von hier aus wurden auch Stadtführungen in russischer Sprache angeboten.

Bild: Podium mit Zuhörern in der Kongresshalle Dr. Renzting und Dr. Käßmann
Podium mit Landesbischof Dr. Carsten Rentzing und Prof. Dr. Margot Käßmann in der Kongresshalle

Landesbischof Dr. Rentzing bestritt in der Kongresshalle am Zoo mit Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann, Reformationsbotschafterin, das Podium „Lutherischer Glaube und Pluralität“. Viele Fragen durch den Moderator Dr. Martin Vetter, Rektor des Pastoralkollegs in Ratzeburg, wurden nicht kontrovers beantworte, weil beide Gesprächspartner im weltweiten Luthertum ähnliche Erfahrungen machten.

Bild: Landesbischof Dr. Carsten Rentzing (l.) und Prof. Dr. Margot Käßmann

So erläuterte Dr. Rentzing seine aktuellen Eindrücke von der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Windhuk, wo er in der „lutherischen Weltkirche“ viel „Stolz“ auf das Lutherische erleben durfte. Viele Freiheiten, die hier selbstverständlich seien, würden in anderen Ländern erst erkämpft. Prof. Käßmann mit langjährigen internationalen und ökumenischen Erfahrungen möchte doch lieber vom Reformationsfest und weniger vom Reformationsgedenken sprechen. Trotz aller Fortschritte im ökumenischen Miteinander bleibe ihr beim Papsttum vieles fremd.

Zu Streitfragen unserer Tage stellten sich Dr. Heinrich Bedford-Strohm, bayerischer Landesbischof und Ratsvorsitzender der EKD, und Dr. Thomas de Maizière, Bundesinnenminister.

Bild: Dr. Thomas de Maizière und Dr. Heinrich Bedford-Strohm
Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière, Dr. Heinrich Bedford-Strohm

Im Gespräch zwischen Kirchenvertreter und Politiker sollte geklärt werden, inwieweit Kirche noch eine gesellschaftlich gestaltende Kraft darstellt oder inwieweit es überhaupt wünschenswert ist, dass Kirche in Politik und Gesellschaft mitmischt und mit welchem Mandat. „Religion hält zusammen und ist der Kitt der Gesellschaft.“, so de Maizière in der Podiumsdiskussion. Ebenso sprach er das Dilemma an, in dem er als christlicher Politiker stecke, wenn er Soldaten in den Krieg schicke oder über die Flüchtlingspolitik entscheiden müsse. „Religion ist widerstandsfähig und eine Gesellschaft ist gut beraten, Religion als etwas Öffentliches zu sehen“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm.

Bild: Petersstraße weiß gedeckt zur Kaffeetafel

Sachsens längste Kaffeetafel

Die Leipziger Petersstraße verwandelte sich am Sonnabendnachmittag in voller Länge von über 350 Metern in die längste Kaffeetafel. Hier hatten Gäste des Kirchentages auf dem Weg, aber auch Besucher und Besucherinnen der Stadt, überraschte Passanten und Einkaufslustige die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Hier konnten sie eine Pause machen, innehalten und neue Kräfte sammeln. 72 Tischpaten aus Kirchgemeinden und Vereinen der Region luden an 117 Tischen mit 3.000 Tassen zum Kaffee-, Tee- und Kuchenwunder mitten auf der Straße ein. Das Projektvorhaben übertraf die hochgesteckten Erwartungen der Organisatoren.

Bild: Frauenmahl am Abend im Barocksaal (Foto: Rainer Oettel)

Ein Höhepunkt der sächsischen FRAUENMAHLE der letzten Jahre wurde das Treffen der Reformerinnen zu „Frauen.Macht.Reformation“ mit z.T. internationalen Gästen im Salles de Pologne, Hotel Michaelis. Im Barocksaal wurde um 14:00 Uhr zu einer Matinée geladen und am Abend begann das Dreigängemenü. Petra Köpping, die Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, präsentierte zur Matinee am Nachmittag die Dokumentation der 25 sächsischen Frauenmahle, die während der Reformationsdekade an verschiedenen Orten stattgefunden haben.

