Alle Nachrichten

Nachricht

Bereich

Evangelische Schulen in Sachsen – Erfolgsmodell und Herausforderung


23. März 2019

Die insgesamt 72 evangelischen Schulen in Sachsen sind eine Erfolgsgeschichte. Aber in Einzelfällen gibt es auch Kritik. Im Gespräch mit Oberlandeskirchenrat Burkart Pilz.

Herr Oberlandeskirchenrat Pilz, in der letzten Woche hat die Schulstiftung der EKD ihr Jubiläum in Leipzig gefeiert. Wie sehen Sie derzeit die Situation der evangelischen Schulen in Sachsen?

Die Entscheidung der Schulstiftung der EKD, der Einladung nach Sachsen zu folgen zeigt, dass die evangelischen Schulen hier in besonderer Weise ein Grund zur Dankbarkeit sind.  So viele Schulgründungen wie in Sachsen gab es in keiner anderen Landeskirche im Osten Deutschlands. Wer hätte sich vor 30 Jahren schon vorstellen können, dass mittlerweile 12 000 Schüler in Sachsen sinnstiftende evangelische Bildung erfahren dürfen? Wir klagen ja oft über Rückgänge im Raum unserer Kirche – in den evangelischen Schulen wächst unsere Kirche nach wie vor. Und jedes dieser Kinder kommt in Berührung mit der Gottesfrage,  kann in einer wertschätzenden und demokratischen Schule lernen und christlichen Glauben als Orientierung erleben.

Was genau bringt es einer Schule, dass sie als evangelische Schule anerkannt wird?

Auch wir in Sachsen haben eine Schulstiftung, die sich als Dach und Klammer aller Schulen in evangelischer Trägerschaft versteht – auch in Verbindung mit den diakonisch getragenen Schulen.  

Bei aller Unterschiedlichkeit der Schulen ist „Evangelische Schule“ eben eine Marke mit einem konkreten Profil und auch mit einem Anspruch. Die Konkurrenz schläft ja nicht und die evangelischen Schulen brauchen konkrete Unterstützung durch ihre Landeskirche. Diese leistet unsere sächsische Schulstiftung für die Schulen in vielen Bereichen.

Dazu gehören zum Beispiel finanzielle Förderung, Weiterbildungen für Schulleiter, Lehrergewinnungsmaßnahmen, eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit oder auch wichtige politische Arbeit in Fragen der Gesetzgebung.

Nach welchen Kriterien wird die Anerkennung als evangelische Schule ausgesprochen?

Jedes Profil hat bestimmte Merkmale und Standards – darauf ist auch beim evangelischen Profil zu achten. Die Kriterien reichen daher von der Anerkennung unserer kirchlichen Grundlagen – wie den lutherischen Bekenntnisschriften, aus denen sich pädagogische Zielstellungen ableiten  - bis hin zu konkreten Fragen nach Schulgottesdiensten. Auch die Frage, ob Dialog- und Verantwortungsbereitschaft im Horizont des christlichen Glaubens an der Schule erkennbar gefördert wird, spielt eine Rolle. Wichtig ist z.B. auch, dass im konkreten Unterricht die religiöse Dimension fächerübergreifend zur Geltung kommt. Wir erwarten auch, dass die Ortsgemeinden und der Kirchenbezirk gut mit der Schulleitung kooperieren und man sich verbindlich und loyal zur Schulstiftung und zur Landeskirche stellt.

Evangelische Schule ohne evangelische Kirche geht nicht. Das gilt übrigens auch umgekehrt.

Die evangelischen Schulen sind ja sehr unterschiedlich. Erfüllen alle diese Kriterien gleichermaßen?

Die Schulen sind so vielfältig wie die Gemeinden und wie die Menschen unserer Kirche. Eine Normierung kann und soll es nicht geben – vielmehr geht es immer wieder um gegenseitige Unterstützung und Vernetzung und auch um die Frage, wie wir gemeinsam einen nicht zu unterschreitenden Standard beschreiben.

Die Schulkonzeptionen der 72 evangelischen Schulen in Sachsen unterscheiden sich natürlich auch, notwendigerweise. Es muss daher immer wieder gemeinsam eine gute Balance gesucht werden  – eine Balance zwischen Verbundenheit und Einheit im Raum unserer Kirche und ihrer Diakonie auf der einen Seite und besonderen örtlichen Stärken und Facetten mit vielfältigen Schulprofilen auf der anderen Seite.

Das ist manchmal auch kontrovers. Aber Vielfalt ist kein Störfall, sondern gewollt.

Der Ev. Schulverein im Landkreis Bautzen sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sich nicht genug gegen rechte Tendenzen abzugrenzen. Wie sehen Sie die Situation dort?

Der Schulverein dort leistet seit vielen Jahren mit hoher Energie viel, wofür man dankbar sein kann. Immer aber gab es auch Reibungspunkte, auch innerhalb des Kirchenbezirkes. Ich habe mit den Pfarrern, die dort Verantwortung tragen, zuletzt mehrfach gesprochen – auch vor Ort.

Eine Beurteilung politischer Haltungen ist sicher nicht die Aufgabe des Landeskirchenamtes. Aber Manches von dem, was auch öffentlich von Verantwortlichen dort theologisch vertreten wurde und wird, kann nicht unwidersprochen bleiben. Das habe ich auch in Gesprächen mehrfach zum Ausdruck gebracht.

