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Abschlussbericht zu Fällen sexualisierter Gewalt in Pobershau


27. Juni 2023

DRESDEN / POBERSHAU - Im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (EVLKS) stellte die Unabhängige Aufarbeitungskommission Pobershau (UAKP) heute in der Silberscheune Pobershau ihren Abschlussbericht vor. Die UAKP war Anfang 2022 von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, dem Kirchenbezirk Marienberg und der Kirchgemeinde Kühnhaide Pobershau beauftragt worden. Sie bearbeitete Vorfälle sexualisierter Gewalt in Pobershau in den 1990er Jahren, die 2019 erstmals öffentlich bekannt geworden waren. Zum Auftrag der UAKP gehörten u.a. das Feststellen des Ausmaßes der Vorfälle, die Klärung der Verantwortlichkeiten, die Aufdeckung begünstigender Strukturen, das Aufzeigen der Folgen sexualisierter Gewalt für die Betroffenen sowie die Aufstellung von Empfehlungen für die Landeskirche.

Landesbischof Tobias Bilz dankte in seinem Wort zuallererst den Betroffenen für ihren Mut und ihre Bereitschaft zur Mitwirkung an diesem Aufarbeitungsprozess. „Indem Sie mit uns gesprochen haben, haben Sie verhindert, dass wir nur über Sie reden. Sie haben für Pobershau gedacht und gehandelt, obwohl Sie hier so viel Leid erlebt haben und inzwischen an ganz anderen Orten leben.“, sprach er die Betroffenen direkt an. Herzlich dankte er auch der Aufarbeitungskommission für den umfangreichen und inhaltsschweren Abschlussbericht. Er sagt: „Ich ahne, wie viel Arbeit Sie hier hineingesteckt haben und ich danke Ihnen im Namen der Landeskirche für diese Mühe.“ Einen Dank richtete er auch an die Kirchgemeinde dafür, dass diese sich in diesen Prozess begeben und an ihm mitgewirkt habe. Auch wenn es noch eine Weile schwer sein werde, seien diese Prozesse gut und wichtig und er habe heute gelernt: „Es kann auch ein posttraumatisches Wachstum geben.“ 

Für die Landeskirche sagte er: „Aufarbeitung ist Mühe, Heilung ist ein Prozess. Wir werden uns diesem Prozess und den damit verbundenen Mühen und Herausforderungen stellen!“. In der Beschäftigung mit den Missbrauchsfällen von Pobershau habe die Landeskirche sehr viel gelernt und dieser Lernprozess werde weitergehen. In diesem Sinne würden die Empfehlungen der Aufarbeitungskommission genau angeschaut werden. „Ich setze mich persönlich dafür ein, dass die Landeskirche sich den drei Bereichen Prävention, Intervention und Aufarbeitung intensiv widmet und diese stärkt.“, so Landesbischof Tobias Bilz. Als Kirche brauche es aber auch eine reflektierte  Auseinandersetzung mit Schuld und Vergebung. 

Abschlussbericht der Unabhängigen Aufarbeitungskommission Pobershau

Statement des Kirchenvorstandes der Kirchgemeinde Kühnhaide-Pobershau

Wort von Landesbischof Tobias Bilz

 

Ausführlicher Bericht von der Veranstaltung:

Eröffnet wurde die heutige Veranstaltung von Martina de Maizière, die auch die Moderation der Veranstaltung innehatte. Von Seiten der Kirchgemeinde wurden die ca. 100 Anwesenden von Pfarrer Volker Gebhard begrüßt, welcher im November 2022 und damit nach dem Beginn des Aufarbeitungsprozesses seinen Dienst in der Kirchgemeinde Kühnhaide-Pobershau begonnen hatte. Er habe in dieser Zeit dankbar wahrgenommen, dass Menschen wieder miteinander ins Gespräch gekommen seien.

Seinen Worten schloss sich eine Erklärung des Kirchenvorstandes der Kirchgemeinde Kühnhaide-Pobershau an. Für den Kirchenvorstand sprach Lutz Reichel zunächst die Betroffenen an und bat diese nochmals um Entschuldigung, auch für die fehlende Kommunikation mit ihnen selbst. Der Aufarbeitungsprozess und die in diesem Zusammenhang stattgefundenen Gespräche seien von allen Beteiligten als wertvoll und ermutigend empfunden worden. Für die Gemeinde sei daraus der Wunsch nach einem Gemeindeprozess entstanden, der inzwischen begonnen worden sei. Der Kirchenvorstand sei sich seiner Verantwortung zur weiteren Aufarbeitung und zur Prävention bewusst. „Wir verstehen den Abschlussbericht nicht als Endpunkt der Aufarbeitung.“ Er bilde vielmehr die Basis für den weiteren Weg der Gemeinde im Umgang damit. Und er stellte klar: „Dieses Thema wird Teil unserer Gemeinde, aber auch der ganzen Kirche bleiben.“

