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Böhmische Brüder in Zeiten der Corona-Pandemie


28. April 2020

Nach dem Gottesdienst geht’s weiter zum digitalen Kirchenkaffee

DRESDEN | PRAG – Seit vielen Jahren besteht zwischen dem Landeskirchenamt (Dresden) eine Partnerschaft mit der Zentralen Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) in Prag. Jetzt erhielt das Landeskirchenamt Kenntnis über einen längeren Bericht des Prager Kirchenamtes über die gesellschaftliche und kirchliche Lage in Tschechien. Tschechien lebt wie die meisten Länder in Europa und weiten Teilen der Welt im Bann der Corona-Pandemie. Die Regierung hat relativ schnell auf das Corona-Virus reagiert und schon am 12. März den Notstand ausgerufen. In wenigen Tagen wurde das öffentliche Leben fast gänzlich lahmgelegt.

Geschäfte wurden geschlossen, der Tourismus kam in kürzester Zeit zum Erliegen und Veranstaltungen aller Art wurden verboten und das Kontaktverbot eingeführt, das es nicht erlaubt, sich mit mehr als zwei Leuten zu treffen. Alle Menschen in Tschechien sind verpflichtet, außerhalb ihrer Wohnung einen Mund- und Nasenschutz zu tragen – immer und überall, auch im Fernsehen.
Wie alle Veranstaltungen, so sind auch alle Gottesdienste untersagt. Was vor einigen Jahren noch undenkbar schien, ist gegenwärtig in der Kirche fast schon normal:

Menschen treffen sich digital - virtuell zum Gottesdienst, zum Kaffee, zur Bibelstunde und zum Pfarrertreffen. Aus der realen Welt hat sich nicht nur das kirchliche Leben in eine elektronische Welt verlagert, zu der sehr viele Menschen, wenn auch bei weitem nicht alle, Zugang haben. Vor einigen Jahren wurde in der EKBB eine einheitliche E-Mail-Adresse eingeführt und mit den gleichen Buchstaben auch die Web-Seite der EKBB: www.e-cirkev.cz. Církev heißt Kirche und das E steht für Evangelisch und für Elektronisch. „So sind wir nun also gegenwärtig gezwungen, die elektronische Seite des E ganz ernst zu nehmen - und das tun wir auch“, heißt es in dem Schreiben.

Seit 17. März kann man jeden Morgen eine Andacht auf der Internet-Seite anhören – und zwar mit Gebet, Bibeltext und Segen. Die Andachten werden von Pfarrerinnen und Pfarrern der EKBB gestaltet, die mit einem einladenden Bild vorgestellt werden. So sind inzwischen mehr als 30 Andachten vorhanden, die jederzeit angehört werden können. Diese Andachten lassen etwas von der Vielfalt erleben, die es in unserer Kirche gibt. Ebenfalls für jeden Tag gibt es ein Abendgebet, das von einem Laien geschrieben ist.

Darüber hinaus gibt es beispielsweise zahlreiche Angebote von Gemeinden bei Bohoslužby on-line, (auf Deutsch: On-line Gottesdienste). Hier ist die ganze Vielfalt von technischen Möglichkeiten vertreten: Gottesdienst-Aufzeichnungen im Video, Direkt-Übertragungen am Sonntagmorgen mit Bild und Ton, oder auch nur mit Ton. Dann gibt es viele schriftliche Angebote für den Gottesdienst und die Andacht zu Hause: Predigten, Lesungen, Gebete. Es gibt Gebetsbrücken in Gemeinden und On-line-Cafés.

Bei der Diakonie der EKBB heißt es: „Wir sind bei Ihnen auch in Zeiten der Krise“. Da wird auf verschiedene Möglichkeiten hingewiesen, Hilfe als Freiwilliger anzubieten oder um Hilfe zu bitten. Es gibt ein Krisentelefon für ganz Tschechien, an das man sich mit Fragen aller Art wenden kann. Die Diakonie stellt auf einer Landkarte von Tschechien ihre Möglichkeiten zu helfen vor.