Impulsgeberinnen bei diesem Frauenmahl waren die jesidische Journalistin und Filmemacherin Düzen Tekkal und Solveig Lara Gudmundsdottir, Ev.-Luth. Bischöfin aus Island. Düzen Tekkal berichtete von der Vorbildwirkung, die ihre wehrhafte Großmutter auf sie ausübte. Sie verschaffte sich Respekt im Dorf und in der Familie. Düzen Tekkal mahnte die Sprachfähigkeit im eigenen Glauben an, damit Religionen nicht für populistische Zwecke instrumentalisiert werden.

Bild: Frauenmahl Leipzig 2017: v.l. Kathrin Pflicke (Kirchliche Frauenarbeit), Petra Köpping (Sächs. Staatsministerin), Kathrin Wallrabe (Gleichstellungsbeauftragte EVLKS), Dr. Kerstin Schimmel (Ev. Akademie Meißen)
Frauenmahl Leipzig 2017: v.l. Kathrin Pflicke (Kirchliche Frauenarbeit), Petra Köpping (Sächs. Staatsministerin), Kathrin Wallrabe (Gleichstellungsbeauftragte EVLKS), Dr. Kerstin Schimmel (Ev. Akademie Meißen)

Sie setzt sich für die Unterstützung von Frauen in den unterschiedlichsten Lebenslagen ein, dazu nutzt sie ihren Beruf als Journalistin und Filmemacherin und erzählt die Geschichte verfolgter Menschen, wie beispielsweise die (fast) vergessene Geschichte der Jesiden.

Solveig Lara Gudmundsdottir berichtete über ihren Weg vom Studium der Theologie bis zur Bischofswahl in Island. Ausschlaggebend waren für sie die Arbeitsergebnisse der Frauenabteilung des Lutherischen Weltbundes (LWB). Damit konnte sie ihr Interesse für feministische Theologie und für Frauenrechte verbinden.
Die Impulse wurden von den Tischgemeinschaften aufgenommen und weiter diskutiert. Am Ende der Tischgespräche konnten eigene Thesen formuliert und vorgetragen werden.
Staatssekretär Dr. Ralf Kleindiek überbrachte in seiner Rede die Grußworte und Anerkennung der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Manuela Schwesig, und ging auf politische Vorhaben ein, die in dieser Legislatur umgesetzt werden konnten. [Zusammenfassung der Frauenmahle in Leipzig]

Bild: Platzkonzert am Zoo-Eingang
Platzkonzert am Zoo-Eingang

Am Nachmittag gaben die Posaunenbläser an verschiedenen Orten in Leipzig Platzkonzerte. Das zufällig vorbeikommende Straßenpublikum applaudierte den Ensembles. Ob aus Sachsen, Westfalen oder aus anderen deutschen Landen, ob jung oder älter, ob weiblich oder männlich, die klanglichen Kostproben ließen aufhören, bevor es zum abendlichen Bläserfestkonzert auf dem Augustusplatz ging.

Hier trafen sich erneut 3.000 Posaunenbläser und zahlreiche Zuhörer. Zwischen den einzelnen Stücken wurden Videosequenzen über die Tradition der kirchlichen Bläsermusik gezeigt. Vom traditionellen Turmblasen, dem Gottesdienst, der konzertanten Entwicklung bis hin zu modernen Melodien und Songs bot der Gesamtchor entsprechende Hörbeispiele. Insbesondere der Einsatz der Posaunenchöre im Rahmen der Kirchentage sowie eigener Bläsertreffen wurde in Erinnerung gerufen. Die letzten großen Bläsertreffen 2008 in Leipzig und 2016 in Dresden waren als Deutsche Evangelische Posaunenfeste in Sachsen zu Gast. Nach Dresden kamen im letzten Jahr 17.000 Bläserinnen und Bläser und 5.000 weitere Gäste.

Nach der Sammlung des Evangelischen Posaunendienstes in Leipzig geht es am Sonntag gemeinsam mit den aus Berlin angereisten Kollegen nach Wittenberg auf die Festwiesen.

Bild: Bläser auf dem Leipziger Augustplatz verabschieden sich am Abend nach Wittenberg
Bläserinnen und Bläser auf dem Leipziger Augustplatz verabschieden sich am Abend nach Wittenberg

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