Agnes Bost, die Präventionsbeauftragte des Kirchenbezirkes Marienberg, stellte an den Beginn ihrer Rede ihre tiefe Betroffenheit angesichts der Gewalt, die Kinder und Jugendliche in der Gemeinde Pobershau erlebt haben. Und sie macht deutlich: „Kinder und Jugendliche brauchen in unserer Kirche einen sicheren Raum, in dem sie im Glauben wachsen können!“. In ihrer Funktion als Präventionsbeauftragte sagte sie: „Was geschehen ist, kann nicht wieder gut gemacht werden. Aber es macht deutlich: Wir können und müssen etwas tun, damit so etwas nicht wieder geschieht.“ Dabei wies sie auf die Präventionsmaßnahmen hin, die es bereits in der Landeskirche gebe, so beispielsweise die verpflichtende Erarbeitung von Schutzkonzepten, die Vorlage von Führungszeugnissen und das Unterzeichnen eines Verhaltenskodexes. Sie bat alle Gemeindeglieder, daran mitzuwirken, dass die Sensibilität für das Thema des Kinderschutzes und der Gewaltprävention überall wächst.

Die Mitglieder der vierköpfigen Unabhängigen Aufarbeitungskommission Pobershau stellten dann den Abschlussbericht der Kommission vor. Der Rechtsanwalt Jörn Zimmermann erläuterte, dass es sich bei den untersuchten Fällen klar um den Straftatbestand des Missbrauchs von Kindern handele. Die Vorfälle hätten sich häufig wiederholt und sich über einen relativ langen Zeitraum von etwa zwei Jahren (1997-1999) erstreckt. 2019 sei von mehreren Betroffenen Strafanzeige gestellt worden, der Beschuldigte habe daraufhin eine Selbstanzeige gestellt, das Verfahren sei im Mai 2020 wegen Verjährung durch die Staatsanwaltschaft eingestellt worden. Sie habe aber klar festgestellt, dass es sich um Straftaten des sexuellen Missbrauchs von Kindern gehandelt habe.

Die Traumatherapeutin Dr. Julia Schellong dankte ganz ausdrücklich den Betroffenen für deren Unterstützung des Aufarbeitungsprozesses. Ebenfalls dankte sie Pfarrer Wagner für dessen Dokumentation der Ereignisse, die zu einer Öffentlichmachung der Fälle geführt hatten. Und sie dankte allen Beteiligten aus der Kirchgemeinde und dem Kirchenbezirk, die sich in Interviews und Gesprächen der Kommission gegenüber geäußert hatten. Sie erläuterte, wie diese umfangreichen Unterlagen in den Bericht Eingang gefunden haben.

Die Sozialpädagogin Christiane Hentschker-Bringt erläuterte die Wirkungen sexualisierter Gewalt und der in diesem Zusammenhang immer vorhandenen Täterstrategien, die auch im Täterverhalten der Fälle sexuellen Missbrauchs in Pobershau zu finden gewesen seien. Anhand von konkreten Aussagen aus Interviews machte sie diese Strategien noch einmal deutlich. Sie sagte den Gemeindegliedern zum Schluss: „Wir muten Ihnen diese Fakten zu, auch wenn sie vielleicht schwer zu hören sind. Aber wir sind uns sicher, dass Sie sie tragen können und daraus etwas Neues und Gutes machen können.“

Als letztes Mitglied der Kommission sprach der Psychotherapeut Dr. Gregor Mennicken über den Zusammenhang von kirchlichen Strukturen und sexualisierter Gewalt. Missbrauch werde durch starke Machtstrukturen ebenso begünstigt wie auch durch diffuse oder fehlende Machtstrukturen. Der Mut der Betroffenen in Pobershau und der begonnene Aufarbeitungsprozess hier habe auch an anderer Stelle der sächsischen Landeskirche dazu geführt, dass Betroffene den Mut gefunden hätten sich zu melden. Im Aufarbeitungsprozess sei deutlich geworden, dass es in den 90er Jahren zum Zeitpunkt der Straftaten keine Strukturen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt gegeben habe, weder im Bereich der Prävention noch im Bereich des Umgangs mit Verdachtsfällen. Auch 2019 beim Bekanntwerden der Fälle in Pobershau habe es diese Strukturen noch nicht oder zumindest unzureichend gegeben. Seitdem sei aber sehr viel geschehen in der sächsischen Landeskirche, was u.a. auch durch die Vorfälle in Pobershau in Bewegung gekommen sei. Er machte deutlich, dass es dennoch strukturelle Defizite gebe, weshalb die Aufarbeitungskommission in ihrem Abschlussbericht auch klare Empfehlungen an die sächsische Landeskirche formuliert habe.