Die deutschsprachige Gemeinde in „Martin in der Mauer“ in Prag feierte zunächst per Skype und dann mit ZOOM on-line Gottesdienste gefeiert. Aus Kapazitätsgründen mit bis zu 80 Personen aus Prag und ganz Europa wurde auf ZOOM umgestellt. Um 10:30 Uhr beginnt dann die Andacht, die eine gute halbe Stunde dauert und aus vier Wohnungen gesendet wird. Die Kuratorin begrüßt und macht die Abkündigungen. Eine Familie macht Musik, spielt und singt Lieder zum Mitsingen, aus einem anderen Wohnzimmer kommen die Lesungen und schließlich aus dem vierten die Liturgie und die Predigt. Danach geht’s weiter zum digitalen Kirchenkaffee.

Auf der Internet-Seite der EKBB  gibt es eine weitere Kategorie, die neu ist: „Církev doma“, (Kirche zu Hause) heißt es da. Ein großes Angebot an Video-Aufzeichnungen von Gesprächen, zum Beispiel mit dem Synodalsenior, an Präsentationen für Erwachsene, für Kinder und Jugendliche. So ist auch kleines Video zu sehen, in dem ein Pfarrer in seiner Kirche sitzt und ganz leger erzählt, was es für ihn bedeutet, Gottesdienst zu feiern. Erfrischend ist oft die zivile Art, wie hier erzählt wird. Oder ein Pfarrer, der den diesjährigen Evangelischen Kalender vorbereitet. Für diesen Zweck hat er Kolleginnen und Kollegen gebeten, interessante Geschichten aus ihrem Pfarrersalltag zu erzählen.

Wie geht es weiter: Nach fünf Wochen im Notzustand gab es ab 20. April erste Lockerungen in einigen Bereichen, da die Regierung die Entwicklung der Corona-Virus-Pandemie im Land insgesamt positiv einschätzt. Derzeit werde viel spekuliert, wann sich das Leben wieder normalisiert und ein freies Reisen wieder möglich sei, so der Bericht. Bis jetzt sei geplant, dass es alle zwei Wochen Lockerungen geben soll. Auch im Blick auf die Möglichkeit von Gottesdiensten, die bis jetzt noch verboten waren, solle es ab gestrigen Montag, 27. April, also praktisch für nächsten Sonntag, 3. Mai, Gottesdienste erstmals mit maximal 15 Personen, dann ab Sonntag, 17. Mai, mit 30 Personen und ab Sonntag, 31. Mai, (Pfingsten) mit 50 Personen möglich sein. Ein normaler Gottesdienst ohne Beschränkung der Teilnehmerzahl ist ab 14. Juni in Aussicht gestellt.

Synodalsenior Daniel Ženatý hat das Motto geprägt „Víru si chraň, viru se braň!“, auf Deutsch etwa „Bewahre dir den Glauben und vor dem Virus schütze dich!“ Im Tschechischen klingt das Wort Glaube (víra) und das Wort Virus fast gleich, im Deutschen gibt es kein ähnliches Wortspiel. Am Ende des Schreibens heißt es: „Schützen müssen wir einander auch davor, dass wir uns nicht von der Corona-Krise unseren Glauben und unser Denken vernebeln lassen! Die Corona-Pandemie bleibt wohl noch lange eine globale und immense Herausforderung, auch für die Kirchen. Nehmen wir doch diese Herausforderung an!“

Rückblick auf (fast) normale Zeiten:

Pfarrer im Gottesdienst-Stream aus Prag-Dejvice
Jugendband im Gottesdienst-Stream aus Budweis
Kirche "geschlossen", aber Kindergottesdienst-Stream aus der Gemeinde in Brünn
Gottesdienst im tschechischen Fernsehen

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