Insbesondere dann widerspreche ich entschieden, wenn christlicher Glaube und die Arbeit der evangelischen Schule mit völkischen Denkmustern  zusammen gebracht wird und dies als biblisch legitim gedacht wird.

Die biblische Nächstenliebe umfasst eben nicht nur die Liebe zum eigenen Volkstum, oder zur Familie, zur Heimat, zu den Geschwistern des eigenen Glaubens. Ihr Wesensgehalt liegt in der grenzüberschreitenden Liebe bis hin zur Feindesliebe. Es geht bei Jesus kultur- und religionsübergreifend um die Zuwendung zum Notleidenden, wie es in der Geschichte des barmherzigen Samariters kulturprägend erzählt wird.

Ich wünschte, wir würden grundsätzlich immer voraussetzen, dass uns als weltweite Christenheit die Gemeinschaft im Glauben und die durch Christus hergestellte Gemeinschaft verbindet!

Gerade an einem evangelischen Gymnasium ist christlicher Glaube in seiner universalen biblischen Weite zu vermitteln. Er lässt sich nicht auf das Nationale beschränken und wir kennen keinen Nationalgott und keine Nationalreligion im Christentum.

Wenn die Bekennende Kirche im dritten Reich mit der ersten These der Barmer Theologischen Erklärung formuliert: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören haben.“, zielt das genau in diese Richtung. Keine anderen Mächte, Gewalten, Traditionen, Vorstellungen können eine Normativität beanspruchen, die diesen Bezug auf Jesus ausblendet – auch keine Volksgemeinschaft und kein kulturelles Leitbild.

Denn von einem christlich verbrämten völkischen Denken hin zur Herabwürdigung von Personen, wenn sie nicht zur eigenen Religion, Kultur oder Nationalität gehören, ist es ein kleiner Schritt. „Zuerst mein Volk!“ ist dann geradezu zwingend der bekannte Ruf, der neue Zustimmung erlebt, nicht nur in Amerika. Dieser Ruf kennt dann kaum  Rücksicht auf die anderen Völker oder  Mitverantwortung für eine friedliche Völkergemeinschaft.

Das ist für mich daher kein christlicher Gedanke, erst recht kein biblischer. Man sieht vielmehr weltpolitisch ja überdeutlich, wie damit  verdeckt oder offen Tendenzen zu gewaltsamer Auseinandersetzung geschürt werden.

Und dem müssen wir uns entschieden mit einer Friedensethik widersetzen, wie Dietrich Bonhoeffer es zu seiner Zeit getan hat. Vor allem natürlich in Bildungsprozessen mit Kindern und Jugendlichen leitet uns der Geist der Versöhnung.

Evangelische Schule darf Wertevermittlung und das Werben für die Schönheit des christlichen Glaubens nicht verwechseln mit Einweisung in ein Volkstums-Christentum. Die nötige und wichtige Rede von Heimat geht für mich als Christ nie ohne den radikalen biblischen Gedanken, dass Heimat immer auch Heimat für Fremde sein muss. Heimat als kulturell hermetisch geschlossener Raum ist eine völkische Fiktion. Zumal wir uns als Menschen Gottes im Unterwegs sein verstehen – und letztlich nicht in einer nationalen Einhausung.

Deshalb ist auch diese schon mehrfach kritisierte Plakette am Schulgebäude in Gaußig, wo die Lehre „deutscher Güte“ proklamiert wird, für mich nicht nachvollziehbar und ich kann nicht erkennen, wie das innerhalb evangelischer Bildungsarbeit zu begründen und zu verantworten ist. Es ist  unklar, worin bei der Rede von Güte – die ja biblisch immer zuerst Gottes Güte und Barmherzigkeit meint – worin da das besondere „Deutsche“ liegen soll.

Kann man als Erzieherin im Schulhort tätig sein, wenn man aus der Kirche ausgetreten ist? Und sind bestimmte politische Ansichten ein Grund, jemanden nicht in Schule und Hort zu beschäftigen?

Das ist eine Frage, die zuerst der Verein zu beantworten hat. Die Schulvereine sind grundsätzlich rechtlich autonom, auch wenn sie kirchliche Fördergelder erhalten. Zugleich sind sie natürlich mit der Anerkennung als evangelische Schule gewiesen an die Regelungen innerhalb unserer Kirche. Dies gilt natürlich insbesondere für Pfarrer die im Dienst der Landeskirche stehen.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Schulverein im Landkreis Bautzen?

Ich werde – wie bisher – weiter versuchen die Gespräche nicht abreißen zu lassen. Einige Schulen dieses  Schulvereins haben die Anerkennung der Landeskirche bisher auch noch nicht erhalten aus unterschiedlichen Gründen. Das muss geklärt werden. Denn in der Anerkennung drückt sich auch das Verhältnis zur Landeskirche aus. Darüber ist weiter zu sprechen. Das Landeskirchenamt steht dafür immer zur Verfügung.

Das Gespräch führte Tabea Köbsch.

Sächsische Schulstiftung

Die Evangelische Schulstiftung in der EKD und die Barbara-Schadeberg-Stiftung feierten in Leipzig ihr 25-jähriges Bestehen.

Teilen Sie diese Seite