Dr. Julia Schellong ging in einem weiteren Statement auf die Folgen von sexuellem Missbrauch bei Betroffenen ein. Sie macht deutlich, dass dies traumatische Erlebnisse seien, die sich tief im Gedächtnis verankern. Sie verwies auf Studien, die feststellen, dass dies selbst schon bei sexuellen Belästigungen der Fall sei. Weiter sei es im Gegensatz zu anderen traumatischen Erlebnissen bei sexueller Gewalt sehr viel schwieriger, darüber zu sprechen. Sie dankte den Betroffenen ausdrücklich für ihren Mut über die an ihnen begangene Gewalt zu sprechen.

Christiane Hentschker-Bringt wies darauf hin, dass bestimmte Voraussetzungen sexualisierte Gewalt erst ermöglichen. Das Bagatellisieren der Taten sei auch in den vorliegenden Fällen weit verbreitet gewesen, so dass die Taten heruntergespielt werden konnten. Es habe zum Zeitpunkt der Taten keine generelle Sensibilisierung zu Fragen „Nähe und Distanz“ gegeben. Weiter sei auch die generelle Haltung zur Sexualität im Raum der Kirche ein Thema, welche viele Personen in den Interviews benannt hätten. Sexualität sei vielfach ein mit Scham und Schuld verbundenes Thema, welches Schweigen begünstige. In diesem Sinne habe man es mit einer doppelten Tabuisierung zu tun.

Jörn Zimmermann ging auf das Phänomen der Spaltung ein, welcher nach der Öffentlichmachung der Vorfälle in der Kirchgemeinde und im Ort aufgetreten sei. Die Kommission sieht dies aber als ein normales Geschehen an, welches in solchen Fällen immer wieder auftauche. Bei der Aufdeckung unangenehmer Vorfälle sei man mit massiven negativen Gefühlen konfrontiert, mit denen man umgehen und wo man sich positionieren müsse.

Dr. Gregor Mennicken ging nochmals auf die Empfehlungen ein, welche die Kommission der Kirchgemeinde und der Landeskirche gebe. Die Landeskirche sollte sich proaktiv um Aufarbeitung bemühen.

Landesbischof Tobias Bilz dankte in seinem Wort zuallererst den Betroffenen für ihren Mut und ihre Bereitschaft zur Mitwirkung an diesem Aufarbeitungsprozess. „Indem Sie mit uns gesprochen haben, haben Sie verhindert, dass wir nur über Sie reden. Sie haben für Pobershau gedacht und gehandelt, obwohl Sie hier so viel Leid erlebt haben und inzwischen an ganz anderen Orten leben.“, sprach er die Betroffenen direkt an. Herzlich dankte er auch der Aufarbeitungskommission für den umfangreichen und inhaltsschweren Abschlussbericht. Er sagt: „Ich ahne, wie viel Arbeit Sie hier hineingesteckt haben und ich danke Ihnen im Namen der Landeskirche für diese Mühe.“ Einen Dank richtete er auch an die Kirchgemeinde dafür, dass diese sich in diesen Prozess begeben und an ihm mitgewirkt habe. Auch wenn es noch eine Weile schwer sein werde, seien diese Prozesse gut und wichtig und er habe heute gelernt: „Es kann auch ein posttraumatisches Wachstum geben.“ 

Für die Landeskirche sagte er: „Aufarbeitung ist Mühe, Heilung ist ein Prozess. Wir werden uns diesem Prozess und den damit verbundenen Mühen und Herausforderungen stellen!“. In der Beschäftigung mit den Missbrauchsfällen von Pobershau habe die Landeskirche sehr viel gelernt und dieser Lernprozess werde weitergehen. In diesem Sinne würden die Empfehlungen der Aufarbeitungskommission genau angeschaut werden. „Ich setze mich persönlich dafür ein, dass die Landeskirche sich den drei Bereichen Prävention, Intervention und Aufarbeitung intensiv widmet und diese stärkt.“, so Landesbischof Tobias Bilz. Als Kirche brauche es aber auch eine reflektierte  Auseinandersetzung mit Schuld und Vergebung. 

Unter der Moderation von Martina de Maizière konnten die Anwesenden im zweiten Teil der Veranstaltung Fragen stellen, in denen es in einem sehr ehrlichen, offenen und intensiven Austausch vielfach um das Thema Schuld und Vergebung ging.

Weitere Informationen zur Unabhängigen Aufarbeitungskommission Pobershau

Kirche in Pobershau

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